Knutschen in den frühen 70igern

Knutschfleck. In meinem Alter? Keine Chance.

Aber dieses Wort, knutschen, wunderschön, da kommen Erinnerungen hoch.

Wer von Euch erinnert sich denn noch an Knutschfeten?

Sie waren das Highlight meiner  frühen Teenager  Jahre, und die größte nur vorstellbare Katastrophe war, nicht von Rosemarie Blass eingeladen zu werden.

Rosemarie war einmal sitzen geblieben und deshalb ein Jahr älter als die meisten in meiner Klasse. Sie wohnte auf dem Dorf und ihre Eltern hatten ihr erlaubt, einen Partykeller einzurichten. T.Rex, Sweet und David Cassidy blickten dort von weißgekalkten Wänden auf uns hernieder. Auf den Fußböden lagen Matratzen und ein Plattenspieler stand in der Ecke.  Es gab Erdnussflips und Salzstangen, Apfelsaft und Brause, die auf einem Tapeziertisch im Flur standen.   Nebenan waren mit Eingemachtem.

Die Einladungen zur Party wurden am Samstagmorgen in der Schule getroffen und Rosemarie lud nur die populärsten Klassenkameraden ein.  Was war ich stolz, als Rosemarie mich das erste Mal einlud! Den ganzen Samstagnachmittag hatte ich Herzklopfen und Schmetterlinge im Bauch. Ich lag auf meinem Bett und träumte davon, mit Knut zu tanzen. Für den schwärmte ich nämlich.

Um  19.30 Uhr lieferte mich mein Vater bei Rosemarie  ab. Im Keller war es dunkel und die Musik war auf volle Lautstärke gedreht. Die  Mädchen standen links und die Jungs rechts in der Ecke herum. Einer der Jungs, unser Klassenkasper,  bediente den Plattenspieler. Einem anderen war es gelungen, Korn rein zu schmuggeln, mit dem der Apfelsaft gespickt wurde. Irgendwann begannen die ersten zu tanzen,  erst jeder für sich, dann bildeten sich Paare, und die Musik wurde langsamer. Engtanzen war angesagt! Die Verlierer des Abends zogen sich zurück und widmeten sich dem Apfelkorn, während die anderen sich zu „Love hurts“  wiegten.   Die letzte halbe Stunde der Party verbrachten die neuen Paare knutschend auf einer der Matratzen , während die anderen im Flur standen und auf ihre Eltern warteten.

Ich tanzte ich mit Rainer,  einem Nachbarn von Rosemarie. Knut hatte sich mit Susanne verzogen und ich hatte meinen Schmerz mit einer ordentlichen Portion Apfelkorn gedämpft.  Es fühlte sich gut an, so eng zu tanzen, und als Rainer begann mich zu küssen, schmolz ich hinweg und vergaß Knut. Irgendwann lag ich mit Rainer auf einer Matratze und wir knutschten und knutschten und ich wusste gar nicht, wie mir geschah.

Punkt 22.30 drehten Rosemaries Eltern das Licht an und schickten uns nach Hause.

Am Sonntag dachte  ich unentwegt an Rainer. Am Montag ging ich stolz mit einem gepunkteten Halstuch zur Schule und jeder wusste, warum ich das trug. Rosemarie vermittelte ein Treffen mit Rainer und am Donnerstag traf ich ihn bei Tageslicht – und war enttäuscht. Ich hatte ihn ganz anders in Erinnerung und wusste gar nicht, was ich zu ihm sagen sollte. Er gefiel mir nicht mehr und als er mich küsste, war es nicht mehr so schön wie auf der Party. Ich ließ ihm über Rosemarie ausrichten, dass ich nicht mit ihm gehen wollte,  aber vergessen habe ich ihn nie, den Jungen, der mir meinen ersten Kuss und sieben Knutschflecke gab.

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3 Gedanken zu “Knutschen in den frühen 70igern

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