Prinzip Hoffnung

Bevor das schöne Wort „Hoffnung“ wieder aus der Diskussion verschwindet, möchte ich doch noch kurz an den Mann erinnern, der das Wort Hoffnung philosophie-fähig gemacht hat: an Ernst Bloch (1885-1977) und sein gewaltiges Hauptwerk Das Prinzip Hoffnung.

Am Anfang meines Studentenlebens in Tübingen 1961-62 habe ich den alten Bloch noch selbst gehört, und dann wieder 1968, als er in Trier zum 150. Geburtstag von Karl Marx eine Rede hielt. Ich kann nicht behaupten, dass ich sein drei-bändiges Werk Wort für Wort gelesen hätte. Aber ehren möchte ich sein Andenken doch.

Wikipedia:

Das Prinzip Hoffnung ist das Hauptwerk des deutschen Philosophen Ernst Bloch (1885–1977). Geschrieben wurde es zwischen 1938 und 1947 im US-amerikanischen Exil. Ursprünglich sollte es „The dreams of a better life“ heißen. Es erschien in den Jahren 1954 bis 1959 in der DDR. (…)

Von Hegel und Karl Marx beeinflusst, entfaltet Bloch im Prinzip Hoffnung eine umfangreiche Philosophie der Konkreten Utopie.   (…)

Im Zentrum seiner Überlegungen steht das „Noch-Nicht-Gewordene“, das für unser „Jetzt“ kennzeichnend ist. Der Mensch, die Gesellschaft ist „noch nicht bei sich angekommen“, weil wir noch Mangel fühlen. Alles Seiende umgibt jedoch ein „Bedeutungshof“ seiner unrealisierten Möglichkeiten, der uns „auf den Weg bringen“ kann, das „Noch-Nicht-Haben“ in ein Haben, das „Noch-Nicht-Sein“ in ein Sein und das „Noch-Nicht-Bewusste“ in ein Bewusste umzuwandeln.

Diese Grundgedanken faszinierten mich, aber ihre Ausführung war ideologisch allzu sehr vom Marxismus geprägt. Das „Noch-Nicht“, das sich wie ein Hof um das „schon Existierende“ herumlegt und auf seine Realisierung wartet, ist, wie auch Blochs persönliches Leben zeigt, nicht immer schön und hoffnungsvoll, es kann auch voller Missgriffe und Widersprüche sein. Bloch war ein knallharter Stalinist, rühmte die Stalinschen Säuberungen,  lebte und arbeitete allerdings in der Nazi-Zeit nicht im gerühmten Sowjetreich, sondern doch lieber in den USA,  lehrte dann Philosophie in der DDR, wurde mit 72 Jahren wegen irgendwelcher Abweichungen (er wurde als „Idealist“ diffamiert) in die Pension geschickt, und kehrte der DDR erst den Rücken, als die Mauer hochgezogen wurde. Da war er schon 76 Jahre alt. In Tübingen gab man ihm  erneut eine Professur, und wahrlich, es lohnte sich, ihm zuzuhören, denn er war ein kluger, wortgewaltiger alter Mann. Das Thema Utopie war sehr im Schwange, es befeuerte unsere Geister und dann auch die 68er Studentenbewegung. Ach ja. Damals waren viele von uns Träumer von einem besseren Leben, ganz nach Blochs „Dreams of a better life“. Auf dem Bild seht ihr’s: auf der einen Seite lauert der Kapitalismus, auf der anderen der real existierende Sozialismus, und von oben rieselt das Manna der schönen Hoffnungen auf unsere empfangsbereiten Köpfe

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17 Gedanken zu “Prinzip Hoffnung

      1. …ich halte Kap und Soz für unfähig, die Menschen glücklicher zu machen, als sie es heute sind, beide leiden unter dem Machtgerangel einer von „männlichen“ Werten bestimmten Gesellschaft, das dann irgendwann in Krieg ausartet…ich denke, wir brauchen eine andere Art des Zusammenlebens unter den Menschen, aber auch mit der Natur und allen Lebewesen, wir brauchen ein anderes Wertesystem, das sich weder im Soz noch im Kap findet…

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      2. Liebe Ulli, ich lese erst jetzt Deinen Kommi…vor einiger Zeit sah ich eine Doku auf youtube über den spanischen bürgerkrieg und dabei erfuhr ich, dass sie eine anarchsiche Bewegung über viele Jahre aufbauten, die vor allem unter den Arbeitern verbreitet war, da die Anarchisten soziale Einrichtungen schufen, die Leute bildeten usw. Die Folge war dann der Wahlsieg der Anarchisten, was später den Kampof gegen diese heraufbeschwor. Vorher aber gab es eine kurze Zeit, in der das Geld abgeschafft wurde, der acht-Stunden- Tag eingeführt usw….vielleicht interessiert Dich das:

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    1. Danke dir Teggytiggs für diesen Hinweis. Grad vorgestern ließ ich dies Wort in abgeneigte linke Ohren fallen. Ich selbst sehe mich am liebsten als Anarchistin der spanischen bzw baskischen Art, deren schönes Experiment nicht nur von den Faschisten, sondern auch von den anderen Volksbeglückern, den Kommunisten, rabiat beendet wurde.

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      1. …es freut mich, dass Du darüber Bescheid weißt, so wenige kennen diese Geschichte…wenn ich mich irgendwo zuordnen müsste, würde ich als einzige Möglichkeit die Anarchisten sehen…

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    2. Liebe Teggytiggs, ich habe jetzt den ganzen Film gesehen, er ist großartig, bis zur letzten Szene sehenswert. Und er bringt Einzelheiten, die ich nicht so gut kannte (Fabrikorganisation, Bildungswesen, Frauenbewegung, Kommunen), während mir die schlimme Rolle der Kommunistischen Partei bei der Ausrottung des freien Kommunismus (Anarchismus) leider sehr präsent ist. (Sie lässt sich vergleichen mit der Vernichtung der freien Christenmenschen durch die katholische Kirche). Ich möchte den Film allen meinen Leserinnen und Lesern wärmstens empfehlen, besonders aber denen, die sich fragen, ob sie „links oder rechts oder in der Mitte“ marschieren sollen. Viva la Utopia!

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      1. Liebe Gerda, Deine Antwort freut mich. Ich liebe diese Doku, auch, weil aus ihr hervorgeht, dass es eine über viele Jahre sich stärkende Bewegung gab, die den Grundstein für den Wahlsieg der Anarchisten gelegt hatte. Alles braucht seine Zeit, um sich in der Praxis zu erproben und somit zu beweisen. Und der Anarchismus hat sich bewiesen…

        Übrigens, soll der erste, den die Nationalsozialisten umbrachten, Erich Mühsam gewesen sein…ein Anarchist. Nicht ohne Grund. Am gefährlichsten für Machthaber aller Art ist es, ganz Mensch zu sein.

        liebe Grüße
        TeggyTiggs

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    3. Ich bin dir sehr dankbar für diese ganze Diskussion und auch für den Hinweis auf Mühsam. Es ist, wie du sagst. Leider haben nicht nur die ideologischen Gegner, sondern auch all die dem Anarchismus geschadet, die sich toll finden, weil sie eine Bank abfackeln oder einen Unternehmer umbringen. Es ist so wichtig zu begreifen, dass es um eine neue Form der gemeinsamen Produktion und des menschlichen Zusammelebens handelt. Anarchismus ist gewachsen aus den elenden Lebensbedingungen der Arbeiter und Bauern des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Zuvor gab es ähnliche Tendenzen zB im deutschen Bauernkrieg, auch in England und Frankreich gab es Aufstände und Versuche mit neuen Lebensformen. Heute, im „Spätkapitalismus“ mit globaler Verelendung und Krieg in vielen Weltgegenden müssen neue Formen des Wirtschaftens, der Bildung und des Zusammenlebens erprobt werden.

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      1. …wenn etwas wirklich gefährlich ist für die Machthaber, dann scheuen sie keine Lüge und keine Mittel, dann verbünden sich auch Kommunisten mit sonstwas, dann kann man sicher sein, dass diese Sache, wie hier der Anarchismus, gut ist für die Menschen…kaum einer weiß wirklich etwas über diese Bewegung, da sie schon in den Ansätzen mies gemacht wird, denn Anarchie bedeutet ja nicht Chaos, sondern Freiheit innerhalb einer Ordnung, in der Menschen sich gegenseitig respektieren…

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  1. Liebe Gerda, ich bin immer noch Fan des Sozialismus, noch immer wurde er nicht so umgesetzt, wie ich ihn begreife, aber vielleicht ist es auch gar kein Sozialismus im eigentlichen Sinne, sondern nur der Wunsch nach einer sozialen Gesellschaft, in der Selbstverantwortung und Engagement für das grosse Ganze schon in den Schulen gelehrt wird. Kein Dogma, keine Doktrin und wenn ich nun recht überlege, nennt man diese Form Anarchismus, der heutzutage immer mit Gewalt assoziiert wird, aber im Grundgedanken nichts daon in sich trägt-
    herzliche Sonntagnachmittaggrüsse
    Ulli

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    1. Liebe Ulli, hab Dank für deine Sicht. Ich habe jetzt keine Ueit zu kommentieren, grad kommen die ersten zu meinem Gruppentreffen – und danach bist du erstmal weg. Mit den besten Grüßen von unterm Olivenbaum für deine Fahrt Richtung Norden.

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