Märchenstunde – Scherz im Bunde – Stöfflis Bestimmung

Stöffli überlegte und grübelte. Das Angebot der Teichreich-Fröschin war so verlockend, dass er glaubte, da wäre ganz sicher ein „Haken“ dran. Und er wollte ja nicht wieder an einem Haken hängen. Daher überlegte er sich eine Strategie.
Er hüpfte zu seinem Leiterfrosch und erbat sich ein paar Tage Urlaub.
Der Chef war unendlich sauer. „Urlaub? Wo lebst DU denn? Bezahlte Freizeit? Hast du den Verstand verloren? Wer soll denn dann solange die Teichblätter sauber halten? Ich vielleicht?“
Stöffli war verblüfft.
So viele Wochen, Monate, fast ein Jahr lang hatte er nahezu täglich unzählige Teichblätter versäubert. Ohne Murren und Quaken. Er hatte sich nie etwas zuschulden kommen lassen. Ja sogar für Berühmtheit des Waldteiches gesorgt. Nun wollte er EINMAL ein paar Tage Urlaub. Aber er hatte sich nun mal was vorgenommen und wollte das auch durchziehen. So blieb er hart und stellte den Urlaubsantrag. Leider gab es keine Gewerkschaft, denn das hätte der Leiterfrosch nicht geduldet.

Ein paar Tage später war es fast soweit: am nächsten Tag würde er seinen Urlaub antreten. Zwei der anderen Frösche, die seit einiger Zeit hauptsächlich zur Besucherbetreuung da waren, hatten ihm versichert, sie würden solange so gut es ginge die Teichblätter in Schuss halten… Was dem Leiterfrosch aber offensichtlich aufstieß. Doch trotz allem Gequake musste er aus arbeitsrechtlichen Gründen den gewünschten Urlaub gewähren.

Stöffli war überglücklich und verabschiedete sich von seiner Mutter und seinen Schwestern. Diese waren erzürnt, denn wer sollte denn nun die Mahlzeiten organisieren? Aber er wollte einmal in seinem Leben auch an sich denken, doch hatte er das Gequake vorausgeahnt und viele Insekten zusammengespart. Von denen sammelte er nur ein paar zur Wander-Verpflegung in sein Beutelchen und hüpfte los.

Er erkundete das Waldreich, war erstaunt ob der Fülle der Pflanzen, der Tiere, die Luft änderte sich, die Insekten schmeckten aromatischer, er verbrauchte weniger von seinem Proviant als er vermutet hatte. Seine Trübsal wegen der Arbeit und der Familie wurde immer weniger, stattdessen stieg die Vorfreude auf das Neue, das Unbekannte.
Da er sich nur selten zum Schlafen niederlegte, bekam Stöffli auch kaum mit, dass seine Färbung nach und nach verblasste. Am Rande des Teichreiches angekommen, gönnte er sich ein Päus´chen und sehnte sich nach einer kleinen Erfrischung. Sein Spiegelbild in der Pfütze ließ ihn hochschrecken: er war fast laubbunt, kaum noch blau, nur ein bisschen gelb! Was war geschehen?

Verwirrt schrak er von Stimm-Gequake auf. Wie gut, dass Stöffli gerade unter einem hängenden Ast voller Laub unentdeckt war.
Eine ruhige, freundliche Stimme, die ihm irgendwie bekannt vorkam, sprach nun deutlich hörbar:
„Wisst ihr, immer wieder, wenn ich hier die hellen Teichblätter sehe, frage ich mich, was wohl aus dem jungen Froschmann geworden ist, der so seltsam aussah, aber so sympathisch war. Er hat sich mein Angebot damals ja überlegen wollen. Es ehrte ihn in meinen Augen, dass er nicht sofort übergesprungen ist, seine Verpflichtungen ernst nahm. Aber es schien dort seltsam zuzugehen, ich hätte es ihm so gewünscht, ein wenig mehr Freude und Dank zu erhalten. Aber wer weiß schon, was inzwischen alles passiert ist. Mädels auf, die Teichblätter warten. Machen wir uns an die Arbeit!“

Es raschelte und nach und nach verstimmten die Stimmen und Stöffli war baff. Sie hatte es ernst gemeint!
Er lugte aus seinem Versteck und sah, wie die Teichreichfröschin und zwei andere Fröschinnen sich redlich Mühe gaben, die vielen Teichblätter zu reinigen. Diese waren zwar viel kleiner als an „seinem“ Waldteich, aber dafür zahlreicher.
Er nahm all seinen Mut zusammen, warf seine Strategie übers Rückenbeutelchen hinweg und hüpfte auf ein Blatt. Dabei kam er einer der jungen Froschdamen bedenklich nahe, ihr Teichblatt wankte und fast wäre sie abgestürzt, wenn Stöffli sie nicht aufgefangen hätte. Mit seinen starken Armen hielt er sie sicher und fest, sie schaute ihn an und in ihm breitete sich eine wohlige Wärme aus.

Die Teichreichfröschin hatte ihn offensichtlich nicht erkannt. Doch als er sich vorstellte, nachdem die Gerettete sicher wieder saß, rief sie freudig lächelnd: „Sie sind gekommen! Wie schön!“ und stellte ihm ihre Töchter vor. Die von ihm Gerettete hieß Sonnenschein und war die schon erwachsene Schwester der anderen, die andere Freudeline hieß. Sie selbst benannte sich Mutterliebe.
Das war fast zu viel für Stöffli, der früher kaum uneigennützige Zuneigung erfahren hatte.

Die Fröschin Mutterliebe bat ihn auf ein sonniges Ufer-Fleckchen und gab ihm von ihrer Pausenration einige kleine Insektensnacks zur Erfrischung ab. Sie dankte ihm für die Rettung ihrer Tochter und erzählte ihm von ihrem Leben.
Als verwitwete Fröschin hatte sie es im Leben nicht leicht. Das Glück war, dass sie als alleinerziehende Mutter im Teichreich leben und arbeiten konnte. Sie waren sehr dankbar für diese Möglichkeit, lebten bescheiden und zufrieden inmitten einer fast besucherlosen, unberührten Natur.
„Warum hast du mir damals dieses Angebot gemacht? Ich war sehr verwundert und hatte dadurch auch viel Ärger mit meinem Leiterfrosch. Aber ich habe mich durchsetzen können und nun bin ich sehr angetan von eurer Liebe zueinander und zur Natur.“

Sonnenschein wurde immer stiller, Mutterliebe lächelte und antwortete: „Weißt du, hier wird nichts verdient, hier kennen wir keinen Neid, keine Gier. Ich war von deiner Bescheidenheit fast überwältigt. Ich wünschte mir so einen starken, freundlichen Sohn, auch wenn ich hier wie im Paradies lebe. Denn ich bin ja doch schon etwas älter, auch wenn ich meistens jünger geschätzt werde. Doch die ganze Lebenslast möchte ich nicht auf meinen Töchtern abladen.“
Stöffli wirkte betrübt: „Ich danke dir sehr. Sonnenschein hat einen wunderbar passenden Namen und ich fühle mich ihr sehr zugetan und bei euch sehr wohl. Doch auch ich habe eine Mutter und zwei Schwestern, sie waren nicht unfreundlich zu mir, wenn ich auch hier eine besondere Art der Familienliebe erleben darf.“

Mit den drei Froschfrauen konnte Stöffli einige schöne Tage verbringen und die Liebe zwischen Sonnenschein und ihm wurde herzlich und fest. Er bat sie, ihn für einige Tage in sein Leben zu begleiten, damit er zu Hause alles klären und ordnen konnte.
Seine Mutter war während seiner Abwesenheit zu ihrem neuen Partner gezogen und seine Schwestern hatten seinen Job im Waldteich übernommen. Der Leiterfrosch war mit deren Arbeitsleistung zwar auch nicht zufrieden, hatte aber Gefallen an der ältesten Schwester gefunden. Die jüngere hatte sich in die eine Tante des Leiterfroschs verliebt. So hatte Stöffli keine Bedenken, da er alle versorgt wusste, auch seine Familie freute sich über sein neues Glück.

Zusammen mit Mutterliebe, seiner Liebsten Sonnenschein und der jüngeren Freudeline lebte er glücklich und besonnen im schönen Naturteichreich, hielt zusammen mit seinem späteren Schwager Fritzefrosch alles sauber und sorgte auch für die umsichtige Grandlady.
Und wenn sie nicht gestorben sind, so quaken sie fröhlich noch heute.

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