Wenn du das Unerhoffte nicht erhoffst

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Es regnet. Es regnet ohne Unterlass. Zwischendurch donnert es, und unser Hund verkriecht sich unter dem Tisch.

Eigentlich hatte ich gehofft,  heute meine Reise nach Ephesos antreten zu können.  Aber schon am Morgen ging nicht alles nach Plan: ich verschlief. Denn wegen des Wetterumschwungs weckte mich nicht die sonst am Himmel sich ausbreitende Helligkeit des Sonnenaufgangs. Sie nicht kam. Ich schaute in den dunklen Himmel mit den gigantischen Wolkentürmen und hoffte, dass es sich bald aufklaren würde und dass ein feiner stetiger Wind aus dem Norden mein gelbes Boot Richtung Süden treiben würde. Aber nein! Es wurde immer ärger mit dem Gewitter, und der Wind blies von Süden nach Norden. Also in der verkehrten Richtung.

Da blieb mir nur eins: mein Boot aus dem Freien in Sicherheit zu bringen, in den Regen hinauszustarren und zu hoffen.

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Worauf hoffen? Einfach nur auf gutes Wetter und günstigen Wind? Oder sollte ich mich, da nun schon in der Haltung der Hoffenden, grundsätzlicher mit dem Hoffen befassen? Zumal dies ja das Wochenthema des Mitmachblogs ist …

Vielleicht würde ich ja bei Heraklit, den ich in Ephesus zu treffen hoffe, fündig …

Und tatsächlich! Ganz unverhofft fand sich unter den von ihm auf uns gekommenen Fragmenten die No. 18, und die heißt

ἐὰν μὴ ἔλπηθαι ἀνέλπιστον οὐκ ἐξευρήσει, ἀνεξερεύνητον ἐὸν καὶ ἄπορον

Ich übersetze den ersten Teil mit Leichtigkeit:

„Wenn du das Unerhoffte nicht erhoffst, wirst du es auch nicht finden …

 Ja, wie denn? Ich muss etwas erhoffen, damit ich es finde? Heißt das: Ich muss meine ganze Seele auf das Erhoffte ausrichten – dann kann ich es vielleicht finden? Vielleicht! Denn sicher ist es nicht. Sicher ist nur, dass ich es nicht finden werde, wenn ich es nicht erhoffe.

So richtig klar ist mir der Satz noch nicht. Also schaue ich mir auch die letzten vier Wörter noch an: ἀνεξερεύνητον ἐὸν καὶ ἄπορον.  Das bedeutet:  das Unerhoffte ist unerforscht und  …. ἄπορον.  Aporon – wie soll ich das übersetzen? Aporia ist einer der wichtigsten Begriffe der griechischen Philosophie. Es ist das sich Wundern, nach einer Erklärung Suchen für Dinge, die man nicht versteht. „Ich möchte zu gern wissen, ob, wie, warum …. Aber ich weiß es nicht“. „I wonder“, wie die Briten sagen. Das ist A-poria. Ohne Weg.  Ich kenne den Weg nicht, der von meinem Unwissen zum erwünschten Wissen führt.

Das Unerhoffte kann man also nur finden, wenn man seine Hoffnung, sein inneres Suchen und Fragen, auf ein Ziel ausrichtet, das seinerseits ganz unerforscht und irgendwie wunderbar ist, über das wir noch nichts wissen, aber gern etwas wissen möchten.

Nehmen wir ein Beispiel: Ich hatte mal einen Freund, Flüchtling aus Ungarn, der studierte Mathematik und ging jeden Tag ins Kasino, fest überzeugt (oder soll ich sagen: fest hoffend), dass er den Geheimnissen der rollenden Kugel auf die Schliche kommen werde. All sein Tun richtete er auf diese Hoffnung aus. Keine Ahnung, ob es ihm gelang, die Bank zu sprengen.

Oder nehmen wir Kolumbus: er war fest entschlossen (fest hoffend), den Seeweg nach Indien zu finden. Er rannte von Pontius bis Pilatus, um Geld für die Ausstattung einer  Expedition zu finden, und segelte los – in die falsche Richtung, die dennoch irgendwie die richtige war. Wurde seine Hoffnung betrogen? Oder fand er mehr, als er zu hoffen gewagt hatte? Hätte er Amerika finden können, wenn er nicht gehofft hätte, den Seeweg nach Indien zu finden?

Und so will ich weiter hoffen, das Unerhoffte zu finden: eine Begegnung mit Heraklit dort drüben, am kleinasiatischen Ufer, wo er einst sein Hauptwerk im Tempel der Artemis niederlegte. Warum sollte es mir nicht gelingen, selbst wenn es heute regnet und donnert?

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Ein Gedanke zu “Wenn du das Unerhoffte nicht erhoffst

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