Tabu (Worüber man nicht spricht)

Tabu

Das Heiligste ist zugleich das Verbotenste. Es ist TABU. Den Namen Gottes sollst du nicht nennen. In sein Heiligtum darf nicht einmal der höchste Priester eintreten. IHN darstellen? Traue dich nicht.

Über den Geschlechtsakt sollst du nicht sprechen, denn durch ihn wird Heiliges vollzogen: die Befruchtung, das Wunder der Lebenserneuerung.

Angesichts des Todes sprich nicht. Du siehst die leere Hülle eines Menschen, der nicht mehr „darinnen“ ist. Wo ist er? Niemand weiß es. Schweig, sprich nicht! Es könnte dich sonst hinüberziehen vor der Zeit.

Auswurf, Sperma, Exkremente, Ausscheidungen jeder Art, eine ganze zahlreiche Menschenkaste  – berühre sie nicht, sprich nicht drüber. „Sowas nimmt man nicht in den Mund“.

Schweig! Rühre nicht dran! Fürchte dich! Ekle dich. Scheue dich. Schäme dich. Schweig.

Schließe die Augen, schließe den Mund. Halte dir die Nase zu. Wende dich ab.

Das Leben – der Tod, der Tod.

Der Beginn, die Geburt in Schleim und Blut – sprich nicht drüber. Das Sterben, brechendes Auge, Gewürm und Maden, Gase. Heilig ist das Leben. Wenn es auszieht aus dem Leib, wenn der Leib zum Leichnam wird – rühre nicht dran. Er wird dich vergiften, der Tod wird dich mit sich nehmen.

Die Todeskammern,  die Gebärkammern, die Liebeskammern, die Gotteskammern – Tabu. Alles was wichtig ist, ist Geheimnis. Dein Beginn und dein Ende, deine innersten Gedanken – sprich nicht drüber. Schweig.

Kunst besteht im Tabubruch. Heute mehr denn je. Wir dulden keine Tabus mehr. Tabus sind etwas aus anderen Epochen, übriggebliebene Relikte. Weg damit. Heute sprechen wir über alles. Alles, hast du gehört? Deine innersten Gedanken – übergib sie den social networks, kotze dich aus. Soundso viele Schatten des Grau – wir goutieren das. Sprich drüber. Schlachte ein Schwein auf offener Bühne – warum nicht? Es geschieht ja in den Todeshallen der Schlachtereien, tagtäglich Hekatomben, was sage ich, Milliotomben, warum schweigen über Dinge, die geschehen? Das Grauen vergeht, du gewöhnst dich dran. Brings hinter dich. Schau den Tatsachen ins Gesicht. Die Todesangst vergeht. Die Scham vergeht. Die Lust vergeht auch.

Die drei Akte des Lebensdramas: Der Geschlechtsakt wird ausgeleuchtet. Die Geburt wird zum technischen Akt. Der Tod, der Tod …. Der letzte Akt. Hier versagt die Sprache. Rühre nicht dran. Tabu.

Die Griechen nannten den Bereich, der sich der normalen Erfahrung verschließt, Mysterium. Das Wort bedeutet die Geste des Fingers vor den Lippen: Schweig!

Die wichtigste Mysteriumsstätte war in Eleusis.  In der Erzählung ging es um den Raub der Persephone durch Hades, ihre Herrschaft in der Unterwelt und um ihre Wiederkehr.

Die Mysterien von Tod, Verwandlung und Neugeburt – hier erlebte sie der Adept in der Einweihung. Sprechen durfte er nicht über seine Erfahrungen. Auf Mysterienverrat stand der Tod. Vielleicht konnte er auch nicht drüber sprechen. Denn solche Erfahrungen entziehen sich wohl der Sprache.

Hades raubt Persephone (c) Gerda Kazakou
Hades raubt Persephone (c) Gerda Kazakou
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13 Gedanken zu “Tabu (Worüber man nicht spricht)

    1. ich weiß nicht. Kann man sich wirklich dran „gewöhnen“? Der Tod lässt sich, meine ich, nur aushalten, wenn er mit der Vorstellung der Wiedergeburt verbunden wird. So wie wir es von der Natur kennen: Herbst – Winter – Frühling.

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    2. es geht mir gar nicht so sehr um Trost, liebe NennmichMamma. Wiedergeburt, wie die Natur sie uns vormacht – dass in jedem Frühjahr neues Leben geboren wird aus dem verwesenden Alten – ist eine uns allen bekannte Erscheinung. Das ist das eine. Das andere: Die Vorstellung des Weiterlebens meines seelisch-geistigen Kerns über den Tod hinaus und die erneute Inkarnation in anderer Gestalt erzeugt in mir einen starken ethischen Impuls. Ich lebe im Hier auf eine Zukunft hin, die ich mir jetzt bereite. Liebe Grüße

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  1. Interessanter Gedanke, dass die Technisierung der Biologie auch eine Ent-Tabuisierung des Lebens ist. Andererseits habe ich das Gefühl, dass das Tabu des Todes sogar noch stärker wird, wenn man sich die Debatte um Verbot der „Sterbehilfe“ anschaut oder an was für beeindruckende Apparate man Menschen zwecks lebensverlängernder Maßnahmen klemmen kann, nur um sein Ableben herauszuzögern.

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  2. Den Tabubruch durch die Kunst halte ich für einen schmalen Grad. Ist er zu extrem, bin ich als Empfänger der Kunst zu erschrocken, nehme ich die Botschaft nicht war. Ist er zu gering, sehe ich gar nicht, dass da eine Botschaft sein könnte. Aber ist er (für mich) wohl dosiert, bringt er mich zum Nachdenken, und ich bin aufnahmefähig für die Botschaft.

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    1. Dies ist eine wichtige Relativierung, danke Tanja.
      Der Tabubruch als Allüre und Affront – wie man ihn ja in der Kunst zur Genüge kennt – befriedigt höchstens den Markt, der immer was Neues braucht. Dazu rechne ich auch die Mohammed-Karikaturen oder andere Spielchen mit dem „Heiligsten“ der Mitmenschen. Andererseits ist Kunst nicht möglich, wenn die Tabus jeden spontanen Ausdruck ersticken. Du darfst dies nicht, du darfst das nicht – das macht dumm, hilflos und ängstlich. Wer sich nicht testet, wo er oder sie wirklich steht, was er oder sie wirklich will, bleibt ein Leben lang in der Tabuzone stecken, die sich immer enger um ihn schließt, bis sich nichts mehr rührt.
      Vielleicht ist das Wort „Respekt“ hilfreich, um die Grenze zu zeigen zwischen notwendigem und überheblichem Tabubruch (letzteren nennt man im Griechischen Hybris). Liebe Grüße aus dem Süden! Gerda

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  3. Wir sprechen über zu vieles nicht, zu vieles wird verschwiegen.
    Wir fallen über Geheimnisse und Geheimnisse reizen zum Entschlüsseln.

    Ich erinnere mich, daß ich als Kind immer dabei war, hinter ein gut gehütetes Geheimnis zu kommen (es gab viele in dieser Familie) und oft gelang es mir und dann war ich verblüfft, wie wenig geheimnisvoll das war, was ich letztendlich erfuhr.

    Große Probleme habe ich immer, wenn die Kunst diesen schmalen Grad des guten Geschmacks, bzw. des Respektes vor etwas, vielen Menschen Heiligem, vermissen läßt.
    Mit Respekt sollten wir miteinander umgehen und auch niemandem einen Schleier vom Gesicht reißen, mit dem er sich vor uns verbirgt.

    Es sei denn, es will uns jemand ein Leid antun, dann wäre es gut zu wissen, WER will es und WARUM

    Lieber Gruß von Bruni

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