Weib am Lenkrad

Wir schreiben das Jahr 2016 und immer noch scheint es eine Schlagzeile wert zu sein, über Frauen am Steuer zu schreiben. Warum kam niemand auf die Idee, das Wochenthema Mann am Steuer zu nennen?

Manchmal frage ich mich zudem, wer sich mehr über die Damen hinterm Lenker aufregt: die Männer oder wir Frauen uns über unsere Artgenossinnen? Seien wir doch mal ehrlich: es macht Spaß über die Anderen zu lästern. Logischerweise folgt daraus, dass ich selbst natürlich gut fahren und einparken kann, aber die anderen Weiber? Alle den Führerschein im Onlineshop gekauft oder in der Lotterie gewonnen.

Rechts-links-Schwäche. Kartenlesen. Dem Navi blind folgen. Frauensache? Da fällt mir ein, dass wir früher den Spruch mit Frau am Steuer immer etwas verlängerten:

Frau am Steuer,

ungeheuer –

aufmerksam.

Aber lahm!

Und was sagt die Statistik? Frauen machen weniger Unfälle. Weil sie langsamer fahren? Oder halten sie mehr Abstand? Oder fahren sie einfach immer noch viel weniger durch die Gegend? Gehen dafür ihre Autos schneller kaputt, weil sie weder Ölstand noch Reifendruck prüfen? Oder halten sie sogar länger, weil die Fahrzeuge der Damen regelmäßig zur Inspektion gebracht werden?

Hach, der Mythos „Frau am Steuer“ er lebt! Nicht auszumerzen. Die Frauen in den 50er Jahren mussten noch ihren Gatten um Erlaubnis fragen, ob sie 1. den Führerschein machen dürfen und 2. ob sie das Auto nehmen dürfen.

Meine Mama, Jahrgang 1929, machte irgendwann Anfang der 60er Jahre ihren Führerschein. Da war sie bereits im reifen Alter. Niemand, zumindest keine Frau machte mit Beginn der Volljährigkeit (damals noch mit 21 Jahren) ihren Schein. Dann lernte sie meinen Vater kennen, sie heirateten und bekamen 2 Kinder. Mein Vater pendelte anfangs von NRW nach Hessen. Mit einem VW Käfer. Dem Kultauto. Damals war es eines von vielen. Dann wurde endlich zusammen gezogen. Für schwere Einkäufe durfte Mama samstags dann auch mal das Auto nehmen. Bis ein neues gekauft wurde. Die Angst vor dem ersten Kratzer wurde dadurch kompensiert, dass mein Papa meine Mutter lieber wochenends fuhr.

So setze sich das fort. Der Führerschein staubte über 20 Jahre in der Schublade vor sich hin und wurde nie mehr gebraucht. Bis zu dem Tag, wo mein Vater einen Unfall hatte und sich eine böse Diagnose herauskristallisierte. Nun sollte meine Mutter meinen Vater plötzlich zu Arztterminen fahren. Das traute sich meine Mama aber nicht zu. Ohne Fahrpraxis wollte sie umsichtigerweise nicht ins Gefährt steigen. Erst später, als mein Vater gestorben war, nahm sie nochmal ein paar Fahrstunden. Der Fahrlehrer empfahl ihr auf ein Automatikfahrzeug umzusteigen. Das tat sie dann auch. Dank ihm konnte sie dann doch noch etliche Jahre fahren. Im Alter bedauerte sie, dass sie sich das „Steuer“ so aus der Hand hatte nehmen lassen und bewunderte immer „die Frauen/Jugend von heute“, die sich mutig gegen die Normen auflehnten und ihr Ding durchzogen.

Als ich mit 18 meinen Führerschein machte hatte sie zwar anfangs auch Bedenken, aber mehr aus der Angst heraus, dass der Verkehr im Laufe der Zeit mehr geworden war. Als sie dann sah, dass ich beruflich meine Kilometer schrubbte und sicher fuhr, war sie beruhigt.

Frauen fahren genauso gut oder schlecht wie Männer. Manche mehr, manche weniger. Einige nur zum Einkaufen, viele zur Arbeit oder in den Urlaub. Der Weg ist das Ziel. Jeder hält soviel Steuer in der Hand, wie er mag.

Dafür, dass ich nichts schreiben wollte, ist es doch ganz schön viel geworden und abgeschweift bin ich auch. Na ja. Ihr müsst es ja nicht lesen. Wenn ihr allerdings hier angekommen seid, ist es zu spät. Ende-Gelände.

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3 Gedanken zu “Weib am Lenkrad

    1. Ich fand es auch klasse, dass Mama sich noch traute. Aber dennoch bin ich ungern mit ihr gefahren, da sie gerne nach rechts zog, wenn sie sich nach rechts zum Beifahrer unterhielt. Da habe ich ein paar Mal nicht nur die Luft angehalten, sondern auch mal ins Lenkrad gegriffen. Danach habe ich mich gerne als Fahrer zur Verfügung gestellt.
      Allein fahren war bei ihr nicht das Problem 🙂

      Gefällt 1 Person

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