Sektion Hoffnung

Der Wiedereinstieg nach der Elternkarenz naht. Das bedeutet, dass alle möglichen organisatorischen Punkte abgearbeitet werden müssen, Kontrolltermine bei den Ärzten möglichst jetzt noch zu erledigen sind, Fahrpläne nach dem zeiteffizientesten Weg von Zuhause über den Kindergarten in die Arbeit durchsucht werden usw.

Auf meiner To-Do-Liste stand auch: Kleiderschrank aufräumen.

Das ist eine Tätigkeit, die meines Erachtens nur unter Idealbedingungen erfolgen sollte. Zunächst braucht man Ruhe. Die Nähe von engagierten Kleinkindern, die nichts lieber tun, als Dinge von Stapel A zu Stapel B umzuschichten, mit Stapel C zu vermischen und letzten Endes das Zimmer als ein Meer aus zerwühlten Hosen, Shirts und Blusen einfach der arg genervten Mama zu überlassen, ist tunlichst zu meiden.

Die zweite Voraussetzung ist die eigene psychische Verfassung. Es gibt Tage, da scheint alles zu passen und gut an mir auszusehen (es gab Tage trifft es wohl eher) und es gibt jene Tage, da sind Konfektionsgrößen ganz offensichtlich nur für die Außerirdischen gemacht, welche die Erde eines Tages wegen der einzigartigen Erfindung der Kleidung besuchen werden. An solchen Tagen passt nichts, dafür schaut alles sch…eußlich aus. Zu Hause vor dem Spiegel zu stehen, ist dann kaum angenehmer, als sich der Tortur einer Kleidungsanprobe in einem Geschäft auszusetzen. Gibt es wirklich Menschen, die es mögen, sich in den durch Lampen überheizten, noch niemals gekehrten, eng-ist-nur-ein-Hilfsausdruck und ganz offensichtlich mit Verzerrspiegeln ausgestatteten Umkleidekabinen für das neue Outfit zu entscheiden, während man von den ungeduldig wartenden Massen und ihren Blicken lediglich durch einen schlecht schließenden Vorhang getrennt ist?

Langer Rede kurzer Sinn: Nach den Jahren, in denen der „figurumschmeichelnde“ Schwangerschafts-Still-Look vorherrschte, gefolgt von der Zeit der bequemen Jeans/T-Shirt Kombinationen ist das Aussortieren des eigenen Sortiments an Arbeitskleidung ernüchternd. Was ich zuletzt im Büro trug, schaut heute – zwei Kinder später – gelinde gesagt erschreckend klein? eng? äh, also eigentlich einfach nur erschreckend aus. Ich bin an meinen Aufgaben als Mutter gewachsen – in jedem Sinne.

Fazit: Es stehen jetzt einige Säcke für die Altkleidersammlung in meinem Vorzimmer. In meinem Kasten ist nun viel Platz für neue Kleidung und neben den Sektionen Freizeit-Sommer und Freizeit-Winter auch eine sehr bescheidene Ausbeute an Kleidungsstücken, die ich meinen Bürokollegen an mir getragen noch zumuten kann. Und dann ist da noch die kleine, feine Sektion Hoffnung: Die Kleidungsstücke in diesem Schrankfach, von denen ich mich einfach nicht trennen konnte, warten einsatzbereit auf dasjenige Wunder das zuerst passiert: Ein paar Kilo weniger oder der Knackwurst-Look kommt endlich in Mode.

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17 Gedanken zu “Sektion Hoffnung

  1. Ach ja, diese Ankleidekabinen! haben die Geschäftsleute noch nicht begriffen, dass sie mit ihren Zerrspiegeln die Kundinnen vergraulen? Von der Beleuchtung schweige ich lieber. Wie sieht man denn da aus?
    Deine Schreibe, liebe Nennmichmamma, macht mich immer schmunzeln, trotz der natürlich tragischen Themen, die du aufwirfst. 😉

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    1. Das freut mich, wenn jemand mit mir gemeinsam schmunzeln kann und diesmal war es ja zum Glück kein wirklich trauriges Thema. Zum Trost über die paar Kilos, die noch weg sollten, habe ich einfach Schokolade genascht. Obwohl jetzt, wo ich es niedergeschrieben habe, scheint mir fast, es könnte da womöglich einen Zusammenhang geben 😉

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      1. Der Zweck der Anordnung, ist – war es zumindest – Kunden zu „bremsen“. Der Kauf von frischen Waren setzt ein Prüfen voraus, wohingegen verpackte Standardware im Zombie-Modus gekauft werden kann, und der Kunde dann schnell aus dem Geschäft ist. Dagegen ist seine – eher ihre – Geisteshaltung anders, wenn er in den Prüfmodus gekommen ist, und Blicke schweifen auf andere Waren. — Wo ich das darlege, erweist sich die Sache als komplexer. Nunmehr scheint mir, dass Dessousabteilungen dafür verantworlich sind, dass Männer wenig Kleidung kaufen. Sie werden zu viel abgelenkt, und auf „Geisteshaltung“ gebracht, die in weiten Teilen dem Zombie-Modus gleicht (allerdings letzlich auf die Schaffung von Leben gerichtet ist — wie nett). [to be continued]

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      2. (2) Denkbar wäre, dass Männer die Dessousabteilung sehen und dann in die Statusabteilung wandern, und Autos, Uhren, Anzüge, Aktien — whatever kaufen. Ich sollte mal darauf achten, ob Malls so strukturiert sind, Sex und Status aneinander zu legen. Falls ich es aus dem Sex-Zombie-Modus schaffe.
        Ob die Dessousabteilung für Männer so gesund ist (vielleicht schaffe ich es noch zu Gedanken über die Konsequenzen für Frauen) wie die Gemüseabteilung, ist fragwürdig. Zu viele süße Früchtchen können einem den Verstand rauben. Und neben good girls gibt es da auch Succubi, die ziemlich tödlich sein können (Succubi – suck – Lebenskraft aussaugen, huh). Auf der anderen Seite: Broccoli. … Ich nehme die Dessousabteilung. Und Frauen sind wie Fugu plus Blumenabteilung.

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      3. Phoebe ist dein Gegenteil.

        Wenn dich kritisiere, ist es natürlich nur zum Wohle deines Lächelns. Denn Komplimente gewinnen dadurch an Macht.

        Auf gewisse Weise ist das passend: „You can drive out Nature with a pitchfork, but she keeps on coming back.“ – Horace.

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