Herr Donnerstags Bestellung

Da heute Mittwoch ist, gibt es die Geschichte vom Herrn Donnerstag, denn es läuft ja nicht immer alles so wie bestellt …

Herr Donnerstag

war ein sehr pedantischer Mensch. Niemals unternahm er etwas aus einer Laune heraus, alles musste geplant sein. Pläne erstellen, die Pläne dann Punkt für Punkt abarbeiten, Pläne abgehakt ad acta legen – das war sein Leben.

Er hatte einen Plan für den Tagesablauf, für die jeweilige Kalenderwoche, für das laufende Monat, für das aktuelle Jahr. Sein Speiseplan war keine Frage des momentanen Gustos, Geschenke nahm Herr Donnerstag nur an, wenn sie mit ihm vorab abgesprochen waren. Er hasste Überraschungen, und er wollte nichts dem Zufall überlassen. Zufälle empfand er als überaus störend. Wenn es irgendwie möglich war, ignorierte er zufällige Geschehnisse einfach und machte so weiter wie vorgesehen.

Irrtümer verzieh er prinzipiell nicht, sondern reklamierte sofort. Bekam er aus Versehen etwa eine falsche Speise im Gasthaus vorgesetzt, schob er den Teller so energisch von sich weg, dass dieser auch schon Mal über den Tischrand hinaus rutschte und vor den Füßen des Kellners am Boden laut klirrend zerbrach. Das empörte „Ich habe aber etwas anderes bestellt!“, welches die Szene begleitete, ließ alle anderen Gäste aufhorchen. Herr Donnerstag beorderte sodann den Oberkellner oder den Chef des Restaurants an seinen Tisch und sah mit offensichtlicher Genugtuung dabei zu, wie die Angestellten die Sauerei aufwischten.

Herr Donnerstag war ein einsamer, verbitterter Mensch ohne Freunde.

Eines Nachts

wurde er von einem klirrenden Geräusch geweckt. Er setzte sich im Bett auf und blickte auf den Wecker am Nachttisch. Es war noch nicht einmal 2 Uhr. Vor 6.40 Uhr war es nicht vorgesehen, dass er sein Bett verließ. Nun aber schlüpfte er verärgert über die Störung in seine, vor dem Bett für den nächsten Morgen bereitstehenden Pantoffel und schlurfte mürrisch und leicht fröstelnd ins Wohnzimmer. Durch die Terrassentür pfiff der Wind herein. Unmittelbar vor seinen, in den Pantoffeln steckenden nackten Füßen lagen Glasscherben und Splitter. Fast wäre er hineingetreten. Jemand hatte das Glas eingeschlagen! Entsetzt starrte Herr Donnerstag abwechselnd auf den Boden, dann wieder auf die kaputte, offene Terrassentür. Da huschte ein Schatten nur ein, zwei Meter von ihm entfernt durch den Raum. Ein Einbrecher! Herr Donnerstags Augen weiteten sich, er griff sich an die linke Brust und sank leblos zu Boden.

Die Warteschlange

schien unendlich lang. Wie lange stand er schon hier? Er sah sich missmutig um. Wie lange würde das wohl noch dauern? Nichts rührte sich, keinerlei Bewegung.

Worauf er genau wartete, war ihm instinktiv klar. Ganz weit vorne war ein riesiges Tor. Der Einlass erfolgte nur einzeln. Immer, wenn das Tor für einen kurzen Moment geöffnet wurde, fiel ein greller Lichtstrahl durch den Türspalt, so hell, dass sich alle Wartenden geblendet abwenden mussten, obwohl sie nur zu gerne schon gesehen hätten, was sie hinter dem Tor erwartete.

Niemand sagte ein Wort. Es war ungewöhnlich still. Normalerweise wurde in langen Warteschlangen geschimpft und gedrängelt. Aber hier? Die Leute standen einfach nur stumm da und warteten. Nach einer gefühlten Ewigkeit ging es wieder ein paar Schritte weiter. Danach wieder Stillstand. Herr Donnerstag biss sich verärgert auf die Lippen. Er hasste es, warten zu müssen.

Als er endlich ganz vorne angekommen war, hatte er sehr schlechte Laune. Die war ihm also trotz allem nicht vergangen. Ein übellauniger Mensch, im Diesseits wie im Jenseits. Komisch. Er hatte immer gedacht, wenn es einmal so weit wäre, würde er erlöst werden von all den irdischen Ärgernissen, er würde dann im wahrsten Sinne des Wortes darüber stehen. Dem war aber offenbar nicht so.

Ein junger, auffällig blasser Mann in einem langen weißen Mantel schloss gerade sehr behutsam das Tor, durch das eben eine alte Frau verschwunden war. Dann wandte er sich Herrn Donnerstag zu, aus dem es sofort herausplatzte:

„Ich habe jetzt eine Ewigkeit in dieser blöden Warteschlange verbracht! Das ist eine bodenlose Frechheit!“

In der Tat konnte er unter sich keinen Boden ausmachen, weder fühlen noch sehen. Unterhalb seiner Knie war alles in Nebel gehüllt. Einem schmollenden Kind gleich wütete Herr Donnerstag weiter:

„Und außerdem habe ich an diesem Tag etwas ganz anderes geplant. Sie denken vielleicht, ich nehme das einfach so hin, aber das tue ich nicht!“

In seinem maßlosen Ärger setzte er noch ein energisches:

„Ich habe etwas ganz anderes bestellt! Ich will meinen bestellten Tag!“

oben drauf.

Der junge Mitarbeiter sah ihn schweigend an, mit einem sanftmütigen Lächeln. Das brachte Herrn Donnerstag noch mehr in Rage. Doch ehe er sich’s versah, lag er wieder in seinem Bett.

Es war dunkel

rund um ihn. Die Wartenden, der junge Mann und das Tor waren verschwunden. Verdutzt schaute er auf die Uhr. Kurz vor 2 Uhr. Hatte er nur geträumt? Ein Windhauch aus dem Wohnzimmer ließ ihn daran zweifeln. Zumindest das Klirren, das ihn geweckt hatte, war wohl echt gewesen.

Um Nachschau zu halten, warum es in der Wohnung zog, setzte er sich auf, schlüpfte in seine, vor dem Bett für den nächsten Morgen bereitstehenden Pantoffel und schlurfte mürrisch ins Wohnzimmer. Leicht fröstelnd stand er da und schaute sich um. Das Glas der Terrassentür war noch oder wieder (?) ganz. Trotzdem lagen da Scherben vor seinen Füßen.

„Das gibt es doch nicht!“

rief er aus.

Ein Souvenirteller, den er vor langer Zeit aus einem einsamen Urlaub mitgebracht hatte, war zerbrochen. Der Teller mit dem vergilbten Foto (Herr Donnerstag auf einem Kamel sitzend) stand gewöhnlich auf dem Bücherschrank neben der Terrassentür. Da huschte ein Schatten nur einen Meter von ihm entfernt durch den Raum. Herr Donnerstag griff bereits in Panik mit der rechten Hand an seine linke Brust als er Miauen hörte. Es war die Katze des Nachbarn! Sie hatte sich hereingeschlichen und den Teller umgeworfen.

„Du schlimmes Tier!“

fauchte er sie an und griff nach einem Besen, um sie hinaus zu jagen.

Als er die Terrassentür schließen wollte, bemerkte er, dass das Schloss kaputt war. Ein Geräusch aus der Küche ließ ihn aufhorchen. Er drehte sich um und sah die Silhouette eines Menschen in der Wohnzimmertür. Ein Einbrecher! Herr Donnerstags Augen weiteten sich, er griff sich an die linke Brust und sank leblos zu Boden.

Wieder die Warteschlange.

Kein Vorwärtskommen

Ob er sich einfach vordrängen sollte? Er trat aus der Reihe und marschierte an all den stumm wartenden Menschen vorbei bis zu dem jungen Mann im weißen Mantel. Niemand hielt ihn auf, niemand schimpfte. Verrückt! Wie konnten die alle so ruhig bleiben? Herr Donnerstag schnauzte den jungen Mann im weißen Mantel unvermittelt an:

„So geht das nicht! Ein Einbrecher? Das zerstört alle meine Pläne! Ich habe das nicht bestellt!“

Bestellt?“ fragte der junge Mann erstaunt und lächelte freundlich.

„Jawohl, Sie haben richtig gehört. Ich habe mein Schicksal so nicht bestellt! Mein Leben müsste ganz anders verlaufen!“

wiederholte Herr Donnerstag, um seiner Reklamation Nachdruck zu verleihen.

„Und ganz besonders ohne Einbrecher!“

Bei diesen Worten wurde es dunkel und Herr Donnerstag lag im nächsten Moment wieder in seinem Bett.

Kein Luftzug. Er war sich nicht sicher, ob er überhaupt ein Klirren gehört hatte. Und dieser verrückte Traum. Er fühlte sich unwohl und innerlich sehr aufgewühlt. Verstört setzte er sich auf, schlüpfte in seine, vor dem Bett für den nächsten Morgen bereitstehenden Pantoffel und schlurfte aus dem Schlafzimmer. Er wollte sich ein Glas Wasser holen. Vielleicht würde das helfen. Ihm war mittlerweile richtig schlecht. Noch bevor er die Küche erreichte, wurde aus der Übelkeit panische Beklemmung. Herr Donnerstags Augen weiteten sich, er griff sich an die linke Brust und sank leblos zu Boden.

Diesmal

wartete er ab, bis er an der Reihe war. Seine Laune war unvorstellbar mies als er endlich vor den jungen Mann im weißen Mantel trat.

„Das kann doch nicht wahr sein!“

rief Herr Donnerstag kaum, dass das kleine Mädchen mit langen Zöpfen vor ihm durch das Tor verschwunden war.

„Bekommt ihr den Tag denn überhaupt nicht in den Griff?“

Der junge Mann aber öffnete ein dickes Buch, fuhr mit dem Finger suchend über die Zeilen und klopfte dann lächelnd auf eine Stelle. Bestätigend sagte er halblaut, mehr zu sich selbst als zu Herrn Donnerstag: „Kein Einbrecher. Wie bestellt.“ Er schlug das Buch wieder zu und öffnete das Tor.

Herr Donnerstag schaute ihn verwirrt an. Der junge Mann in Weiß aber deutete ihm, er solle eintreten.

„Das muss ein Irrtum sein …“

meinte Herr Donnerstag empört als er seine Sprache wiedergefunden hatte.

„Sie müssen mich wieder runter schicken. Da ist etwas schief gelaufen. Ich sollte noch gar nicht hier sein! Ich habe noch viele Pläne!“

Jetzt ist doch alles gelaufen wie … „der junge Mann hielt einen Augenblick inne und betonte das Wort dann ganz besonders „BESTELLT: Kein Einbrecher.

„Ja, aber warum bin ich schon wieder hier? Das gibt es doch nicht!“

Herr Donnerstag schüttelte kräftig den Kopf als könne er sein Schicksal dadurch ablehnen oder ungeschehen machen.

Was glauben sie denn, wer sie beide Male reanimiert hat?“ fragte der junge Mann sanft lächelnd und machte das Tor noch ein Stück weiter auf, um Herrn Donnerstag einzulassen. „Für Wunder sind Sie hier an der falschen Adresse. Diesmal ist es endgültig“ Trotz der sanften Stimme klang die Bestimmtheit der Entscheidung mit. Der junge Mann legte dem verdutzten Herrn Donnerstag beruhigend die Hand auf die Schulter.

Dem wurde klar, dass selbst durch Toben und Schreien nichts mehr zu ändern war.

„Aber ich hatte doch etwas ganz anderes bestellt …“

murmelte er schließlich resigniert und ging ins gleißende Licht.

 

Advertisements

14 Gedanken zu “Herr Donnerstags Bestellung

  1. Punkte für Katze anfauchen. Auch wenn die Zahl von Donnerstags Leben nicht gleich zu sein scheint. (By the way, what’s the cat’s name, Sysiphos?)

    Selbstredend bin ich immer noch in konsternierter Weise entsetzt darüber, wie sich die Dienstagsbestellung der Dusche ausgewirkt hat.

    Gefällt mir

      1. Ich hab dich im diesem Monat schon lesenswert genannt, gar in Versform. Und eigentlich lege ich wert auf die Umschläge von Büchern. Aber bei dir kommt in Betracht, dass ohne Umschlag von größerer Schönheit ist. Dich angesichts dessen nicht gelegentlich beleidigt drein schauen zu lassen, wäre moralisch unverantwortlich, hazardous. Hier gebe ich kein Versengeld.
        A chill-less life is not well balanced.

        Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s