Widder der Emanzipation

 

In der Hitze des letztjährigen Sommers ereignete sich Folgendes:

Mein Auto ist ein Kavalier der alten Schule. Als edler Franzmann, ganz in schwarz gekleidet, gibt es sich charmant die Ehre, eine Dame zu chauffieren. Aber wehe, die Dame beschließt, selbst zu fahren. „Non non non non chérie, der autö geört nischt in die and von aine frau!“ „Oui oui oui oui oui!“, entgegnete ich, „Schließlich zahle ich Steuern und Sprit, basta!“ So nahm ich also das vermeintlich letzte Wort behaltend, Platz auf dem Fahrersitz und startete den Motor. Ruhig schnurrte er wie Nachbars Katze. Ich legte den Gang ein und fuhr elegant aus der minimalen Großstadtparklücke. Plötzlich erwachte die Miez unter der Motorhaube und begann zu husten: „R-r-r-r-r-r-r-non-r-r-r-r-r-r-no-non-r-r-r-r-r-r-no-no-no-n-n-non!“ Mit einem Röcheln erstarb der Motor und ich stand mit halbem Gefährt in der Hauptverkehrsstraße. Der laufende Verkehr empfing mich hupend und mit Fingervögelzeigern. ‚Ruhig bleiben ruhig, alles gut!’, versuchte ich mich mental zu entspannen. Dann: Schlüssel zurückgedreht, Gang raus, Leerlauf, Kupplung, Schlüssel umgedreht, Bordcomputer fährt hoch, Schlüssel ganz umgedreht und – „Ent-ent-ent-ent-ent-ent-ent-entrée – mais non pour la femme!“ Und aus.

Ich gab einem nonchalanten Urschrei die Macht, den fließenden Verkehr für eine Zehntelsekunde anzuhalten. Dann startete ich erneut. Und wieder hieß es: Damen nicht erwünscht. „Oh oui mon ami, diesen Krieg werde ich gewinnen!“, hämmerte ich in die Mitte des Lenkrades. „Mais chérie,“, säuselte plötzlich das Navigationssystem, „Der autö geört in main and.“ „Pass bloß auf, dass der autö nicht mal ganz schnell woanders landet!“, zischte ich und startete den Motor erneut. Wider jeder guten Manier trat ich pumpend das Gaspedal, zur Not würde ich den Bastard einfach ersäufen! Und oh Wunder – der Motor heulte auf und die Drehzahlnadel schoss in den Viererbereich. „Ha! Der Sieg ist mein!“, rief ich. „Mais non.“, gab das Auto zurück und löste die automatische Feststellbremse. Langsam rollte ich mit heulendem Motor in den fließenden Verkehr. Ich brach in Schweiß aus und nervlich bereits zum dritten Male zusammen, aber man ließ den schwarzen Franzosen ziehen. Er gab den Motor frei.

Glücklich an der nächsten Ampel angekommen, beschloss ich, gegen 38 Grad Außen- und mindestens 45 Grad Innentemperatur etwas zu unternehmen. Wozu hat es denn eine Klimaanlage. Die Bordsteuerung signalisierte die Inbetriebnahme selbiger, ebenso die Kraftstoffanzeige. Ein Schwall kühle Luft umwehte meine Beine und hob mein Sommerröckchen. ‚Mon Dieu,’, dachte ich, ‚sind wir dafür nicht zu alt?’ Fast war ich zu einer Versöhnung bereit, da schlossen sich plötzlich alle Fenster und im Inneren des Autos entstand auf der Stelle eine russische Banja. „Katharina der grande war einö von üns chérie, vivre la France!“, trompetete der Bordcomputer und hüllte sich umgehend in festgebrannte Erstarrung. „Aha – ja? Nun gut! Napoleon haben wir auch geschafft!“ Mit diesen Worten fuhr ich in die nächste Werkstatt ein.

Aufgrund meines kurzen Sommerröckchens kamen auch sofort zwei Anfangzwanziger auf mich zugeeilt und fragten mich nach meinem Begehr. Monsieur la voiture schaute scheinheilig in die Luft und pfiff leise die Marseillaise hinter mir.  „Also.-“, begann ich meinen Bericht der Dinge in Körbscher Kurzform. Die Buben schrieben eifrig mit. Ich schloss mit den Worten: „Natürlich geht das jetzt nicht, weil er das nur im absolut komplett kalten Zustand macht.“ „Ouuuh. Hmmm. Der Motor sägt.“, sagte der eine und rieb sich seinen spärlichen Kinnbart. Er telefonierte und ein weiterer Bub in roter Latzhose kam aus der Werkstatt. In seinen manikürten Fingern trug er einen dicken Klappcomputer. „Jetzt lesen wir erst mal den Fehlerspeicher aus.“, sagte der rote und einer von den anderen Buben erklärte mir, dass das fünfzig Ursachen haben kann und wenn das nur einmalig so ist nun dann hat man ja auch nur einmal am Tag die Chance und so weiter. Ich wusste genau eine Ursache, die zutraf, aber ich ließ die Spezialisten in Sachen Lüftungsklappe ermitteln. Der Motor lief und schnurrte. Der rote Bube wischte über seinen Computer, ich suchte wenigstens einen Ölfleck auf seiner Latzhose zu finden, da hustete plötzlich das Kätzchen im Motor erneut. „Ha!“, erschreckte ich den Roten, „Genau das ist es, haben Sie das gehört?“ Er schaute mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Ich meine dieses r-r-r-r-r-r-ent-ent-r-r-r-r-r-r.“ „Ah ja.“, entgegnete er und rief wohl im Geiste schon die 19222. Hallo ja, wir haben hier ein weiteres bedauerliches Hitzeopfer. Monsieur la voiture grinste hämisch.

„Also. Ich kann da jetzt nichts finden. Lassen Sie den Wagen am besten da. Da ist eh ein Service Check Up fällig.“ Also ließ ich den Franzmann in der Werkstatt, sollten sich doch die Buben darum kümmern! Wenn der Auto meint, als Mann nur unter Männern richtig zu funktionieren, dann würden der Jungs ganz bestimmt der Fehler bei der Navigationssystem, der Klimaanlage und der Motor finden! Zur Bekräftigung meiner Gedanken pfiff mir der Franzacke, der Saukerl beim Verlassen des Geländes auch noch mit Lichthupe hinterher.

Ich bewege mich derzeit ganz neutral auf das Fahrrad vorwärts und wir üben schon einmal kräftig die Feminisierung diverser Einzelteile: die Bremse, die Sattel, die Lenker. Meine lieben Leser, sollten Sie ähnliche Probleme mit männlichen Verkehrsteilnehmern haben, so scheuen Sie nicht, radikal emanzipiert zu agieren und schrecken Sie auch im Notfall nicht vor dem Gebrauch des berüchtigten „-In“ zurück – ein herzhaftes „Die blöde ArschlochIn“ zu dem Ihnen die Vorfahrt schneidenden Motoradfahrer gebrüllt, erspart sowohl ein Gegenargument, als auch eine Klage wegen Beleidigung.

Mit herzlichen Grüßen
Ihre Frau Körb

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9 Gedanken zu “Widder der Emanzipation

  1. Sieh mal an! Nicht die Fahrerin, sondern der Wagen braucht Erziehung. . Vielleicht sollte man mal die französische Revolutionserrungenschaft korrigieren: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit auch für die Schwestern!

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  2. Die 19222 gibt es nur noch mit Vorwahl. Der junge Junge hätte dann wohl eher an die 112 gedacht…

    Bisschen frisch fürs Rad. Hoffentlich ist der Franzose bald wieder fit

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      1. Ach schade, jetzt hätt ich den Buben auch 0 190 19 222 singen lassen können, während er langsam den Träger seiner roten Latzhose öffnet und selbige einen … … … schmalbrüstigen Hänfling preisgibt, der noch dazu … chor:

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