Im Morgengrauen

Sie atmete auf. Frischluft, endlich! Eine lange Nacht lag hinter ihr. Es war schon früher Morgen und klirrend kalt. Die Straßen waren menschenleer. Die Musik aus dem Club dröhnte noch immer in ihren Ohren, obwohl sie hier außen nur noch leise zu hören war. Die wummernden Bässe bereiteten ihr eine leichte Übelkeit. Sie lehnte sich an die Wand und schloss die Augen. Gedanken überschlugen sich in ihrem Kopf. Ein wirres Durcheinander aus Satzfragmenten, mühselig bis peinlichen Versuchen seichter Unterhaltung. Ein schreckliches Gefühl stieg in ihr hoch. Sie kannte es von früher, schon seit ihrer Kindheit.

Stille. Sie brauchte jetzt unbedingt Stille. Und sie wollte weg von hier.

Langsam ging sie die Straße entlang. Beim Bahnhof würden hoffentlich noch Taxis auf Nachteulen wie sie warten. Dabei war sie gar keine Party feiernde Nachteule. Nicht freiwillig. Sie fühlte sich in Gesellschaft leicht unwohl. Firmenfeiern waren am schlimmsten. Statt mit Freunden zusammen zu sein, musste man stundenlang höflich Smalltalk mit Menschen führen, die man oft gerade einmal vom Grüßen in der Mensa kannte und mit denen einen nichts weiter verband, als der Arbeitsort.

Ihre Schritte waren unsicher, ihre Sinne leicht benebelt und das Gerede des Abends wollte nicht verstummen:

Du bist also die Neue? Na, da hatten sie wohl wieder einmal eine Quote zu erfüllen

Ach, du bist die … Ja, von dir habe ich schon gehört“ [kurzes, spitzes Lachen]

Kind, du musst noch viel lernen. Aber das wird schon noch. Hoffen wir es einmal

Väterliches Getue konnte sie gar nicht ertragen. Diese Überheblichkeit. Aber wie reagiert man darauf richtig? Ihr verlegenes Kichern hatte es auf jeden Fall nicht besser gemacht.

Sie hasste sich dafür.

Und wie die zwei aus der anderen Abteilung immer zu ihr herüber gesehen hatten. Dieses abschätzige Gemustertwerden. Keinerlei Bemühen, es heimlich zu tun. Nein, ganz auffällig, sodass alle anderen auch zu ihr her schauten. Diese Blicke, schamlos neugierig, unverhohlen bösartig.

Kaum fließt der Alkohol, sprudelt es ungefiltert aus den Leuten heraus, das, was sie wirklich über dich denken.

Heute hatte sie es wieder gespürt, ganz deutlich. Sie gehörte nicht dazu. Hier, genauso wenig wie in ihrem letzten Job. Sie sehnte sich nach ihrem Bett. Sie wollte jetzt nur die Decke über das Gesicht ziehen und niemanden mehr sehen müssen, aber vor allem, von niemanden mehr gesehen werden. Wie sollte sie nur am nächsten Tag all diesen Leuten wieder begegnen? Ach, sogar in ein paar Stunden! So tun, als würde ihr das alles nichts ausmachen, dass man ihr das, was man normalerweise nur hinter ihrem Rücken über sie sprach, ins Gesicht gesagt hatte? Sie hörte es ja auch, wenn sie leise flüsterten, sie wusste darum und trotzdem lächelte sie freundlich und blieb hilfsbereit. „Naives Dummerchen“ zischte sie. Das war sie wohl, in den Augen der anderen und vielleicht hatten die gar nicht so unrecht.

Ihre Beine fühlten sich schwer an und ihre Orientierung war noch schlechter als sonst. Ging sie überhaupt in die richtige Richtung? Sie schaute sich um, konnte aber nichts Vertrautes erkennen. Verzweifelt und müde blieb sie stehen.

Sie hasste ihr Leben.

Nachdem sie einige Minuten lang ganz still mitten am Gehsteig gestanden hatte, versunken in dunkle Gedanken, mit den Tränen kämpfend, sich selbst innerlich verfluchend, tauchte langsam eine Erkenntnis auf, die – je klarer sie wurde  – ihr wieder Mut machte. Nicht ihr Leben war es, das sie wirklich verachtete. Nein, sie liebte so viele Dinge auf dieser Welt, sie empfand so viel Freude, wenn sie nur für sich war, ohne alle anderen. Sie wollte noch so viel erleben. Die Menschen, die sie umgaben, die verachtete sie. Deren Schuld war es ja auch, dass sie sich so schlecht fühlte.

Es musste sich etwas ändern. Sie musste etwas ändern. Nicht an sich. In ihren eigenen Augen war sie selbst eigentlich ganz in Ordnung. Die anderen, die mussten ihre Einstellung ändern. Und wenn sie das nicht konnten oder wollten, dann sollten sie dafür büßen, für alles, was sie ihr bisher angetan hatten.

Sie kniff die Augen angestrengt zusammen als wollte sie jemanden genauer in Augenschein nehmen, presste die Lippen aufeinander. Ihre Hände hatte sie unbewußt zu Fäusten geballt. Innerlich kochte sie.

Ein lautes Rumpeln schreckte sie auf. Sie drehte sich um, konnte aber nicht sehen, was es war, das um diese Uhrzeit so einen Lärm machte. Das Rumpeln wurde immer lauter, es hallte durch die Straßen. Als es schon ganz nah schien, aber noch immer nichts zu sehen war, meinte sie sogar Hufschlag zu vernehmen. Tatsächlich bog im nächsten Moment eine Kutsche ums Eck.

Mit offenen Mund starrte sie auf das Gefährt, das von zwei schwarzen Pferden mit glänzendem Fell gezogen wurde, und nun neben ihr anhielt. Das war keine von diesen Kutschen, in denen Touristen Stadtrundfahrten machten. Um diese Zeit durften die ja noch nicht einmal unterwegs sein. Nein, es sah mehr aus wie eine Krönungskutsche. So eine, wie man sie in königlichen Sammlung sah, aus dem Fernsehen kannte: vergoldete Verzierungen, geschwungene Rahmen, Schnörkel und Figürchen überall. Auf dem Kutschbock saß gebückt ein … ein … Nun, das konnte sie nicht erkennen. Er – oder sie – war ganz in einen grauen Mantel gehüllt mit riesiger Kapuze.

Einsteigen, bitte“ hörte sie eine zarte Stimme sagen. Die Türe der Kutsche öffnete sich wie von Geisterhand. Der Kutscher saß nur reglos da. Auch beim Sprechen wendete er sich ihr nicht zu. Sie konnte sein Gesicht gar nicht sehen. Es blieb im Finstern unter der Kapuze verborgen.

Nein!“ sagte sie stimmlos, räusperte sich und wiederholte etwas lauter und deutlicher „Nein, danke!

Aber Sie wollten doch eine Mitfahrgelegenheit. Jetzt sind wir da. Sie haben uns doch gerufen?

Ich … äh, ich habe niemanden gerufen“ antwortete sie und griff unweigerlich in die Manteltasche nach ihrem Handy. Es war nicht da! Sie stutzte kurz. „Oh Gott, ich habe es an der Bar liegen lassen! Auch das noch …“ schoss es ihr durch den Kopf.

Steigen Sie nun ein oder nicht?“ fragte der gesichtslose Kutscher etwas ungehalten. „Das ist ihre persönliche Retourkutsche.

Meine Re…meine Was?!“ sie stotterte, vollends verwirrt.

Ihre RE-TOUR-KU-TSCHE“ wiederholte die Stimme langsam und überdeutlich.

Wohin fährt die denn?“ platzte es aus ihr heraus.

Wohin auch immer Sie wollen. Wir fahren nach ihrem Fahrplan.“

Noch immer nicht ganz Herr ihrer Sinne, keimte bei diesen Worten Mut und so etwas wie alkoholseliger Leichtsinn in ihr auf. Sie ging zu dem goldenen Gefährt, kletterte wackelig die Stufen zu der niedrigen Tür hinauf und stieg gebückt ein. Die Pferde schnaubten. Mit einem Ruck setzte sich die Kutsche in Bewegung.

Da saß sie nun, in einer kitschigen Kutsche wie aus einem Märchen. Sie kam sich vor, als wäre sie Teil eines Zeichentrickfilms geworden. Sie ließ sich erst einmal einfach durch die Gegend fahren. Die schlafende Welt zog an ihr vorbei. Aufgeregt begann sie fantastische Pläne zu schmieden, wohin ihre Fahrt gehen sollte.

Aussteigen können Sie erst wieder, wenn sich ihr Wunsch nach einer Retourkutsche ein für alle Mal gelegt hat“ ertönte unerwartet die Stimme vom Kutschbock. In ihrem Zustand aus Trotz und mangelnder Nüchternheit erschien ihr das akzeptabel. Sie hatte noch viel vor. Statt depressiv in Selbstmitleid zu versinken oder wortlos weiterhin Demütigungen zu ertragen, würde sie sich rächen, bitterböse.

Die Fahrt wurde immer schneller. Es war furchtbar holprig. Sie versuchte, es sich bequem zu machen, aber schon bald merkte sie, dass das gar nicht so leicht war auf der schmalen, schaukelnden Holzbank. Sie klopfte an die Scheibe zum Kutscher. Keine Reaktion. Sie drückte die Türschnalle hinunter. Die Türe schien versperrt. „Hallo?“ rief sie laut nach vorne, aber es kam keine Antwort. Es war hier drinnen so wie auch draußen in der Welt: Sie war ganz alleine, keiner nahm von ihr Notiz.

Nur ihr Wunsch, nach Versöhnung, ein aufrichtiges Vergeben und Vergessen konnte die rasende Kutsche bremsen. Durch das Fenster sah sie die Sonne aufgehen. Die Straßen füllten sich langsam. Die Kutsche schien unsichtbar, denn niemand drehte sich danach um.

Grübelnd saß sie in ihrem selbst gewählten Gefängnis. Wie könnte sie zu ihrer Genugtuung kommen? Welchen Fahrplan würde sie entwerfen? Sie hatte noch eine lange, einsame Reise vor sich, aber sie fühlte sich endlich frei.

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12 Gedanken zu “Im Morgengrauen

  1. „Es war hier drinnen so wie auch draußen in der Welt: Sie war ganz alleine, keiner nahm von ihr Notiz. (…)
    Grübelnd saß sie in ihrem selbst gewählten Gefängnis. Wie könnte sie zu ihrer Genugtuung kommen? Welchen Fahrplan würde sie entwerfen? Sie hatte noch eine lange, einsame Reise vor sich, aber sie fühlte sich endlich frei.“

    Stille.

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