Unterwegs ohne Klingeling

Unterwegs – Szene 1

Bewegung hatte ihm der Arzt verordnet. Aber was wussten schon Ärzte. Die hatten doch keine Ahnung davon, was ihm gut tat. Besonders die jungen, die kannten nur ihre Lehrbücher und glaubten, sie wären wer, weil sie sich „Herr Doktor“ nennen durften.

Jeder Schritt war beschwerlich. Stock nach vorne, linkes Bein, rechtes Bein dazu. Stock nach vorne, linkes Bein, rechtes Bein dazu. Mühsam kämpfte er sich vorwärts. Er schwitzte. Es war viel zu warm für die Jahreszeit. Ein Silvestertag mit 15 Grad. Die Welt war vollkommen verrückt geworden. Sie war viel zu schnell, sie war zu laut und heute war sie auch noch zu warm. Und Respekt voreinander, den gab es auch nicht mehr.

Er hatte schlechte Laune, schon seit heute Morgen, seit er aufgestanden war und jeden einzelnen Knochen in seinem Körper schmerzhaft zu spüren vermeinte. Mit jedem weiteren Meter, den er sich auf dem Uferweg im Sonnenschein vorwärts schleppte, wurde seine miese Laune noch ein bisschen schlechter.

Da war es schon wieder. Das lästige Gebimmel. Das regte ihn furchtbar auf.

Ding! Ding! Ding!“ ertönte es schrill hinter ihm. Die Fahrradglocken heutzutage klingelten nicht einmal mehr richtig. Kein „Drrrrrring!“ Nein, die machten nur diese hellen, durchdringenden einzelnen „Ding!„. So vieles hatte sich geändert, seit er als Kind auf seinem ersten eigenen Fahrrad herum gefahren war. Damals gab es noch keine Kinderfahrräder, keine Helme, keine Radwege. Damals hieß es noch: Auf den Zehenspitzen auf den Pedalen stehen, um überhaupt den Lenker zu erreichen. Gangschaltung – unbekannt. Das waren richtige Schlachtschiffe. Schwer, groß, schwarz. Aber mit welchem Stolz er in die Pedale getreten hatte. Laut klingelnd war er durch die Gassen gefahren, auf Schotter- und Feldwegen. Und seine Freunde waren zu Fuß nebenher gelaufen oder mit dem Roller, weil sie selbst noch kein Fahrrad hatten. Er lächelte.

He Alter, pass auf!“ rief ein junger Bursche, der ganz knapp an ihm vorbei sauste.

Wütend klopfte er mit dem Stock auf den Boden. Dann setzte seinen Spaziergang im Zeitlupentempo fort. Stock nach vorne, linkes Bein, rechtes Bein dazu. Da klingelte es erneut hinter ihm.

Rad- und Gehweg schimpfte sich das hier. Aber das „und“ das vergaßen die Radfahrer gerne. Das Vorrecht des Schnelleren. Eine Rennstrecke war das. Und Fußgänger wie er nur Hindernisse, aufgeschrecktes Wild, das sich auf die Fahrbahn verirrt hatte und sich nun nicht entscheiden konnte, auf welche Seite es flüchten sollte. Aber nicht mit ihm.

Nicht mit mir„schnaubte er.

Er stellte den Stock so schräg als möglich vor sich auf den Weg, sodass er fast die ganze Breite des asphaltierten Weges für sich benötigte. Quietschend bremste sich eine Gruppe Radfahrer hinter ihm ein. Grinsend und schwitzend wackelte er weiter in der Mitte des Weges. Linkes Bein nach vorne, rechtes dazu. Wie ein Kleinkind, das Stiegen steigt.

Ach, Mensch!“ fluchte einer der Ausgebremsten und wich auf die Wiese aus, um den Alten zu überholen. Die anderen auf ihren Fahrrädern taten es ihm gleich, kopfschüttelnd und halblaut schimpfend.

Nix da, klingeling, ihr Gfraster!“ rief er triumphierend und riss den Stock in die Höhe, um damit wild drohend zu gestikulieren. Dann spürte er, wie er das Gleichgewicht verlor. Sein Kopf schlug hart auf dem Asphalt auf.

[Die Rettung kam mit Tatütata – nix da klingeling]

Unterwegs – Szene 2

Sekt oder Bier?“ flötete es neben ihr plötzlich. Die Stewardess stand mit einem Tablett im Gang und lächelte sie freundlich an.

Dieser Beruf wäre ihr Albtraum. Viel fliegen und Länder bereisen war sicher ein aufregendes Leben, aber immer freundlich sein? Zu völlig Fremden, die sich mit großer Genugtuung über Nichtigkeiten beschwerten, weil es ihnen das Gefühl gab, dadurch wichtiger zu sein, ernster genommen zu werden. Der Preis wäre ihr zu hoch.

Nein danke“ sagte sie, schüttelte den Kopf und schaute wieder in ihr Buch. Da meldete sich der Pilot über den Lautsprecher und wünschte allen Reisenden „A Happy New Year!“ Dann erklang der Donauwalzer. Jetzt legte sie ihr Buch doch zur Seite und versuchte im Schwarz vor dem Fenster irgendetwas zu erkennen.

Ein leises Lächeln schlich sich auf ihre Lippen. Silvester ganz alleine zu feiern, in zehntausend Meter Höhe wie traurig war das denn? Und doch fand sie es irgendwie witzig. Das war einmal ganz etwas anderes. Ob auch das Läuten der Pummerin eingespielt werden würde? Der Klang der Pummerin, die Glocke des Stephansdoms in Wien, gehörte zum Jahreswechsel einfach dazu. Das war kein lächerliches Klingeling eines blechernen Glöckchens. Nein, das war ein volles, rundes „Dong!“

Ein paar Leute rund um sie fielen sich in die Arme, küssten sich, wünschten sich in allen möglichen Sprachen ein gutes neues Jahr. Sie saß ganz alleine in der Fensterreihe. Zu Silvester wollten die Leute halt bei ihren Freunden oder ihrer Familie sein, nicht im Flugzeug.

Sie dachte an ihren Großvater. Wie einsam und verbittert er geworden war, seit Omas Tod. Das stimmte sie traurig. Und jetzt wo sie auch noch so lange so weit weg war, hatte sie fast ein schlechtes Gewissen ihm gegenüber. Aber gleich morgen würde sie ihn besuchen. Dann konnten sie ihre kleine private Neujahrsfeier machen, mit einem Teller Gulasch und Bleigießen. Und am frühen Nachmittag könnten sie sich das Neujahrskonzert zusammen anschauen und nebenbei über alte Geschichten lachen. Sie hatte ja auch noch so viel Neues zu erzählen von ihrem halben Jahr am anderen Ende der Welt.

Wie sie bei ihrem Zwischenstopp in Manila im Hotelzimmer vergeblich auf den Boten mit dem Ticket für den Weiterflug auf eine kleine Insel gewartet hatte. Einen ganzen Nachmittag war sie nur neben dem Telefon gesessen und hatte darauf gewartet, dass es läuten würde. Aber es hatte nicht geklingelt. Schließlich war sie zur Rezeption gelaufen und hatte gefragt, ob jemand für sie angerufen oder etwas vorbei gebracht hatte. Vereinbarungen und Termine werden nicht überall so ernst genommen, wie sie es von zu Hause gewohnt war. Schließlich hatte man vereinbart, dass sie am nächsten Tag direkt auf dem Flughafen ihr Ticket bekommen würde. Pünktlich um 6 Uhr war sie dort. Sie. Sonst niemand. Um 8 Uhr kam eine Putzfrau und sperrte das Flughafengebäude des kleinen Charter-Airports auf. Ja, dort tickten die Uhren einfach anders.

Sie hörte schon das herzhafte Lachen ihres Großvaters, wenn sie ihm diese Geschichte erzählen würde. Jetzt freute sie sich auf’s Nachhausekommen.

Am heimatlichen Flughafen angekommen schaltete sie ihr Handy wieder ein. 8 versäumte Anrufe – eine unbekannte Nummer, 2 Sprachnachrichten – von derselben Nummer. Ein unangenehmes Gefühl stieg in ihr auf. Im Flugzeug, wo das Handyklingeling verboten war, war ihre Welt noch in Ordnung gewesen.

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4 Gedanken zu “Unterwegs ohne Klingeling

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