Nix da Klingelingeling, die Glöckchen schweigen

Retrospektive

In meiner Jugend kam montags mit viel Klingelingeling der Bäckerwagen. Wir bekamen Geld von Mama in die Hand gedrückt und durften das Kommissbrot (gibt’s das eigentlich noch?) aus dem Kofferraum der PKW abholen und in die Kruste reinbeißen. Meist war das Brot sogar noch warm. Und heute? – Nix da Klingelingeling

Donnerstags kam der Eiermann. Den gab es nicht nur im gleichnamigen Lied, sondern auch in der Realität. Auch der kam mit dem PKW und hatte im Kofferraum palettenweise Eier. Wir kauften immer ein bis zwei Paletten. Ich frage mich, was wir mit den ganzen Eiern gemacht haben? Eine Palette hatte ca 30 Eier und das jede Woche! Und heute? – Nix da Klingelingeling

Weihnachtszeit. Anno dazumal. In der Woche vor dem Fest klingelte der Zeitungsausträger an der Haustür, übergab persönlich ein Exemplar des Tagesblattes und hielt die Hand für einen Obolus auf. Gleiche Woche, gleiches Spiel: der Postbote. Briefe wurden nicht in den Kasten geworfen, sondern persönlich an die Haustür gebracht. Hand auf und Merci. Als drittes kamen die Müllmänner, stapften die Stufen zur Tür hoch, Glückwünsche zum Fest überbringen und Spende abholen und mitnehmen. Das ging alles auch nur, weil 98% der Mütter im Ort Hausfrau waren und das Haus hüteten. Und heute? – Nix da Klingelingeling

Weihnachtsbaum. Aufgestellt am Heiligen Abend. Nie vorher. Wurde immer von Mama geschmückt, während wir Mittagsschlaf machen mussten. Das Wohnzimmer wurde verriegelt und durfte nicht vor der Bescherung betreten werden. Falls ihr denkt, jetzt käme die Geschichte vom Klingeln des Christkinds oder Weihnachtsmanns, dann seid ihr falsch gewickelt. Das Christkind klingelte nicht bei uns. Es zündete eine Wunderkerze an und steckte sie durch das Schlüsselloch, vor dem wir warteten. Wenn sie abgebrannt war, durften wir rein und auf der Blockflöte Weihnachtslieder spielen. Erst nach getaner Arbeit gab es die Bescherung. Meine Geschenke lagen immer auf der rechten Seite unter dem Baum.

Aber eigentlich wollte ich auf was ganz anderes raus. Am Baum hingen immer drei sehr alte Glöckchen. Mundgeblasen. Silber mit Silber-Feenstaub verziert. Zumindest kam es mir so vor, als ob es magische Glöckchen seien. Sie konnten auch leise klingeln. Und verzaubern. Ich liebte sie sehr, durfte sie aber nie anfassen. Ein wertvolles Erbstück. Ich konnte noch nicht schreiben – das tat Papa dann für mich – und ich bat ihn auf meinen Wunschzettel meinen sehnlichsten Wunsch zu notieren: Ich wünsche mir ganz viele Klingglöckchen. Den Wunschzettel hat meine Mutter sogar aufgehoben und in mein Fotoalbum geklebt. Später bekam ich mal eine Packung mit 6 Weihnachtsglöckchen geschenkt. Aber diese hatten nicht die Magie. Sie konnten nicht klingeln. Heute gehören mir genau diese drei magischen Klingglöckchen. Ich habe sie geerbt. Ob sie am Weihnachtsabend klingeln? Nein. Warum nicht? Lest ihr unten unter Aktuell. Also, Fazit – Nix da Klingelingeling

Damals. Vor meiner Zeit. Da gab’s mal die Nachtwächter, die zur Geisterstunde ein fröhliches Liedchen anstimmten, um die Einwohnerschaft darauf aufmerksam zu machen, dass nun Schlafenszeit sei. Begleitet wurde das ganze von schwingenden Glöckchen. Ob ich nun traurig sein soll, dass ich um Mitternacht nicht mehr geweckt werde? Och nö! Da bin ich doch froh, dass es heute heißt – Nix da Klingelingeling

Aktuell

Ich verzichte auf das vorweihnachtliche Klingelingeling am heimischen Herd. Bereits letztes Jahr floh ich an den Rand der Welt, dieses Jahr ans Ende der Welt. Dadurch entkam ich dem Klingelingeling weitestgehend. Nur am Heiligen Abend sah ich morgens verkleidete Gestalten am Strand mit Bademode bekleidet und aufgesetzten Rentierhörnern und roten Zipfelmützen. In der Hand vor sich hin tragend einen Plastikweihnachtsbaum mit blinkenden LED’s. Skurril. Aber witzig. Von mir aus kann es so aussehen, das Klingelingeling!

So ihr fleissigen Leser und Schreiber. Gehabt euch wohl und viel Spaß mit Klingelingelingzeit bei Glühwein und Plätzchen. Ich verabschiede mich für die nächsten 5 Wochen. Ob ich aus der Ferne reinschaue weiß ich ehrlich gesagt noch nicht. Und ob ich Lust auf Schreiben habe, auch nicht. Ich werde das auf mich zukommen lassen und hoffen, dass die Erde Ruhe hält und nicht nochmals wackelt.

 

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8 Gedanken zu “Nix da Klingelingeling, die Glöckchen schweigen

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