Der Nikolaus hat schlechte Laune

versandstres

Verkatert bestieg der Nikolaus an einem verregneten Novembermorgen im Hamburger Hauptbahnhof einen ICE. Wenn Ruprecht dabei wäre, würden sie jetzt ein Abteil suchen mit jungen Leuten ohne Fahrschein. Sein böser Knecht würde herumstänkern und die Damen belästigen, dann käme er als gütiger Nikolaus hinterher, entschärfte die Situation und alle hätten eine fröhliche Zugfahrt ohne Kontrollen. Heute aber war er nicht in Stimmung. Zwar fand er ein Abteil, wo nur ein junges Pärchen saß, die sich die Fahrkarte sparten und ein paar Flaschen Wein im Rucksack hatten. Eigentlich genau die richtige Gesellschaft, aber es wollte nicht passen. Als er die Tür aufschob, keifte das Mädchen: Jetzt will sich auch noch so ein ekelhafter Penner hier hinsetzen!
Nicht die Aggressivität traf Nick, sondern die Verachtung. Sie sahen an ihm vorbei, der Junge erzählte der Wand, hier sei alles besetzt. Nick schob die Tür wieder zu und murmelte ‚Entschuldigung‘, ein kleiner Zauberspruch, damit Angriffslust und Unfreundlichkeit blieben, bis der Schaffner käme. Zwei Menschenkinder hatten sich als Weihnachtsgeschenk eine Strafanzeige verdient, die macht sich gut als bunter Fleck im stromlinienförmigen Lebenslauf. Nick setzte sich ins Nachbarabteil in Hörweite und als die Zugbegleiterin kam und das Drama anfing, erschien ein Lächeln unter seinem Bart, zum ersten Mal an diesem Tag. Wieder vermißte er Ruprecht, diesen talentierten Bösewicht, der so gut Erschrecken und Einschüchtern konnte, obwohl er nur mit der Rute drohte. Er dagegen, der gutherzige Geschenkeonkel, wurde wild, wenn ein paar dumme Kinder frech wurden und er rächte sich kaltherzig. Aber wer schwarzfährt, sollte wenigstens höflich sein. Das Gebrüll im Nebenabteil klang inzwischen stark nach Beleidigung und Bedrohung und – ja – aus dem Gepolter konnte noch versuchte Körperverletzung werden.

Schließlich endete der Lärm und die Schaffnerin kam in sein Abteil. Eine Frau von etwa fünfzig Jahren, nicht dick, nicht dünn, die Haare rötlich gefärbt, das Gesicht von Makeup geglättet, die Persönlichkeit verborgen unter der Maske distanzierter Neutralität, welche ihr Beruf forderte. Reue oder Mitleid empfand Nick nicht. Aber er sah deutlich, wie der Streit mit dem jungen Pärchen die Frau erschüttert hatte und wieviel Kraft es sie grade kostete, ihre Fassade zu bewahren. Sie wünschte sich nichts mehr als ein wenig Erholung und jemanden zum Reden. Das konnte er ihr schenken. Bevor sie noch ihr ‚Die Fahrscheine bitte!‘ herunterspulte, fing er ihren Blick und sagte ruhig: „Wir müssen uns unterhalten.“
Stimmt. Mit einem Schlag vergaß Beate, die Zugbegleiterin, ihre Pflichten. Da war nur der Termin mit diesem, nun ja, alten Zausel. Sie gingen durch den Zug in ein leeres Abteil der ersten Klasse. Sie spürte, daß etwas nicht stimmte. Aber sie konnte, nein wollte sich nicht dagegen wehren. Außerdem war sie neugierig auf diesen seltsamen Fahrgast. Mehr als dreißig Dienstjahre bei der Bahn hätte sie schließlich nie ausgehalten, wenn sie nicht ihr Interesse für Menschen behalten hätte.
Nachdem sie einander gegenüber Platz genommen hatten, frage sie also gradeheraus:
„Wer sind sie?“
„Ich bin der Nikolaus, sie dürfen Nick zu mir sagen.“ Beate fiel die Kinnlade herunter. Aus dem Männerwohnheim, ergänzte sie in Gedanken. Dann faßte sie sich wieder und grinste: „Der Bart ist schon ganz in Ordnung. Aber müßte ihr Mantel nicht rot sein?“
Freundlich erklärte Nick: „Den roten Nylon trägt mein amerikanischer Kollege Claus. Ich arbeite in Deutschland, mein Dienstmantel ist grau. Echter Polarfuchs, aber ich hatte heute morgen ein kleines Malheur und außerdem ist das gute Stück mehr als 200 Jahre alt.“
„Das Malheur hatte nicht zufällig mit ein wenig Alkohol zu tun?“ Beate war sich jetzt ziemlich sicher, mit einem irren Suffkopp im Abteil zu sitzen und wollte die Situation schnellstmöglich beenden. Allein, sie konnte nicht. Denn mit ruhiger Großvaterstimme erzählte der Rauschebart weiter: „Nein, mit sehr viel Alkohol. Ich bin mit der Fähre aus Helsinki gekommen, da wird viel getrunken und dann übernachte ich immer in der Ausnüchterungszelle, da kann man sich nicht frisch machen.“
Beate wunderte das nicht: „Und warum fahren sie mit der Bahn und fliegen nicht im Rentierschlitten? Wegen des Klimawandels, den es wahrscheinlich gar nicht gibt?“
Der Nikolaus blieb ruhig: „Mit einem Schlitten fährt nur der Amerikaner Claus. Ich mag keine Rentiere. Am Polarkreis in Rovaniemi, wo ich wohne, habe wir genug davon. Ich hasse sie. Wir gehen eigentlich immer zu Fuß. Und das Klima wandelt sich, mit und ohne Zutun der Menschen. Aber ob es Weihnachten schneit oder nicht, hängt vom Wetter ab, und nicht vom Klima. Außerdem schneit es in Deutschland im Januar und Februar, eher selten Weihnachten. Was sollten wir mit einem Schlitten?“
Beate war nicht überzeugt: „Mit ‚wir‘ meinen sie sich und ihren unsichtbaren Freund?“
Der Nikolaus seufzte jetzt traurig: „Knecht Ruprecht. Der hat leider gekündigt. Letzte Weihnachten hat ein dummes Kind gefilmt, wie Ruprecht ihm grade mit der Rute drohte. Er droht nur, er schlägt nie, müssen sie wissen. Aber der Film wurde herumgeschickt, es zog Kreise und auf einmal kamen andauernd Vorladungen in irgendwelche frustrierenden Jugendämter. Da kriegte er die Wut und nahm einen Job in Rußland an.“
„In Rußland?“
„Ja. Er sagte, da könne er Weihnachten und Sylvester durchfeiern und muß erst im Januar arbeiten. Jetzt muss ich die ganze Organisation im Zentrallager Bad Hersfeld alleine Regeln.“
Bei Bad Hersfeld dämmerte es Beate: „Sie sind ein Arbeitsloser und haben also einen Aushilfsjob bei Amazon aufgezwungen gekriegt?“
„Nein“, sagte der Nikolaus ernst. „Wir waren zuerst da. Seit der Wiedervereinigung bunkern wir die Geschenke dort in der geografischen Mitte Deutschlands. Amazon hat das Konzept von uns übernommen. Ich glaube Claus kassiert dafür eine ordentliche Lizenzgebühr, er kann sich gut merkwürdige Geschäftsmodelle ausdenken.“
Beate schüttelte den Kopf: „Und jetzt verraten Sie mir bitte noch, wie sie mich hier festhalten, ohne daß ich ihre Fahrkarte kontrolliere. Das merke ich nämlich. Hypnotisieren sie mich?“
„In gewisser Weise, eigentlich bestärke ich nur ihren Willen und lenke ihn. Wir können den Menschen in die Seele schauen und sehen, was sie wirklich wollen. Ihr Menschen könntet das genauso, wenn ihr nicht immer mit euch selbst beschäftigt wärt und mehr aufeinander achten würdet. Ansatzweise machen gut eingespielte Ehepaare das selbe, sich gegenseitig manipulieren.“
Das wiederum verstand Beate sehr gut. Ihr Freund war ein pubertierender Sechzigjähriger. Und sie kannte das von ihrer Arbeit, sich zurücknehmen, ihr Gegenüber einschätzen, Fremde in die richtige Richtung lenken. Die restliche Fahrt unterhielten sie sich angeregt weiter, Beate erzählte viel von ihrer Arbeit, wie sie der Streit mit den jungen Leuten aufgewühlt hatte und wie sie dabei an ihre eigene Tochter dachte, die sich ihr Studium mit Kellnern und Nachhilfestunden erarbeitete. In Fulda dann mußte der Nikolaus umsteigen und in Bad Hersfeld seine Geschäfte erledigen.

Kurz vor Weihnachten steht der Nikolaus in einer Straße Deiner Stadt, der schwere Sack über seiner Schulter ist eine ungewohnte Last, er hat wieder schlechte Laune und vermißt seinen Kollegen, Handlanger und Freund. Da sieht er das große, gelbe DHL-Auto quer zur Fahrtrichtung in einer Einfahrt parken. Der kleine Paketbote mit dem traurigen Dackelblick und der mittelmäßigen Arbeitsmoral kommt grade aus einer Haustür, als es von einem Balkon herunterruft: Hallo Sie! Bleiben sie mal stehen. Sie haben nicht bei mir geklingelt und alle Pakete im Erdgeschoß abgegeben, obwohl ich hier zu Hause bin und auf Sie warte! Ich hab‘ das beobachtet! Ich werde mich beschweren.
Doch der Bote ignoriert die Rufe und verschanzt sich in seinem Lieferwagen. Da reißt der Nikolaus die Beifahrertür auf und treibt den Boten mit ein paar heftigen Ohrfeigen auf die Straße. Der verstörte junge Mann läuft jetzt vor der Wut der Anwohner davon, der Nikolaus aber fährt mit dem Paketauto. Das ist nicht das schlechteste, wenn man alleine Arbeiten muß. Für einen Moment bessert sich seine Laune. Aber nach dem er sich den ganzen Tag durch den Verkehr gequält, Säcke geschleppt und Pakete ausgeliefert hat, hält er in der Abenddämmerung an einem Haus. Ein müder Nikolaus schleppt sich und seinen Sack aus dem Auto. Hinter einem müden Hausbewohner schlüpft er durch die Haustür und geht bis zur Wohnung einer älteren Dame, die ihre Erdgeschoßwohnung selten verläßt und gern mal Nachbarn anschwärzt, die sich nicht an Hausregeln halten. Mit seinen groben Stiefeln wummert er gegen die Tür. Es dauert eine Weile, aber der Nikolaus gibt nicht auf, er weiß, daß sie zu Hause ist und genießt die Mischung aus Angst, Mißgunst und Neugier, die er spürt. Schließlich überwiegen Neugier und der Willen, den frechen Eindringling ordentlich zu beschimpfen. Irgendwas mit Unverschämtheit! Ich habe auch eine Klingel! liegt ihr auf der Zunge. Aber die überraschte Frau kommt nicht zu Wort. Kaum daß Sie das Schloß öffnet, wird die Tür mit langsamer, übernatürlicher Gewalt aufgestoßen. Die Sicherungskette springt aus ihrer Verankerung. Eine dunkle Gestalt im dreckigen Pelzmantel wirft ihr polternd einen schweren Sack vor die Füße und schnauzt sie an: Nix da klingeling! Das sind die Weihnachtsgeschenke ihrer Nachbarn. Die müssen sie jetzt verteilen. Und zwar pünktlich. Ich mach‘ Feierabend.

Diese Geschichte widme ich unserem überforderten Paketboten, dem bärtigen Penner, der immer mit dem lieben Gott das Verfassungsrecht diskutiert, wenn er sonst keinen zum Anpöbeln findet, und allen Autofahrern, die beim Kirchheimer Dreieck schon mal geblitzt wurden. Ich bitte Länge und chaotische Struktur zu entschuldigen, aber das ist das erste Mal seit der Schulzeit, daß ich auf stichwortartige Themenvorgabe eine Geschichte schreibe. Hätte ich mehr Übung, hätte ich mich kürzer gefaßt.

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