Reden oder Schweigen?

Es gibt viele Themen, deren Vertiefung bereits beim ersten Anschein einer Annäherung unterbunden wird. Nur wenige Worte reichen aus, um den Gesprächspartner in Angst und Schrecken zu versetzen und selbst mit einem panischen Darüber spricht man nicht zum Schweigen gebracht zu werden. Ganz oben auf der Liste der nicht anzusprechenden Themen steht natürlich das ewige Tabu-Thema. Über den Tod spricht man nur, wenn er in weiter Ferne hunderte oder tausende Menschen trifft oder wenn man den Kill Count des letzten Rambo-Films oder seine Call of Duty Statistik betrachtet. Kommt er einem aber selbst zu nahe, gilt offenbar das Motto: Lässt er sich nicht totschweigen, muss man bis zum Tod schweigen. Oder so.

Doch neben dem Klassiker existieren natürlich viele weitere Themen, die grundsätzlich nicht oder in bestimmten Situationen oder bestimmten Menschen gegenüber nicht angesprochen werden sollten. In den sechs Jahren, die zwischen der Diagnose und dem Tod meines Opas lagen, haben wir nie über seine Krankheit gesprochen. Bis zum Schluss wurde dieses Thema kein einziges Mal erwähnt. Meine Oma machte jedem Besucher bei jedem Besuch unmissverständlich klar, dass der Krebs in seiner Anwesenheit nicht zur Sprache kommt. Zwar wurde dies akzeptiert und befolgt, schließlich war es allein seine Entscheidung, dennoch blieb die Frage, weshalb es Tabu war. Konnte er es selbst nicht akzeptieren? Hatte er Angst vor dem, was ihn erwartete, oder davor, bemitleidet zu werden? Wollte er das Bild bewahren, das die Anderen von ihm hatten?

Ist es die Wahrheit, über die man nicht spricht?

Immerhin scheint es so, als dürfe man teilweise nicht mal über harmlose Dinge sprechen. Wie zum Beispiel die Absicht, den Arbeitgeber zu wechseln. Während andere Kollegen ihre Kündigungen wie aus dem nichts präsentierten und unseren Chef vor vollendete Tatsachen stellten, suchte ich zuvor das Gespräch mit meinem Vorgesetzten (und ehemaligen Ausbilder). Obwohl ich aus meinem Kollegenkreis zu hören bekam, dass man darüber nicht mit seinem Abteilungsleiter spräche, wurde ich kein Opfer Chef-seitiger Mobbing-Attacken, sondern erhielt stattdessen sogar seine Unterschrift auf dem Urlaubsantrag für das finale Vorstellungsgespräch. Wieso hätte ich auf das Gespräch verzichten sollen? Vielleicht kommt es viel mehr auch darauf an, wie man über etwas spricht und wie man jemandem die gefürchtete Wahrheit mitteilt.

Spricht man nicht über die Wahrheit, weil man Angst vor der Reaktion auf diese hat? Oder Angst davor, jemanden mit dieser zu verletzen?

Spricht man deswegen niemanden darauf an, wenn das eigene olfaktorische Frühwarnsystem die Notwendigkeit der Nutzung einer Dusche erkennt? Wäre es, auf die richtige Art, nicht sogar deutlich respektvoller, als zu Schweigen und hinter dem Rücken der betreffenden Person mit Anderen darüber zu sprechen? So, wie man angeblich voller Sorge jedes alkoholhaltige Getränk zählt, das jemand im Freundeskreis innerhalb der letzten 24 Stunden konsumierte, weil der Verdacht besteht, die Person habe ein Problem – worauf man sie aber nicht anspricht, weil man darüber ja nicht spricht. Zumindest nicht mit dem Menschen, den es wirklich betrifft.

Weshalb vermeiden es Menschen in Beziehungen, über Schwierigkeiten zu sprechen? Aus Angst, die Beziehung könnte zerbrechen, nachdem etwas Unangenehmes zur Sprache kam? Dabei ist die Trennungswahrscheinlichkeit doch viel höher, wenn nicht über diese Probleme gesprochen wird. Ist es wieder die Angst vor der Wahrheit, weil das Sprechen tatsächlich zum unmittelbaren Ende der Partnerschaft führen würde? Oder weil die Beziehung eigentlich längst zerbrochen ist und sie lediglich noch besteht, um den Partner nicht zu verletzen?

Sicherlich gibt es Themen, über die man nicht spricht. Dabei handelt es sich für mich aber nicht um Themen, die die Gesellschaft zum Tabu erklärte, weil sie nicht fähig ist, sich mit der bösen Wahrheit auseinanderzusetzen. Für mich ist es viel mehr eine Frage der Empathie und dadurch jedes Mal eine Einzelfallentscheidung. Über einen Verlust, eine Trennung, Angst, eine schlechte Erinnerung oder irgendeinen Misserfolg zu sprechen, kann für eine Person hilfreich sein, während es bei einer eomotional labilen Persönlichkeit schnell zum Gegenteil führt. Dies gilt es zu erkennen und entsprechend darauf zu reagieren. Und vieles hängt dann nicht mal davon ab, was man anspricht, sondern wie man es anspricht. Schweigen ist jedenfalls häufig nicht der richtige Weg.

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5 Gedanken zu “Reden oder Schweigen?

  1. Siehste, hat es sich doch gelohnt, in dieser Woche doch noch einen Beitrag zu schreiben. Denn da steckt so viel Wahres drin, dass ich jeden einzelnen Satz unterstreichen wollte. Es ist immer eine Frage des individuellen Fingerspitzengefühls und des Respekts, ob ein Thema angesprochen gehört oder nicht. Von daher gibt es Tabus, worüber man nicht sprechen sollte … Bei sich selbst wie bei anderen. 🙂

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  2. Sehr schön hast du die Thematik aufgegriffen und auseinander gefaltet, Chris. Ich kann jeden Satz unterschreiben. Vielleicht noch ein kleiner Zusatz: das Nichtsprechen mit dem, den es angeht (zB mit dem Partner), aber über ihn mit vielen anderen, wirkt wie ein ekliger klebriger Schleim, der die menschliche Gesellschaft zusammenkittet. Liebe Grüße

    Gefällt 2 Personen

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