Märcheneintopf

Eintopf ist meist ein schnelles Gericht. Vor ein ordentliches Gericht wurden nur die wenigsten Schurken aus den alten Märchen gezerrt. Der eventuell angestrebte Prozess wurde durch Lynchjustiz und vorzeitige private Racheakte vereitelt. Dem zum Trotz folgt ein märchenhaftes Lehrstück über den steinigen Weg zum harmonischen Zusammenleben ehemaliger Todfeinde.

Anmerkung der völlig im Verborgenen agierenden Zensurbehörde:

Zu brutale Szenen dürfen nur gekürzt wiedergegeben oder durch das lautmalerische Wort „*krawumsti*“ angedeutet werden. Ebenso die Wiedergabe von Verhaltensweisen, die für Kinder unter 3 Jahren nicht geeignet scheinen.

Die Erstausstrahlung des nun folgenden Märchenpotpourris erfolgte übrigens heute Morgen am Frühstückstisch im Hause der Bloggerin M. Mama. Wir haben M. Mama dazu noch vor Beendigung des Stückes erreichen können und kurz dazu befragt. So erfuhren wir, dass tatsächlich die 3 ½-jährige Tochter E höchstselbst Autorin (Plagiatin), Regisseurin und Darstellerin (aller Rollen!) war. M. Mama brauchte sich also der eigenen Fantasie gar nicht zu bedienen. Über M. Mamas Leistung kann man jetzt denken was man mag (ist ja ein ziemlich freies Land/Web), immerhin hat sie freundlicherweise die Rolle der Transkriptorin übernommen, staunend darüber, welch wunderbarer Zufall ihr den Märcheneintopf gerade bei diesem Wochenthema am Mitmachblog (Märchenstunde) beschert hat.

Wolf und Fuchs

E: Im Kindergarten spiele ich immer Wolf und Fuchs:

Der Wolf möchte das Rotkäppchen fressen. Er geht in den Wald.

[Kind läuft ins Wohnzimmer und quietscht schrill wie nur kleine Mädchen das können].

M.Mama: War das das Rotkäppchen, das um Hilfe schreit?

E: Nein! Das war der Wolf.

M.Mama: Hm. Der Wolf klingt aber eher so: Gruaaaaa Gruaaaa [versucht furchteinflößend zu fauchen wie ein Löwe – geschuldet einer Verwirrung der Spezies oder der gesteigerten Theatralik]

E: Nein, der Wolf heult.

M.Mama: Ach so, na dann muss das so klingen: Houuuuuuuuu houuuuuuuu!

E: Hooooouuuu …

[E erzählt weiter]

Der Wolf trifft den Fuchs. Der will das Rotkäppchen retten, aber der Wolf verschlingt das Rotkäppchen und dann erwischt er noch eine Ente. Die frisst er auch. Da kommt der Ziegenpeter und möchte die Ente dem Wolf aus dem Bauch ziehen, aber sie bleibt im Hals stecken. Er zieht und zieht, aber sie steckt fest. Die Ziegenmutter ist ganz traurig, weil der Wolf alle gefressen hat. Sie geht mit ihren Zicklein zum Brunnen. Dort schläft der Wolf. Die Zicklein stecken ihre Füße in den Mund des Wolfes und *krawumsti* so ziehen sie die Ente wieder heraus. Die Ente ist gerettet. Der Fuchs befreit das Rotkäppchen und dann gehen alle nach Hause und bauen ein hohes Haus. Darin leben sie alle zusammen, der Wolf, der Fuchs, die Zicklein, die Mama-Ziege, die Ente und das Rotkäppchen.

Nachsatz

In einer, dem zum friedlichen Miteinander aufrufenden Hauptstück, folgenden Szene wurde u.a. festgehalten, dass die Zusammenarbeit der guten Charaktere gegen den hier fälschlicherweise als Bösen hingestellten, jedoch nur sehr hungrigen Wolf große Auswirkung auf dessen Lebensweise hatte. Der Wolf wandelte sich vom Carnivor zum Vegetarier. So heißt es im Märchenpotpourri weiter:

Der Wolf ging zum Tisch und sah, dass kein Gemüsekorb darauf stand. Da war er ganz traurig. Er nahm sich eine Karotte [woher ist ungeklärt] und verspeiste sie, jamm, jamm, jamm.

Irgendwann im weiteren Verlauf des Märchens (Szene 22 oder 43 oder was weiß ich, ich habe irgendwann aufgehört mitzuzählen und genau zuzuhören) fielen dann alle Protagonisten vom rechten Weg ab und wurden im Rahmen einer (illegalen?) Schatzsuche in eine Gefängniszelle gesperrt, aber die oben genannte streng geheime Zensur (Pssst!) hat diesen Teil des Stückes gänzlich gestrichen.

Und die Moral von der Geschicht‘? Solch wirre Eintöpfe koch‘ nicht einmal ich!

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15 Gedanken zu “Märcheneintopf

  1. vielversprechendes Talent, das Kind der Mama! Kann beides – Wolf und Fuchs – und dazu noch allerlei mehr. Wie schön zu sehen, dass Kinder nicht nur jedes beliebige Stück Holz zur Eisenbahn, zum Elefanten oder zum Zaun machen, sondern auch ebenso frei über Wort und Sinn verfügen. Wenn man sie lässt ….

    Gefällt 1 Person

    1. Danke! Bei uns hat es ja schon öfters ein morgendliches Theater gegeben (das dann zur Zerreissprobe meiner Nerven wurde), aber dieses Stück hat mir wirklich ein Grinsen ins Gesicht gezaubert.
      Und das Spiel mit der Sprache macht unserer Tochter wirklich Spaß. Sie betreibt es beinahe exzessiv (i.e. von früh bis spät 😉 )

      Gefällt 1 Person

  2. Wo blieben Esel, Hahn, Katze und Esel? Und der Teufel mit den drei goldenen Haaren? Und der Bücherwurm? 😉

    Da hätte das Kind noch viel mehr aus der Geschichte heraus holen können, aber da es noch jung ist, sei es ihm verziehen und ich warte mal noch ein paar Jahre ab. Und Mama wage ja nicht dem Kind Realitätsferne vorzuwerden. Fantasie sollte gesetzlich zu den Menschenrechten erklärt werden.

    Gefällt 3 Personen

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