Schach

Zuletzt Schach gespielt habe ich in dem kleinen Städtchen, wo ich meine erste Stelle hatte. Ich spielte nicht sehr gut. Ich weiß nicht genau, wie schlecht ich wirklich spiele. Ich mag das Spiel, aber bringe nicht die nötige Zeit dafür auf. Und ohne Übung macht niemand Fortschritte, schon gar nicht beim Schach. Auf jeden Fall waren meine Partner dort besser als ich. Alle beide.

Der eine war mein Kollege. Der spielte etwas mechanisch. Soweit ich das beurteilen kann. Er gewann etwa vier von fünf Spielen. Ich erinnere mich immer noch gern an seinen verdatterten Gesichtsausdruck, als ihn das erste Mal schlug. Da war es mir gelungen, ihn in ein interessantes Gespräch zu verwickeln und trotzdem noch ein waches Auge aufs Brett zu behalten. Aber das schaffte ich in der Leichtigkeit nicht wieder. Der Kollege betrieb das Spiel als Sport, schrieb sich Briefe mit einem Schachclub. Und überredete mich, ab und zu mit ihm in der Kneipe zu spielen, froh über jeden Trainingspartner.

Den anderen traf ich im Haus, in dem ich wohnte. Der spielte mit Leichtigkeit. Er spielte eben und ließ mich völlig Chancenlos. Mit dem Kollegen war es ein Kräftemessen. Aber hier sah ich den entscheidenden Schlag nicht einmal kommen.

Ich weiß gar nicht mehr, wie er hieß. Dieter, oder Detlef. Ein gar nicht mal so alter Trinker. Vielleicht ein paar Jahre älter als Vierzig. Mit braunem Vollbart, rundem freundlichen Jungengesicht und immer rötlicher Haut. Bei gutem Wetter saß er im Hinterhof. Dort spielte er Schach gegen einen Schlaganfall-Rekonvaleszenten. Der gutmütige, leicht schwachsinnige Hausmeister schaute zu. Ich hatte mir angewöhnt, immer ein paar Worte mit dem Hausmeister zu wechseln. Seit seine Frau weggelaufen war, lechzte er nach jeglicher Zuwendung. Außerdem wohnt es sich angenehmer, wenn man sich mit den Schlüsselverwaltern gut versteht. So blieb ich auch an diesem sonnigen Nachmittag. Zumal mich das Spiel interessierte. Ich staunte, was sich auf unscheinbaren Hinterhöfen so alles abspielen kann.

Nach draußen traute sich der Schachspieler gar nicht mehr. Weil er Geld und Namen vertrunken hatte. Vermute ich jedenfalls. Wir sprachen nicht darüber. Aber das Trinken war so offensichtlich, wie einem Amputierten das Bein fehlt. Da braucht man auch nicht drüber zu sprechen. Schach spielen jedenfalls lernte er bei den Russen im Kurpark. Russen gibt es in dem Städtchen genug. Einige davon saßen immer im Park und spielten mit dem riesigen Rasenschach. Und mein Nachbar übte mit ihnen. In der Zeit, in der sich andere um ihre Zukunft bemühen. Das Spiel und wahrscheinlich auch das Trinken hat er dort ganz gut gelernt. Sonst scheinbar nicht so viel. Hat im Urlaub in Sri Lanka ein Mädchen geheiratet und mit ihr einen Sohn gezeugt. Eigentlich wollte er sich dort niederlassen. Dann haben ihn die Ansprüche seiner Schwiegerfamilie wieder vertrieben. Die Leute sind wohl richtig aufdringlich geworden. Und auch seine Frau hat sich gar nicht mehr so niedlich verhalten. Die dachten, die hätten jetzt den reichen Weißen als Schwiegersohn. War aber nur ein willenschwacher Habenichts, der dann bald wieder abgehauen ist.

Jetzt saß er also im engen, stickigen Tal und trank sich hier zu Tode. Das jedenfalls hat er dann auch ziemlich zügig hinbekommen, noch bevor ich mir seinen Namen hab merken können. Ich kann mir generell nicht gut Namen merken, kannte ihn kaum ein paar Monate und traf ihn nicht wirklich häufig. Nach einem langen Wochenende kam ich eines Tages wieder zurück in die Wohnung. Der Hausmeister überfiel mich im Flur, Panik flatterte in seinen Augen. Er habe den Dieter – oder Detlef – tot gefunden. Erst sei er im Hof gestürzt. Wollte keine Hilfe und ging allein in seine Wohnung. Als man zwei Tage nichts von ihm hörte, ist der fahrige kleine Mann dann nachsehen gegangen. Wahrscheinlich trieb ihn seine Einsamkeit. Eine verschreckte, gute Seele wie er da stand. Die Fassungslosigkeit hatte ein Gesicht bekommen. Besonders erschütterte den Hausmeister die Reaktion der Verwandten. Eine kurze, wahrscheinlich erfolglose Suche nach Wertsachen und dann die endgültige Abwicklung des einsamen Lebens. Geendet auf dem städtischen Friedhof, eingekeilt zwischen grauen Felswänden, wo wenig Sonnenlicht hinfällt.
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