Was bisher geschah …(Ganz normaler Alltagswahnsinn)

Der Vorhang öffnet sich. Zu sehen: Eine regennasse Fahrbahn. Es ist so spät wie immer.

1.Akt – Abfahrt

Ein Auto fährt los. Die Landstraße. Abbiegen verträgt nicht mehr als 20 km/h, ohne dass sich die segensreiche Erfindung des Elektronischen Stabilitätsprogramms auffällig orange blinkend zuschaltet. Danke für’s Mitwirken, ESP!

Das Auto trifft bald auf andere Autos. Vorne weg ein Traktor. Bergauf im Schleichtempo. Die Pendler zuckeln hinter her. Da, endlich! Am Anfang des nächsten Ortsgebiets weicht der Traktor aus. Könnten wir jetzt die Autofahrer hören, schallte es einem Engelschor gleich „Halleluja!“ durch die Fahrgastzellen. Tosender Applaus, La-Ola-Wellen. Lobgesänge auf den Bauernstand.

Doch, oh weh! Die beschleunigende Autoschlange trifft abrupt auf einen LKW-Fahrer. Statt auf die Straße zu achten, wird in der Fahrerkabine fleißig ins Handy getippt. Also, Schritttempo für alle. Da führt kein Weg daran vorbei. Erst am Ortsende. Ein Murren geht durch die Wägen, oder ist es ein Donnergrollen? Statt Jubelchören gibt es ein Konzert, aber der LKW-Fahrer ist vertieft in die Vertextung seiner Gedanken. Was wäre der Mensch ohne Schrift? Die Kultur käme ins Wanken! Und ohne Hupe? Armer stummer Verkehrsteilnehmer.

2. Akt – Autobahn

Ein Auto fährt auf. Die Autobahn. Vordermänner und -frauen sind in der Gischt nur zu erahnen. Doch die Ratio sagt, ihre Existenz steht außer Zweifel. Die Spuren, die sie auf der Windschutzscheibe hinterlassen, treiben die Scheibenwischer zur Raserei. Ein Kampf gegen Windmühlen und Windböen. Auf der Rückbank tönt es fröhlich:

Mama, schau mal! Mama, weißt du was? Mama dies und Mama das.

Aquaplaning fordert planlos seine Opfer. Ein (zu) schnelles Auto dreht eine Pirouette und kuschelt ungemütlich mit der Leitplanke auf der Überholspur. Folgetonhörner erklingen, blaues Licht tanzt durch den Regen. Man schaut und bremst und bremst und schaut. Schaulustig wird es gerne genannt, aber das Lachen erstirbt, dem Vorbeifahrenden graut – selbst wenn der Unfalllenker unbekannt. Danach heißt es wieder Gas geben, nur besser nicht zu viel. Sonst erreicht man es nie, das eigene Ziel. Und doch: Manche lernen es einfach nicht, statt bedacht zu sein, fahren sie auf ganz dicht. Mindestens 3 Drängler später ist es endlich geschafft: Die Frau am Steuer nimmt die Ausfahrt mit letzter Kraft.

3. Akt – Am Ziel

Die Nerven flattern, die Kinder schnattern. Noch eine Ampel, dann sind sie da. Die Frau am Steuer weiß sich ihrem Ziel schon so nah. Aber, oh weh! An der Ampel kein Licht, stattdessen Handzeichen. Wird sie ihr Ziel heute jemals erreichen?

Endlich. Jetzt nur noch einen Parkplatz finden. Warum können sich Autos nicht geschmeidiger winden? Ein bisschen vor, ein bisschen zurück. Gelungen ist das Meisterstück. Den Motor abstellen, die Finger noch immer verkrampft am Lenkrad klammern. Da hört man es von der Rückbank jammern:

Das ist nicht mein Lieblingsparkplatz!

Die Frau am Steuer stutzt und schüttelt den Kopf. Was war das eben? Das kann’s doch nicht geben! Alle sind gesund angekommen, schon wird die erste Beschwerde vernommen. Die Frau am Steuer bedenkt sich kurz und sagt gewitzt:

Wo wir parken, DEN Platz suche ich aus mein Schatz!“

Sie denkt die Sache ist geritzt. Aber aus dem Jammern wird ein Weinen, ein Trampeln und Toben, die Frau am Steuer schaut hilfesuchend nach oben. Kein Wunder geschieht, nicht zu beruhigen ist das Kind.Wie könnte sie die Situation lösen ganz geschwind? Vernunft muss her! Das ist doch nicht so schwer.

Dein Lieblingsparkplatz ist nicht frei

erklärt sie sodann.

Die stehen auf meinem Lieblinsparkplatz! Sie haben mir meinen Lieblingsparkplatz weggenommen!

schreit das Kind so laut es kann.

Epilog

Auf der Heimfahrt hat die Frau am Steuer keine besonders gute Laune. Wer sie anhupt, bricht gleich einen Streit vom Zaune. Wehe dem, der es wagt, mit überhöhter Geschwindigkeit sie zu drängeln. Unterschätze sie nie, Mütter von Kleinkindern, die viel quengeln!

Also, fremder Autofahrer, merke wohl was geschrieben steht hier:

Du weißt nicht, was bisher geschah – im ganz normalen Alltagswahnsinn der Frau am Steuer vor dir!

Advertisements

2 Gedanken zu “Was bisher geschah …(Ganz normaler Alltagswahnsinn)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s