Realo Maus

Je jünger das Zielpublikum, desto versöhnlicher und Happy-end-gefärbter das Ende einer Geschichte. Heutzutage. Früher, ja früher, da gab es noch Szenen wie die Schuhanprobe bei Aschenputtels‘ Stiefschwestern mit Messer statt Schuhlöffel, die fatale Abneigung gegen Suppen bei einem Buben namens Kaspar oder die Unart des Daumenlutschers, der mit Hilfe eines Schneiders leicht beizukommen war. Horrorliteratur für die Jüngsten.

Ein Mittelweg wäre nett. Nicht die Brutalität alter Märchen und die Grausamkeit der Struwelpeter-Moral, aber auch nicht die durchschaubare alles-geht-immer-super-gut-aus-Mentalität der modernen Kleinkindergeschichten. Statt der stets fröhlichen Ente Egon, dem besten Kuschelfreund Igel Igor und der naseweisen Maus Mimi lieber einmal richtige Realo-Protagonisten.

Wie wäre es denn z.B. mit folgender Geschichte:


Die kleine Hausmaus hatte die Nase gestrichen voll. Ihr graues, schüchternes Mäuschendasein brauchte etwas mehr Pep. Sie sehnte sich nach einem Abenteuer, nach der großen Welt fernab von ihrer Großfamilie, in der sie doch immer nur das unauffällige Nesthäkchen bleiben würde. Sie beschloss auszuziehen. „Ich gehe!“ piepste sie trotzig und lief beim Mauseloch hinaus, ohne darauf zu achten, wer oder was sich gerade vor dem Mauseloch tummelte.

Die Hauskatze machte einen großen Satz. Schnapp – schon hatte sie sich ein „Spielzeug“ gefangen. Das würde ein toller Nachmittag werden.


Nein, die Geschichte ist zu blutrünstig, wenn auch unausgesprochen. Dann vielleicht besser so:


Die kleine Hausmaus hatte die Nase gestrichen voll. Ihr graues, schüchternes Mäuschendasein brauchte etwas mehr Pep. Sie sehnte sich nach einem Abenteuer, nach der großen Welt fernab von ihrer Großfamilie, in der sie doch immer nur das unauffällige Nesthäkchen bleiben würde. Sie beschloss auszuziehen. „Ich gehe!“ piepste sie trotzig, aber nur eine alte Urururgroßtante hörte es und reagierte lediglich mit einem verständnisvollen Nicken.

Hier hält mich nichts mehr“ schlussfolgerte die kleine Hausmaus und unterdrückte eine Träne. Das einzige, was ihre Laune jetzt heben konnte, war der  Gedanke daran, Stänkerich nicht wiedersehen zu müssen. Ihren Cousin 28. Grades konnte sie nun einmal überhaupt nicht ausstehen.

Wenn ich den nicht mehr zu Gesicht bekomme, bin ich die glücklichste Maus der Welt!“ dachte sie bei sich und aß noch schnell ein ganzes Stück Käse zur Beruhigung. Dieser Mäuserich ärgerte sie wann immer er konnte. Jedes Mal, wenn sie sich bei den anderen darüber beschwerte, setzte er seine unschuldigste Miene auf und behauptete er sei nicht schuld. Und alle schienen ihm zu glauben. So konnte das nicht weitergehen.

Die kleine Hausmaus seufzte tief, putzte sich die Käsekrümel vom Mund und lief in ihre Zimmer. Während sie ihren Koffer packte, hörte sie die Stimme ihres Urururururgroßvaters durch das Mäusenest dröhnen: „Familienratssitzung!

Von überall her trippelten graue Mäuschen an und versammelten sich in der Speisekammer des Hauses. Buffet ist selbstverständlich inbegriffen bei Mäuseversammlungen. Der offizielle Teil so einer Ratssitzung war gewöhnlich recht kurz und sehr auf den Punkt gebracht. Der inoffizielle Teil dauert dafür um so länge.

Der Urururururgroßvater klopfte mit einem Teelöffel kräftig auf den Boden. Das Piepsen der Mäuse verstummte. „Wir haben beschlossen„, sagte er mit lauter, tiefer Stimme und sah dabei ein paar andere alte Mäuseriche und Mäusedamen an, die zustimmend nickten, „dass Stänkerich nicht länger in unserem Haus bleiben darf.  Uns ist zu Ohren gekommen, dass er nicht nur faul und falsch ist, sondern auch sehr oft gemein zu anderen Familienmitgliedern, vor allem zu einer seiner 122 Cousinen war. Stänkerich! Mit sofortiger Wirkung wirst du aus unserer Familie verbannt! So, das Buffet ist eröffnet!“

Stänkerich war schockiert, doch Jammern und Betteln half nicht mehr. Er musste gehen. Das war beschlossene Sache. Bei den Mäusen herrschte eine friedliche Oligarchie und außerdem kümmerte sich schon niemand mehr um Stänkerich – jetzt wurde gefressen.

Die kleine Hausmaus freute sich unbändig. Das war ihr also gelungen – einen Ungustl endgültig los zu werden und es ihn auch spüren zu lassen! An ihrem Entschluß änderte sich dadurch jedoch nichts. Sie blieb dabei: Sie wollte weg. Sie holte noch ihren Koffer und marschierte grinsend und hoch motiviert schnurstracks bei der Haustüre hinaus.

Nachdem sie eine Weile gelaufen war, kam sie zu einem Feld. Höflich fragte sie bei den Feldmäusen an, ob sie bei ihnen bleiben dürfe. So ein Leben am Land stellte sie sich aufregend vor. Was es da alles an neuen Gefahren und Reizen gab. Gleichzeitig aber hatte man den Bio-Supermarkt direkt vor der Tür: Das Feld. Der Ratsälteste der Feldmäuse, bei dem sie vorstellig geworden war, überlegte sehr lange – da er schon alt und in allen Dingen langsam war – und meinte schließlich, dass es in Ordnung wäre. Vor Sonnenuntergang würde er sie außerdem der ganzen Feldmausfamilie vorstellen.  Die kleine Hausmaus jubelte. Sie konnte es kaum erwarten, dass der Tag verging, um alle kennen zu lernen und ihr neues Leben zu beginnen.

Gegen Abend liefen alle Feldmäuse zum großen Ahornbaum am Wegesrand. Der Ratsälteste klopfte mit einem Ästchen kräftig auf eine Wurzel. Das Piepsen der Mäuse verstummte. „Unsere Familie hat Zuwachs von außen bekommen„, sagte er mit lauter, tiefer Stimme und sah dabei die versammelten Mäuschen an. „Begrüßt mit mir … die kleine Hausmaus!“ Alle klatschten, lachten oder winkten ihr zu. Die kleine Hausmaus strahlte über’s ganze Gesicht.

Als sich der Lärm gelegt hatte, fuhr der alte Mäuserich fort: „Und Stänkerich!“ rief er. „Auch er ist heute von den Hausmäusen zu uns gekommen …“

Das mark- und beinerschütternde „Neeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeiiiiiiiiiiiiiiiiiin“ der kleinen Hausmaus war weithin zu hören. Selbst ein paar Menschen in der Umgebung, zwei Bauern und ein Jäger, vermeinten an diesem Abend etwas Ungewöhnliches zu hören. Ein langes, hohes Piepsen, das fast so klang wie „Shiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiit!“


 

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12 Gedanken zu “Realo Maus

  1. In der Grundschule gab es bei uns ein ganz wunderbares Musiktheater. Ich kann mich erinnern, dass wir da mal eine Zeit lang den Struwwelpeter augeführt haben. Allerdings dauerte es nicht lange, bis überfürsorgliche Eltern Zeter und Mordio geschrien haben, dass man solche Geschichten doch nicht mit uns Kindern aufführen dürfen. Wir dagegen wollten das genauso aufführen und haben uns auch beschwert- aber wen interessiert schon, was Kinder wollen, wenn die Erwachsenen es besser wissen?

    Und so kam es, das der Struwwelpeter gleich viel weniger brutal, und dafür umso langweiliger wurde: Pauline wurde von den Eltern gelöscht (die natürlich als deus ex machina auf einmal aus dem Nichts erschienen), die Daumen des Daumenlutscher wurden wieder angeklebt, der Suppenkaspar findet eine andere Speise, die ihm zusagt (das war NICHT die Aussage der Geschichte *facepalm) usw.

    Ich denke, dass die Kinder und Jugendliche sehr oft unterschätzt werden, wenn versucht wird, ihnen grausame Handlungen oder auch schlechte Enden vorzuenthalten; es benötigt nur eine sorgsamere Begleitung durch die Eltern- Natürlich ist es einfacher, Kinder einfach vor einen Disney-Film hinzuknallen, das lässt keine Fragen übrig, aber auch wenig Raum für die Persönlichkeitsbildung.

    Deine Geschichten sind super geworden. Die erste ist, denke ich, gar nicht deswegen nicht für Kinder geeignet, weil sie zu brutal, sondern weil sie zu zynisch ist- eine Einstellung, die Kindern noch fremd ist. Das Mädchen mit den Schwefelhölzern ist auch sehr traurig, und doch so schön- aber ich hätte es schade gefunden, es erst dann zu hören, wenn ich erwachsen geworden wäre, weil ich mich davor eventuell unter Umständen vielleicht belastet hätte. Das Maß wird wichtig sein- so könnte man deine zweite Geschichte am nächsten Abend erzählen 😉

    Die zweite Geschichte ist auch wunderbar- tiefgründig und vieldeutig, aber trotzdem lustig und auch für Kinder intuitiv verständlich. Toll!

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    1. Danke!
      Struwelpeter als Musiktheater ist eine sehr interessante Idee und den Aufschrei kann ich mir vorstellen 🙂 Aber für die dramatische Darstellung würde sich das sicher super eignen. Ich selbst bin auch noch mit diesem Buch aufgewachsen und habe es mir als Kind wieder und wieder angesehen. Traurige Geschichten, wie jene mit den Schwefelhölzern, finde ich auch heute noch kindertauglich. „parental guidance“ immer vorausgesetzt. Den Daumenlutscher hielt ich allerdings auch damals schon für recht grausam. Vielleicht weil ich spritzendes Blut überhaupt nicht mag. Die Geschichte hätte mich außerdem wohl auch nicht vom Daumenlutschen abgehalten (was ich aber sowieso nicht tat, soweit ich weiß), denn dann hätte ich ja Angst um meine Daumen gehabt und sie erst recht (durch Lutschen) beschützen wollen – vermute ich zumindest.
      Die Geschichten haben aber sicherlich dazu beigetragen, dass man gesellschaftliche Vorstellungen bzgl. erwünschter Verhaltensweisen recht rasch verinnerlicht hat (man muss sich deshalb ja noch nicht daran halten, aber man weiß, was sein soll). Das vollbringen heute nur noch wenige Bücher so effektiv 🙂

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