Wer die Wahl hat, …

elections-450166_1920„Das beste Argument gegen
die Demokratie ist ein
fünfminütiges Gespräch
mit dem durchschnittlichen Wähler.“

Winston Churchill

Wer die Wahl hat, hat die Qual die Hoffnung, etwas bewegen zu können.
Schließlich wird uns von den Parteien vor einer Wahl suggeriert, dass unsere Stimme, die einzelne Stimme eines kleinen Einwohnerchens, über das Schicksal der Gemeinde, des Bundeslandes oder gar der gesamten Bundesrepublik entscheiden könnte. Denn wenn wir die Partei X wählen, versprechen sie uns Wunder in Form von revolutionären Haushaltsplänen und Veränderungen, die unseren Lebensstandard auf ein noch nie da gewesenes Niveau anheben sollen. Eigentlich wären das tolle Neuigkeiten, wenn die Parteien auch noch nach den Wahlen an ihrem Parteiprogramm festhalten würden…

Dieser Illusion müssen wir uns heute in Niedersachsen hingeben. Es steht die Kommunalwahl vor Tür. Seit Wochen verschönern Wahlplakate die Straßen, in den Zeitungen springen uns große Anzeigen entgegen und auch Facebook wählt gezielt Anzeigen aus, „die uns interessieren könnten“ – auch wenn wir aufgrund unserer Wahlkreiszugehörigkeit die beworbenen Personen nicht einmal annähernd wählen können.
Ähnlich verhält es sich in der Berufsschule, als wir über die Kommunalwahl in der nächsten Großstadt gesprochen haben – dass die Mehrheit der Klasse aus völlig anderen Wahlkreisen mit ganz anderen Wahlen (beispielweise wählen manche einen Samtgemeinderat und andere eine Regionsversammlung) stammen, ist ja nicht relevant…

Doch die wichtigste Wählerwerbung geschieht in unseren Orten selbst. Unermüdlich kämpfen die Parteien um die Stimmen der Wähler:
Für die Pendler werden am Bahnhof frische Brötchen verteilt, die Kinder bekommen Süßigkeiten und die älteren Generationen werden zu mehr Sport animiert, indem die Wahlstände die Parkplätze vor dem Supermarkt blockieren.

Aber wird dabei wirklich um jede Stimme geworben?

Nein, nicht um jede Stimme. Auf meine Stimme legt man anscheinend keinen Wert (oder vielleicht auf dich allgemein?!, Anm. v. Marie).

Was verleitet mich zu dieser Aussage?

Gestern war Samstag. Der Tag in der Woche, an dem ich in meinem Ort einkaufen gehe und noch die fehlenden Kleinigkeiten für das bevorstehende Wochenende besorge.

Bevor ich den Supermarkt betrete, kann ich den Wahlstand einer schwarzen Partei begutachten. Nahezu jeder Einkaufende wird angesprochen und mit Wahlflyer, Kugelschreiber und einem Feuerzeug ausgestattet. Die schwarze Partei passt zu meinem Kontostand – denn noch weist es eine schwarze Zahl auf.

Nach dem Einkaufen bewege ich mich aus dem Supermarkt in Richtung Bank – schließlich zeigt mein Konto nun eher einen roten Betrag an. Farblich passend wirbt vor der Bank eine rote Partei. Für die Kinder gibt es einen Luftballon, für die Erwachsenen einen Flyer und ein Bonbon.

Nach der Bank geht es noch schnell zum nächsten Drogeriemarkt. Die Partei, die ich dort antreffe, hätte farblich eher vor der Post werben müssen, steht jedoch hier. Vielleicht liegt die Farbunpassenheit an der Farbschwäche der alten Parteimitglieder? Hier scheint es übrigens nur einen Flyer zu geben.

Alle drei Stände konnte ich sehr gut betrachten – ohne angesprochen zu werden. Aber noch ist mein Samstag nicht vorbei. Nach meiner Einkaufstour gehe ich in den Garten. Und auch über die grauen Asphaltstraßen kommt noch eine Partei geschlichen – die graue Wählergemeinschaft. Die Frau, eine Wahlflyer-Verteilerin, drückt meiner Mutter einen Zettel in der Hand. Wie viele Parteien in diesem Haus wohnten. Zwei. Und wie viele Erwachsene. Zwei. Meine Mutter antwortet leicht provokant, aber freundlich, die Wahlflyer-Verteilerin versteht dies jedoch nicht. Auch hier werde ich nicht angesprochen, obwohl selbst ein Mitschüler von mir in der Partei aktiv ist. 😆

Meine Ausbeute aus dem Wahlkampf ist ernüchternd. Kein Wahlgeschenk, keine persönlich werbenden Worte, keine Aufmerksamkeit für die Jungwähler. 😦

Und da wundert man sich über das schwindende politische Interesse der Jugend, wenn die Parteien gar nicht erst versuchen, jungen Nachwuchs zu werben.

Als vernünftiger Mensch wir heute natürlich trotzdem gewählt und unsere „Pflicht“ gegenüber der Demokratie erfüllt – schließlich hat SackingBob74 hier sehr schön erläutert, warum man unbedingt wählen sollte.

Irgendwo existiert in uns nämlich eine Hoffnung. Die Hoffnung, dass es besser wird. Dass es eine bessere Förderung der Jugend (nicht nur im Bereich der politischen Bildung) gibt. Dass unsere Gemeinde ein attraktiverer Ort wird. Dass die Bedürfnisse der Einwohner ernst genommen werden.
Aber ob die Parteien diese Dinge erfüllen können, bezweifelen wir sehr stark.
Schließlich wissen wir, dass diese Hoffnung eher eine hoffnungslose Illusion ist. :/

//Viele wählerische Grüße
von Marie und Kathrin

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4 Gedanken zu “Wer die Wahl hat, …

  1. Da hast Du aber Pech gehabt. Mich sprechen die Leute manchmal an (wenn ich die Haare nicht, um meine momentane Stimmung auszudrücken, zu einem Kamm geformt habe und ein Punk Shirt trage, ist die Möglichkeit sogar sehr groß), nur um mir anschließend ein Ohr abzukauen.
    Entweder sie behandeln mich wie ein kleines Kind (mit 42 dürfte man langsam mal anders angeredet werden) und erklären einem, dass bald eine Wahl kommen wird (eine Erkenntnis, die schwerlich an den vielen Ständen schon vorher erkannt werden könnte) oder sie erklären mir, wofür ihre Partei steht (ist jetzt gar nicht so schwer, wenn man Freunde in der Politik hat, auch das vorher zu wissen).
    Da kann man sich besser gleich mit den Zeugen Jehovas unterhalten. Das ist meistens überraschender (besonders für ihn, mit mir als Gesprächspartner) als das andere Gewäsch. 😉

    Gefällt 1 Person

    1. Oje, das andere Extrem ist natürlich ganz und gar nicht schön. 😮
      Aber vielleicht hast Du das innere Kind in Dir auch mit 42 noch so gut erhalten, dass es einfach sehr stark nach außen auf andere Menschen ausstrahlt? 😛
      Möglicherweise sollte ich das nächste Mal einfach selbst auf die Stände zugehen und mir gemeine Fragen zum Wahlprogramm überlegen. Mal sehen, wie gut die Politiker ihr eigenes Programm kennen. 😈

      Gefällt 3 Personen

      1. Das klingt gut.
        Oder einmal ganz blöd stellen und die Parteien auf falsche Wahlversprechen festnageln: „Sie wollten doch aus unserem Rathaus ein Flüchtlingsheim machen? Das fänd ich sehr gut, dann bräuchten die Sachbearbeiter keine Fahrkosten mehr abrechnen und könnten eher nach Hause. Das ist sehr clever von Ihnen.“ 😉
        Das innere Kind ist leider immer dann verreist, wenn meine eigenen Kinder gerade ausrasten. Dann bin ich eher spießiger Konservativer. Aber wer behält schon die gute Laune, wenn er angeschrien oder geschlagen wird…

        Gefällt 1 Person

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