Was uns die Zeit(ung) lehrt

Neulich

zu Hause ein Gespräch mit meiner 3-jährigen Tochter E

E [neugierig]: Mama, was liest du da?

Ich [ohne aufzublicken]: Die Zeitung, mein Schatz. Da steht drin, was sich in der Welt alles getan hat.

E [erwartungsvoll]: Kannst du es mir vorlesen?

Ich: Äh …. mal sehen …[murmelnd] Der Lokalteil: Überfall, Unfall, alles viel zu brutal, vielleicht etwas aus dem Wirtschaftsteil[räuspernd] Also, da geht es um die Wirtschaftsprognose für das nächste Jahr. Nun, das spielt sich in etwa so ab:

5 weise Zauberer und Hexen versammeln sich rund um Vollmond auf einem hohen Berg oder zumindest in einem Büro und mischen all ihre ganz besonderen Zutaten zu einem dünnen Süppchen, aus dem sie dann die Zukunft ablesen können.

E [erfreut]: Ist das eine Buchstabensuppe? Ich möchte heute eine Backerbsensuppe essen!

Ich: Nein, es ist eher eine Zahlensuppe und manchmal stellt man im Nachhinein auch fest, dass sie die falschen Zahlen herausgefischt haben, aber die bösen Feen, die den Prinzessinnen ein schreckliches Schicksal prophezeien, behalten am Ende ja auch nicht immer recht.

E: Und was steht noch drin in der Zeitung? Steht da noch mehr über Zauberer?

Ich [blätternd]: Mal sehen … Ah! Hier im Teil über Innenpolitik geht es um …

… zwei Prinzen, die beide König werden wollten. Überall im Land wurden die Fotos der Prinzen aufgehängt, mit blauen und grünen Rahmen. Die eine Hälfte des Volkes jubelte dem jungen Prinzen zu, die andere dem älteren. Einige Leute schickten ihnen sogar Briefe. Diese durften aber nicht von den Prinzen selbst geöffnet werden, sondern nur von den Wichtelmännchen. Die Wichtelmännchen aber sagten sich: „Wenn wir die Briefe alle möglichst schnell aufreißen, sind wir eher fertig mit der Arbeit und können uns dann bald wieder ausruhen.“ Der junge Prinz hörte davon und meinte, die Wichtelmännchen wären schlampig gewesen. Am (Gerichts)hof gab es dann einen großen Streit und viele Wichtelmännchen wurden befragt. Sie gestanden reumütig, dass sie ihre Arbeit nicht immer ordentlich gemacht hatten. Also musste das Volk noch einmal darüber abstimmen, welcher Prinz gewinnen sollte. Es wurden auch neue Fotos aufgehängt. Wieder wurden Briefe verschickt, aber diesmal gingen die Kuverts schon in der Postkutsche kaputt. Bis heute wissen wir nicht, welcher Prinz König werden wird. Und wenn sie nicht bald gewählt werden, dann hängen die Plakate noch länger.

E: Und was ist mit der Prinzessin? Da fehlt doch die Prinzessin in der Geschichte?

Ich: Ach die, die ist schon lange aus dem Rennen – in dem kleinen Land. Aber es war einmal ein ganz großes Land, das auch das 3-Buchstabenland genannt wird. Dort stritten sich eine Prinzessin und ein Prinz darum, wer König werden sollte. Beide waren schon recht alt und…

E [zweifelnd]: Aber wenn es eine Prinzessin ist, muss sie doch jung sein! Es gibt doch gar keine alten Prinzessinnen, oder?

Ich: Oh doch, die gibt es schon.  Aber vielleicht muss die Geschichte tatsächlich etwas anders erzählt werden:

Es waren einmal eine alte Frau und ein alter Mann. Beide dachten, sie wären klüger als der andere. Der alte Mann war sehr reich. Jeden Morgen fragte er seinen Spiegel: „Spieglein, Spieglein an meinem großen glitzernden Tower, wer hat im Land die meiste Power?“ Und das Spieglein antwortete brav: „Das seid Ihr, mein Real Estate Tycoon. Getrost könnt ihr kämmen eure gelbe Haarpracht nun.“ Und dann schloss der Spiegel ganz schnell die Augen und machte sie erst wieder auf, wenn der alte Mann weg war. Die alte Frau aber schickte gerne Nachrichten an alle Leute, die sie kannte. Leider schickte sie diese Botschaften von ihrem eigenen Häuschen hinaus in die Welt, statt von ihrem Palast aus. In dem großen Land lebte nämlich auch ein Huhn, das sehr neugierig war und immerzu im Dreck scharrte, um alles zu finden, was irgendwo begraben lag. Es pickte einmal hier, dann wieder dort und gackerte in einem fort. Dieses Huhn legte auch ganz besondere Eier. So ein Efbi-Ei rollte zu der alten Frau und wollte wissen, welche Botschaften sie verschickt hatte, da es im Palast keine hatte finden können. Die alte Frau ging also in ihr kleines Häuschen, griff sich ihr Mäuschen und suchte alle Nachrichten zusammen. Sie las jede einzelne durch und teilte sie in zwei Töpfchen: Eines für die guten und eines für die privaten. Um die Töpfe scharrten sich Esel und Elefanten und zankten. Da nahm die alte Frau den Topf mit den guten Nachrichten und reichte ihn dem Efbi-Ei. Aber das Efbi-Ei wollte noch mehr. Es gierte auch nach dem anderen Topf. Der alte Mann dachte bei sich, die alte Frau wäre sehr, sehr böse, weil sie die Nachrichten nicht hergeben wollte. Da nahm er einen Patzen Schlamm und warf ihn der alten Frau hinterher. Eine Schlammschlacht begann wie sie die Menschen in dem großen Land noch niemals erlebt hatten. Alle, die auch nur in die Nähe kamen, wurden schmutzig. Und wenn die beiden nicht gestorben sind, dann wird einer von ihnen bald zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt. Aber für den Fall, dass es nicht der alte Mann ist, wird die Schlammschlacht sogar noch länger andauern.

E: Eine Schlammschlacht! So etwas will ich auch. Ich laufe schnell hinaus in den Garten und hole einen Kübel Sand, dann können wir daraus Schlamm rühren! [E saust aus dem Zimmer]

Ich [entsetzt]: Nein! Es kommt mir kein Sand ins Haus! [ab]


Jetzt

frage ich mich:

Wie wäre eine Welt, in der man das Zeitgeschehen nicht als Märchen verpacken müsste, damit man sie (kleinen) Kindern zumuten kann?

Märchenhaft schön?

Schauermärchenhaft gleichgültig?

Märchengrottenhaft langweilig?

Oder sollte man den Kindern vielleicht sowieso keine Märchen erzählen?

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21 Gedanken zu “Was uns die Zeit(ung) lehrt

  1. Alles, was wir erzählen, ist nur das, was unserem Hirn entsprungen ist und was wir von anderen erzählt bekamen. Wer weiß schon, was Wahrheit ist. Jeder macht sich sein eigenes Bild von der Realität. Es ist die größte Gabe des Menschen, sich sekündlich seine eigene Welt zu schaffen. 🙂

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  2. Ach … Kakanien, was ist aus dir geworden? Noch nicht einmal mehr Kaiser willst du hervorbringen, nur noch Könige. Ist das die neue Bescheidenheit? Wie soll das weitergehen?
    Statt den Pöbel auf dem Hof erschlagen und dir einen Holländer zu holen, wie Anno Piefke, nein Tabak … Verzeihung … Tobak … auch die Engländer … seufz Der einzige Unterschied zwischen Märchen und Horrorfilm ist doch der, dass Horrorfilme einen Abspann haben, gespielt von einer einzigen trumpet, oder?

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    1. Ach, zum Kaiser kann man sich dann immer noch selbst krönen: „Vivat Semperit im August!“ oder so ähnlich, was mich daran erinnert, dass die Winterreifenpflicht schon begonnen hat 😉
      Die Märchen-Horrorfilm-Ähnlichkeiten, auf die du mich gerade aufmerksam machst, sickern langsam durch und wann immer ich von jetzt an das Hänsel-und-Gretel-Lied singe, werde ich danach wohl noch ein paar schiefe Trompetentöne im Ohr zurückbehalten!

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  3. Wer das Märchen nicht ehrt, ist der Zeitung nicht wert. Etliche der traditionellen Märchen sind ja so wunderbarbarisch, dass sie den idealen Einstieg ins spätere Zeitunglesen bieten. Vor diesem Hintergrund bekommt dieser Beitrag das Prädikat: Pädagogisch wertvoll! 🙂

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  4. Manchmal wäre es schön, nochmals für einen Tag, Woche oder Monat, die Welt so zu erleben wie E.
    Keine Gedanken an das „Weltgeschehen“ verschwenden und die Welt aus Kinderaugen betrachten. Wieviel friedlicher es wohl wäre?

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