Märchenstunde …

Die Großmutter mit den drei goldenen Haaren – Oder das Spiel mit den drei Fragen

 –  Ein Märchen für Schulkinder (aber nicht nur) von Eva Steinrücke

(Entnommen dem Buch „Naikan – Versöhnung mit sich selbst“ von C. Müller Ebeling und G. Steinke, erschienen 2003 im Kamphausen Verlag. Ein Dank auch an das Naikan Seminarhaus in Tarmstedt und Dorle Steinke, die mir freundlicherweise die Wiedergabe dieses Märchens genehmigt hat.)

Es war einmal vor nicht allzu langer Zeit, da lebten zwei muntere Kinder, ein Junge und ein Mädchen, Tom und Pia, bei ihrer Großmutter in einem hübschen, kleinen Dorf auf dem Lande. Die Großmutter war eine noch gar nicht so alte, schöne und kluge Frau mit vergissmeinnicht-blauen Augen und üppigen, weißen Haaren. Diese waren früher leuchtend goldrot gewesen und drei von diesen Haaren glänzten nach wie vor auf ihrem Kopf. Sie nannte sie ihre Zauberhaare.

Nicht von ungefähr lebten die beiden Kinder bei der Großmutter. Ihre Eltern hatten sich scheiden lassen und waren dabei, ihr Leben neu einzurichten. Der Vater war ins Ausland gegangen, um dort sein Glück zu machen. Die Mutter arbeitete  sich in ihren alten Beruf als OP-Schwester ein.

Daher war es ein Segen für die Kinder, dass die Großmutter so viel Platz in ihrem Haus hatte, mit einem Obstgarten und einem herrlichen, dunklen Speicher, wo immer wieder Schätze aus alten Zeiten zu finden waren. Außerdem gab es zwei anhängliche Schmusetiere. Tim, den griechischen Hirtenhund und Alex, den grau getigerten Kater.

Tom und Pia waren noch klein, deshalb konnten sie im Dorf zur Schule gehen.

Eines Tages, es war schon herbstlich und früh dunkel, saßen Pia und Tom zusammen mit der Großmutter auf dem Sofa. Der Hund und die Katze lagen eingerollt neben ihnen. Der Wind sauste ums Haus und die Kinder sprachen von ihren Eltern, die sie sehr vermissten.

Die beiden Kinder waren wütend und traurig, dass ihre Eltern sich so zerstritten hatten und nichts besseres zu tun wußten, als sich zu trennen und die Kinder zur Großmutter zu schicken. Tom war besonders böse auf den Papa, der ihm so viel von seinen Maschinen, die er konstruierte, erzählt hatte und der mit ihm in fernen, glücklichen Tagen Modelle gebaut hatte.

„Der blöde Papa“ – murrte er. „Warum nur musste er so weit weg gehen, nur weil Mama nicht alles so tat, wie er wollte?“ Pia klagte über die Mama: „Sie hat doch gesagt, dass sie immer für uns da ist. Nun aber kümmert sie sich nur noch um ihren blöden Job.“

Das Klagen der Kinder hatte die Großmutter schon öfter gehört und das Herz tat ihr weh dabei. An diesem Abend nun, wo sie jedes Kind neben sich im Arm hatte, fielen ihr auf einmal ihre Zauberhaare ein und sie sagte zu den beiden: „Ihr wisst, ich hab nicht nur euch so sehr lieb, sondern auch eure Eltern. Es tut mir leid, dass ihr so böse auf sie seid. Doch gerade eben wehte der Wind mir eine Idee ins Haus. Habe ich euch nicht erzählt, dass meine drei Zauberhaare eine besondere Kraft haben? Sie bergen Antworten auf drei magische Fragen. Holt euch mal eine Schere aus der Küche. Dann dürft ihr ein Stück von einem Haar abschneiden und ich sage euch die Frage dazu.“

Sofort stürzte Tom in die Küche und Pia fingerte gleich in Großmutters üppigen Haaren, um eines der drei Goldhaare zu erwischen. Dann schnitten beide ganz vorsichtig und andächtig ein Stück davon ab und hielten es in der Hand. Erwartungsvoll sahen sie zur Großmutter, deren Augen im Lampenlicht blitzblau leuchteten. Sie sagte zu Tom: „Frag dich einmal ganz tief in deinem Herzen: Was hat Papa, auf den ich so sauer bin, für mich eigentlich alles getan? Und du, Pia, frag dich: Was hat die Mama, die mich so traurig macht, alles für mich getan?“

Da wurden die Kinder ganz still. Nur die große, alte Wanduhr tickte, der Kater schnurrte und der Hund unter dem Tisch schnarchte ein bisschen.

Nach einer Weile knurrte Tom vor sich hin: „Der blöde Papa … Aber – er hat mit mir gespielt. Er ist mit mir am ersten Schultag zur Schule gegangen. Er hat mich nachts getröstet, als ich von wilden Tieren geträumt habe. Ach ja – und er hat mir das Radeln beigebracht und ist mit mir herum gefahren. Und er hat dem grausigen Nachbarn Bescheid gesagt, der uns Kinder immer so ankeifte. Und er hat mich in die große Autoausstellung mitgenommen. Er hat mir jede Woche Taschengeld gegeben und, und, und … So blöd ist der Papa gar nicht. Und jetzt schreibt er mir tolle Briefe mit Zeichnungen und schickt Briefmarken mit Autos drauf und wenn er kommt, fährt er mit uns an die See und zeigt mir, wie das Surfen geht. – Eigentlich ein toller Papa!“

Pia hatte Tränen in den Augen, als sie an ihre Mama dachte: „Was hat Mama alles für sie getan? – Erst meint sie nur: „Sie hat mir weh getan, weil sie mich allein gelassen hat.“ Aber dann fiel es ihr ein: „Oh – die Mama hat mich immer gebadet, mit ganz viel Schaum. Sie hat so leckere Suppe und so tolle Grütze gekocht. Sie hat mir Puppenkleider genäht. Sie hat die Schultüte bis zum Rand gefüllt. Sie ist mit mir zur Lehrerin gegangen und die hat mich dann ganz vorne sitzen lassen. Die Mama hat mein Knie verbunden, als ich so schlimm hingefallen bin. Da hat sie so ein komisches Lied gesungen und danach hat es auch gleich nicht mehr so weh getan. Und so gute Schulbrote hat sie gemacht, mit frischem Salat und Käse. Und meine Lieblingsmarmelade. Die anderen Kinder wollten immer mal abbeißen. Sie hat die wilde Wespe aus dem Zimmer gescheucht, wo ich doch so Angst hatte. Sie hat mir Halswickel gemacht, als ich die Grippe hatte und jetzt ruft sie jeden Tag an und fragt, was wir so machen und erleben. Sie ist doch immer für uns da, meine liebe Mama.“

Die Kinder schauten ganz glücklich zur Großmutter auf, die noch zwei goldene Haare und damit noch zwei weitere Fragen für sie hatte. „Oma, dürfen wir weitermachen?“ fragten sie eifrig und neugierig. „Oh ja, nehmt nur die Schere und geht achtsam mit den Haaren um.“ Wieder hielten sie ein Stück eines goldenen Haares in ihren Händen und hörten die zweite Frage der Großmutter. Sie lautete: „Was habe ich für die Mama, für den Papa getan?“

Die Kinder kriegten große Augen. „Hab ich das?“ Pia wusste zuerst etwas: „Ich hab Mama Blumen gepflückt.“ Und Tom rief: „Ich hab Papa beim Autowaschen geholfen. Ich hab ihm den Handwerkskasten geholt. Ich hab sein Fahrrad in den Schuppen gebracht, damit es nicht nass wird.“ Und Pia ruft dazwischen: „Ich hab Mama beim Abwasch geholfen und die sauberen Socken sortiert. Ich hab ihr alle Stifte an ihrem Schreibtisch gespitzt. Ich hab mein Zimmer selbst aufgeräumt. Ich hab ihr meine Schokoriegel geschenkt. Ich bin auch ganz leise gewesen, als sie telefoniert hat. Und im Garten, da hab ich ihr beim Pflanzen geholfen, sie hat die Löcher gemacht und ich hab die Pflänzchen rein gesteckt. Die Mama kann mich ganz gut brauchen.“ Auch Tom war mit sich zufrieden: „Ich werde mal so tüchtig wie der Papa“ – sagte er.

Da fragte die Großmutter: „Wollt ihr noch etwas vom dritten Haar abschneiden und die dritte Frage hören? Die ist nicht ganz so einfach.“ – „Oh ja, doch“, kam es wie aus einem Munde und schon zupften die Kinder wieder an Großmutters Haarschopf herum.

„Was kommt jetzt?“, fragten sie voller Neugier. Großmutter blinzelte und sagte verschmitzt: „Womit habt ihr Mama und Papa Schwierigkeiten bereitet?“

Beiden blieb für eine Weile der Mund offen stehen und in den kleinen Köpfen ratterte es wie auf der Achterbahn. Es war Pia, der zuerst etwas einfiel. „Ich hab doch immer wieder mal ins Bett gemacht, da musste die Mama aufstehen und alles frisch machen.“ Und Tom erinnert sich: „Ich hab Papas Auto verkratzt, als ich den sandigen Lappen zum Putzen genommen habe. Und weißt du noch, Oma – da warst du gerade bei uns – wie mir der Ball in Obermeiers Fenster geflogen ist. Das hat Papa wieder hingekriegt.“ Pia meldete ganz zerknirscht: „Ich hab Mamas schönste Vase fallen lassen und mich am Finger geschnitten und so laut geschrien, wie am Spieß. Die Mama ist ganz fürchterlich erschrocken.“ Dann fällt Tom wieder etwas ein: „Ich hab die Hose, die Papa extra für mich mitgebracht hat, gleich am ersten Tag in der Schule am Zaun zerrissen.“ – „Und ich“, kicherte Pia, „hab mit Silvia und Rebecca im Badezimmer mit Mamas Lippenstiften gespielt und die Handtücher versaut.“

Großmutter kann die Kinder kaum stoppen, doch dann sagt sie: „So jetzt ist´s genug für heute. Zeit zum Schlafengehen. Hier habt ihr blaues Seidenpapier, darin könnt ihr die Haare einwickeln und aufheben. Dann könnt ihr ja, immer wenn ihr Lust habt, wieder die drei Zauberfragen stellen.“

Sauber gewaschen und mit frisch geputzten Zähnen lagen die Kinder schließlich im Bett und Großmutter gab jedem einen Gutenachtkuss. Da flüsterte Tom ihr ins Ohr: „Oma, was meinst du, ich probier das mit den drei Fragen morgen mal mit dem Hassan aus. Du weißt schon, der wilde Türkenjunge in unserer Klasse. Hilfst du mir dabei?“ Und die Großmutter nickte mit einem zufriedenen Lächeln. Pia war schon halb eingeschlafen, legte noch die Arme um Großmutters Hals und murmelte: „Ich möcht das mit unserer zickigen Turnlehrerin machen, vielleicht gefällt sie mir dann besser.“

Dann löschte die Großmutter das Licht. Kater Alex schlief schon an Pias Fußende und Tim hatte sich bei Tom auf dem Bettvorleger niedergelassen. Draußen schien bereits der Mond, als auch die Großmutter mit den drei goldenen Haaren sich zur Ruhe begab.

Willst du wissen, was aus den Kindern geworden ist? Dann probiere für dich selbst mal aus, was das Spiel mit den drei Fragen bei dir bewirkt. Vielleicht hast du ja eine Großmutter mit silbernen Haaren, die tun es nämlich auch …..

Und natürlich kann man sich diese drei Zauberfragen bei jeder beliebigen Person stellen…

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7 Gedanken zu “Märchenstunde …

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