Retour mit der Kutsche

Heute reisen wir zurück in die Vergangenheit, 200 Jahre um genau zu sein. Somit sind wir im Jahr 1816 gelandet. Für manchen käme dies einem Super-Gau gleich, keine Mobiltelefone, transportablen Mini-Computer, kein Internet und keine Automobile. Zwar gab es anno dazumal bereits Pferdestärken, allerdings nur für wenige und noch weniger Auserlesene leisteten sich eine Kutsche, das damalige Statussymbol.

Ein Mann, mittleren Alters, bestritt sein Leben in jener Zeit. Erarbeitete sich mühsam einen nicht zu verachtenden Wohlstand mit etwas Land, einem Haus und zwei jungen Pferden. Kutschen lehnte er ab, die wolle nun jeder, er brauche keine Kutsche er hatte ja Pferde. Statussymbole bedeuteten ihm nichts.

Doch bereits ein Jahr später erkannte er denn Komfort, welcher ihm eine Kutsche bieten könnte, zum Beispiel auf längeren Reisen, während ein Pferd die Last seiner Habe auf diesen Reisen tragen musste, trug das andere Pferd ihn, was bedeutete das jenes Pferd mit der Last auf seinem Rücken, sozusagen sein Lastenpferd, mehr Pausen als das andere Pferd benötigte.

Würde er seine treuen Weggefährten vor eine Kutsche spannen, hätten beide Pferde gleich viel Last zu ziehen und zu zweit war doch ohnehin vieles leichter. Nicht nur für Tiere, sondern auch für den Menschen. Zudem wäre er wohl weniger Krank, da er bei Regenguss während seiner Reise im trockenen sitzen könne. Einen Teil der Last könne er den Pferden und sich selbst gar ersparen, da er sein Zelt für die Nachtruhe nicht mehr mitnehmen müsste, eine Kutsche bot genügend Platz um warm und trocken zu schlafen.

Ein weiteres halbes Jahr verging, bevor der Mann einen Kutschenhändler aufsuchte, wobei man sich diese mit fortschreiten der Zeit tatsächlich so vorstellen darf wie die heutigen Autohäuser.

Probefahrten galten damals genauso wie heute und der Handschlag, oder das Wort, eines Menschen zählte mehr als jeder Vertrag. Seinen Handschlag, sein Wort und somit Versprechen nicht einzulösen war die größere Schande, der Ruf garantiert ruiniert, die Möglichkeiten um Geschäfte zu schließen damit ebenfalls.

Zwei signifikante Unterschiede gab es bei den damaligen Probefahrten zu den heutigen, eine Probefahrt konnte auch schon mal ein Monat dauern, nahm die Kutsche dabei Schaden ging sie gegen das entsprechende Entgelt in den Besitz des Probefahrenden über.

So probierte sich der Mann durch das Kutschenland, sollte die ihm am meisten zusagende Kutsche aber erst 1823 bei Lindner finden, genau jener Lindner welcher heute unter anderem Traktoren herstellt.

Schnell war ein Kutschenmodell auserkoren und freudig spannte er seine Pferde für die einmonatige Probefahrt, besiegelt mit Handschlag, vor.

Der Kutschenmarkt, war wie der Automobilmarkt heute, stark umkämpft und somit waren die Kutschenhersteller und Verkäufer natürlich daran interessiert wie denn das Probemonat für den potentiellen Kunden verlief.

Gottfried Lindner, noch neu im Kutschengeschäft aber ein mit allen Wassern gewaschener Geschäftsmann, wusste genau wann die ersten zwei Wochen eines Probemonats vorbei waren und so begann er sich im Umfeld seiner potentiellen Kunden aufzuhalten und hoffte an mitgehörten Gesprächen, zu erkennen ober der Kunde die Kutsche nun kaufen würde, oder nicht.

Auch dem, namenlosen, Mann folgte er doch was er während der Gespräche zwischen ihm und seinen Freunden hörte sollte ihm nicht gefallen.

Obwohl der Mann sorgsam, um nicht zu sagen liebevoll, mit der Kutsche bei sich am Hof umging, sie täglich wusch, sicher verwahrte und unsichere Wege mied, damit sie nicht zu Schaden käme. Sprach er in der Kneipe, vor seinen Kumpels nicht gut von ihr und da auch der Mann wusste, dass er sich bald entscheiden müsse, ob er die Kutsche nun kaufen würde, begann er auch schlecht über Gottfried Lindner zu sprechen, prallte damit wie er ihm beim Verkaufsgespräch Mürbe machen würde, indem er alle Nachteile der Kutsche offen legen wollte, bereits jetzt dramatisierte er diese für seine Späße.

Beim ersten Mal drückte Gottfried Lindner noch ein Auge zu, der Abend war feuchtfröhlich gewesen und Männer prallen an solchen Abenden unter Freunden mit Gerstensaft einfach zu gerne.

Beim zweiten Mal ging Gottfried Lindner mit einem komisch, gedrückten Gefühl nach Hause. Er war sich nicht sicher, war es eine Demütigung? Es handelte sich um eine von ihm liebevoll gebaute Kutsche, welche er besten Gewissen seinem Kunden überlassen wollte. Warum war der Mann nicht fähig auch über die Vorteile der Kutsche zu sprechen? Warum musste er sie schlecht machen? Nur für einige Lacher, den damaligen Likes?

Alle guten Dinge sind drei, beim dritten Mal reichte es Gottfried Linder, er schwang seinen Umhang von seinem Körper und rief verletzt und erzürnt aus:

„Vergessen sie unser Geschäft! Gleich morgen früh heißt es Retour mit der Kutsche!“

Von diesem Tag an dauerte es lange bis es dem Mann möglich war, erneut eine Kutsche für eine Probefahrt zu erhalten, seine Geschichte hatte sich verbreitet und die wenigen Kutschenhersteller in seiner Umgebung zweifelten an der Ernsthaftigkeit seines Kaufwunsches, eine erneute „Kreditwürdigkeit“ und das Vertrauen der Hersteller musste er vorerst wieder aufbauen.

Diese Geschichte dient als Metapher, basiert aber auf Gepflogenheiten jener Zeit … Tatsächlich stammt die Retourkutsche aus jener Zeit, in welcher man Kutschen Probefuhr oder vermietete, in Frankreich hatte der Mieter seit dem 17. Jahrhundert dafür zu sorgen, dass die Mietskutsche auf seine Kosten ihren Weg retour zum Vermieter fand. Somit musste er, sofern er keinen Reisenden fand, welcher an den Ort der Anmietung fuhr, auf eigene Kosten (Leer) retour fahren …

Bild Pixabay von Gellinger

Advertisements

2 Gedanken zu “Retour mit der Kutsche

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s