Rotwälsch und Phalanges

Sprache vs. Gene

Wenn ich mich mit meiner Schwester über die Arbeit unterhalten möchte, schweifen meine Gedanken bald ab. Denn alles, was ich höre, ist Kauderwelsch. Begriffe, mit denen ich nichts anfangen kann und deren Bedeutung mir auch nach mehrmaliger Erklärung noch immer recht unklar bleiben.

Versuche ich ihr zu beschreiben, womit ich mich gerade beschäftige, passiert dasselbe, nur eben auf ihrer Seite. Dann ist sie diejenige, die aus einem Sammelsurium von Fachwörtern und Dingen, mit denen sie nie zu tun hat, nur ungenaue Vorstellungen und vage Ideen entwickeln kann. Alles abstrakt.

Erst wenn man es einmal gesehen hat, was die andere tut, kann man die leeren Worte mit Bildern füllen und ihnen Sinn geben.

Sehr spezialisierte Aufgaben erschließen sich anderen einfach nicht unbedingt rasch oder von selbst, besonders dann, wenn man nur darüber spricht. Aus Fach-Chinesisch wird Kauderwelsch.

Die Tiroler waren’s!

Unverständliche Sprache – Rotwälsch, wie mich mein Meyersches Konversationslexikon belehrt, das ich gerne zu Rate ziehe, weil ich die Entwicklung (Veränderung) von Begriffsbeschreibungen interessant finde.

110 Jahre später klingt es dann auf wissen.de so:

„[…] eigentlich Churwelsch“; Kauer ist die Tiroler Bezeichnung für Chur in der Schweiz, und die Sprache der Kauerer galt schon früher (15. Jh.) als schwer verständlich […] welsch aus […] lat. Volcae, dem Namen eines Volksstammes in Gallien nördlich der Alpen“

Von den Hausierern keine Rede mehr. Auch die Verallgemeinerung des keltischen Stammes für alles Italienische ist weggefallen. Und Rotwelsch oder Rotwälsch sagt wohl auch niemand mehr. Das klingt für mich sowieso eher wie eine Weinsorte. Allerdings ist für mich als Nichtweintrinker auch die Unterhaltung zwischen Weinkennern oder Weinliebhabern ein einziges Kauderwelsch.

Versuchen oder nicht versuchen – das macht den Unterschied

Doch immerhin bedeutet Kauderwelsch, dass man – zwar nicht leicht verständlich, aber immerhin überhaupt – versucht, miteinander zu kommunizieren.

In der Arbeit selbst sind die Besprechungen oft geprägt von Kürzeln und Fachtermini. Die Zusammenarbeit in einem internationalen Team macht die gemeinsame Verständigung nicht unbedingt leichter (meist aber recht interessant). Verschiedenste Muttersprachen und ein bis zwei gemeinsame Fremdsprachen. Das verbindet und trennt – letzteres leider oft dort, wo man es gar nicht sofort bemerkt, sieht, hört. Akzente und kulturelle Unterschiede tragen das ihrige dazu bei, dass am Ende des Gesprächs jeder mit einem ganz anderen Bild im Kopf an die Arbeit geht (oder eben nicht). Und der Chef wundert sich, warum das Projekt nicht vorankommt. Aber es war schön, dass wir alle zusammen darüber (oder vielleicht auch etwas ganz anderes) gesprochen haben.

Schon als Tourist kann man im Ausland leider immer wieder die Erfahrung machen, dass es Menschen gibt, die gar nicht verstehen wollen, wenn man versucht nach dem Weg zu fragen, heraus zu finden, welches Ticket man kaufen sollte, eine Reklamation hat, etc. Ich finde das eigentlich schade. Denn: Kauderwelsch hat seine Reize und es ist doch schön, wenn man sich auch über Sprachgrenzen hinweg verständigen und helfen kann.

In jedem Bereich und vor allem im Flugzeug

Abschlüsse in Lebensläufen und Titel oder Zusatzbezeichnungen versteht man kaum noch ohne Recherche, weil sie zu spezifisch sind.

Aber auch wenn mir der Mechaniker erklärt, welche Teile am Auto unbedingt zu ersetzen sind, dann bleibt mir nichts anderes übrig, als zu nicken und die Geldtasche zu zücken, weil ich ihm bei dem ganzen Kauderwelsch vertrauen muss, dass meinem Vehikel ein linker Phalange fehlt …

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10 Gedanken zu “Rotwälsch und Phalanges

  1. „Aber es war schön, dass wir alle zusammen darüber (oder vielleicht auch etwas ganz anderes) gesprochen haben.“

    Diversity. Jeden Tag ein anderes Problem.

    „Abschlüsse in Lebensläufen und Titel oder Zusatzbezeichnungen versteht man kaum noch ohne Recherche, weil sie zu spezifisch sind.“

    Linguistic obfuscation versus linguistic contamination.

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