Offline

Kaum verfolge ich zwei Tage lang keine Nachrichten, habe ich bei der Rückkehr den Eindruck, die Welt schlägt nur noch Purzelbäume. So viele Tote, Anschläge, Amokläufe, 70 Jahre alte Bomben und frisch gebaute. Das muss ich erst mal sortieren, was war jetzt wann wo. Und kann es sein, dass ich das alles nicht mitgekriegt habe? Dass mein größtes Problem an diesem blutigen Wochenende ein paar Regenschauer waren? Die wichtigste Frage, was ich zu Abend essen möchte? Wie kann ich überhaupt an meine kleinen Problemchen denken, wenn doch die halbe Welt brennt?

Ich kann. Weil es für meine Seele wichtig ist. Weil es niemandem davon besser geht und kein einziges der großen Probleme dadurch gelöst wird und kein einziger Toter wieder lebendig, wenn ich die auf allen Kanälen im Sekundentakt hochsteigenden Spekulationsblasen im Sekundentakt verfolge. Es gibt Menschen, deren Beruf genau das ist. Hoffentlich haben sie ihn sich freiwillig ausgesucht, und hoffentlich kommen sie damit klar, sich so viel mit schlimmen Ereignissen zu beschäftigen, ohne darüber an der Schlechtigkeit der Welt zu verzweifeln und zu Zynikern zu werden.

Es ist unglaublich wichtig, dass sie für uns alle diese Arbeit machen. Dass sie die sich überschlagenden Ereignisse verfolgen und zusammenfassen. Das sie das möglichst unabhängig und neutral tun. Dass sie mir mit dieser Arbeit ermöglichen, mir eine hoffentlich unabhängige Meinung zu bilden.

Dazu brauche ich Nachrichtenmeldungen, die nicht nur Gerüchte verbreiten und immer wieder Halbwissen hinausposaunen, nur damit der Newsfeed nicht abreißt. Nachrichten, die nüchtern sagen, was Stand der Dinge ist. Und dazu brauche ich manchmal auch  Abstand. Es ist nicht schlimm, nicht alles in Echtzeit mitzukriegen, und das heisst auch nicht, dass ich gleich Vogel Strauß spiele. Es ist viel Schlimmes passiert an diesem Wochenende. Aber das ist kein Grund, dass ich zum Newsjunkie mutieren muss, der am Nachrichtentropf hängt und sich nur noch für Katastrophen interessiert.

Wichtig ist, dass wir bei all dem das Leben nicht vergessen. Wichtig ist, dass wir nichts klein reden, oder so tun, als sei alles in bester Ordnung, weil unsere kleine Welt nicht betroffen war. Wichtig ist, dass wir hinschauen und die richtigen Fragen stellen. Ein schmaler Grad ist das zwischen Gaffen und Wegschauen. Wichtig ist, dass wir selbst unabhängig in unserer Meinung bleiben und zugleich die Unabhängigkeit der anderen akzeptieren und Respekt voreinander haben, ohne gleichgültig zu werden.

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