Bücher von jenseits des Ozeans

Im Nachlaß meines Großvaters fand ich drei Bücher von John Steinbeck in deutscher Übersetzung. Sie haben mir sehr gut gefallen, der Mann konnte richtig gut schreiben. Auf flotte, mitreißende Art spannend. Nicht wie ein Krimi, sondern weil die Figuren so lebensecht nah kommen. Ich wollte wissen, wie es mit ihnen weitergeht. Und ich wollte sie kennenlernen, weil sie mir so fremd und exotisch waren.

Tortilla Flat“ habe ich sehr genossen und wenig behalten. Ein lustiges Buch über elende Zustände, in denen mexikanische Tagelöhner leben. Eine Komödie, voll von dem trockenen Lachen, das bleibt, wenn vor lauter Unglück alle Tränen versiegt sind. Oder der Autor liebt seine Figuren so sehr, er will nicht, daß ihnen ein Leid geschieht. Zum Inhalt nur eine Anekdote: Eine Mexikanerin, der die drei möglichen Vätern ihrer vielen Kinder einen Staubsauger schenken, allerdings ohne Motor. Aber das macht nichts. Denn stolz vollführt sie, mit ihrer Stimme die Motorgeräusche imitierend, den Hausputz als täglich Ritual des ersehnten Aufstiegs in die Mittelschicht, sie übt, falls sie mal ein Haus mit Stromanschluß bekommt.

Umso trauriger ist „Die Früchte des Zorns„. Ein furioses Buch, das ich praktisch in einem Zug durchgelesen habe. Durch die Geschichte einer entwurzelten Farmerfamilie erfuhr ich zum ersten Mal von der „Dustbowl„. Die Staubschüssel war eine katastrophale Mischung aus menschengemachter Klimaveränderung, Strukturwandel durch moderne Landwirtschaftstechnik und allgemeiner Wirtschaftskrise. Hunderttausende Menschen in den Prairiestaaten der USA und Kanada verloren ihre Lebensgrundlage. Sie wanderten als Wirtschaftsflüchtlinge Richtung Westen, auf der Suche nach Arbeit, die es nicht gab. Wikipedia sagt etwas von 3,5 Millionen Heimatlosen von 1930 bis 1940 und mehr als 80.000 Zuwanderern in Kalifornien pro Jahr. Wenn Europäer angesichts solcher Zahlen erst Schnappatmung, dann Existenzängste kriegen, passierte in Amerika – nichts. Dann sind da halt ein paar hunderttausend, die in Zeltstädten auf der nackten Erde campen. Gelegentlich beutet sie ein Obstkonzern als Erntehelfer aus. Ansonsten wartet man bis New Deal, Weltkrieg und das riesige Land die Krise verdauen.
Steinbeck machte mir klar: Auch wenn sie oft europäisch aussehen, europäische Namen und europäische Vorfahren haben – Amerikaner sind andere Menschen aus einer anderen Welt als wir. Das zu begreifen fällt mir mitunter schwer. Es ist eine rassistische Fehleinschätzung von der ich mich nicht freisprechen kann, ein Fehlurteil, das ähnlich aussehende auch von ähnlichem Wesen seien.
Man hat Steinbeck wegen des Buches vorgeworfen, Kommunist zu sein. Aber seine Geschichte zeigt, warum er keiner sein kann. Elend, Unglück, Not sind so drückend, noch der hartherzigste betet um Gerechtigkeit und Revolution. Die aber wird nie stattfinden, denn die Hoffnung verlässt die Menschen, so unerbittlich wie ein leckgeschlagener Wassertank nutzlos in einen staubigen Acker tropft. Ungerecht und unabänderlich, wie der grauenhafte Tot des Woodie Guthrie durch die unheilbare Krankheit Chorea Huntington. In seinem „Washington Talkin Blues“ etwa informiert er lakonisch über die Dustbowl. Man höre und wisse, warum nobelpreiswürdige Weltliteratur ihre Existenz rechtfertigen muß, wenn sie länger und langweiliger als ein Dreiminutensong ist.

Jenseits von Eden“ spielt im Land Nod, das östlich, jenseits von Eden liegt, da wo Kain sich niederließ, nachdem er seinen Bruder ermordete. Das befindet sich irgendwo bei Salinas in Kalifornien. Von den drei Büchern Steinbecks, die ich las, fand ich es am besten. Deshalb habe ich es nicht zuende gelesen. Ich wollte nicht wissen, wie Abel, der hier Aaron heißt, erschlagen wird. Erzählt wird vom Schicksal zweier Familien, vom großen Bürgerkrieg bis zum großen europäischen Krieg. Angeblich handelt die Familiensaga von der Wahlfreiheit und moralischen Reife der Menschen. Aber die Hilflosigkeit der Guten und die Boshaftigkeit der Bösen sind überwältigend. Die Charaktere sind extrem plastisch, es sind echte Menschen, die mit sich Ringen und an sich zweifeln, aber ihr Schicksal ist schon vor ihrer Geburt vorgezeichnet. Als Europäer lesen wir die Geschichte mit wehmütigem Staunen. Die Auswanderer haben unseren Glauben mitgenommen, uns zurückgebliebenen blieb eine hohle Religionswissenschaft. Denn selbstverständlich kann man die Evolutionstheorie und die Schöpfungsgeschichte zusammendenken. Natürlich sind wir Affen mit Haarausfall, irgendwann in den letzten 100.000 Jahren aus Afrika gekommen. Die biblische Schöpfung aber beginnt, wann immer sich einer der Affen entscheidet, eine Existenz aufzubauen, Kinder zum Morden und Sterben in die Welt zu setzen, sich entscheidet, als Mensch zu leben.

saulenheilige

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12 Gedanken zu “Bücher von jenseits des Ozeans

    1. Ich bin halt sehr schlau dank Wikipedia, da kann man immer schön spicken, samt zugehöriger Bibelstelle. Und das Buch ist halt wirklich ziemlich gut. Die Amis können Familiensagas, auch wenn Hollywood das dann oft verhunzt oder aus ner guten Vorlage irgendwelche schlechten Fortsetzungen rausquetscht…

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      1. Ich glaube, wir bewegen uns in der heutigen Zeit auch in einem gewissen Maße “jenseits von (unserem) Wissen, vielleicht sogar jenseits von Intelligenz“, v.a. durch Wikipedia. Vgl.: https://xkcd.com/903/ Aber das trifft wohl inzwischen auf die meisten (einschließlich mir) zu 😀

        Netter Artikel übrigens, wobei das Thema bei diesem Motto wohl zu erwarten war 🙂

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      2. So sieht das mal aus! Ich glaube, für Telefonnummernmerken und Stadtpläne Lesen ist der Gedächtnisschwund schon meßbar nachgewiesen worden, Ergebnisse kann man bestimmt googlen. Buchbesprechungen sind ja von den Spielregeln nicht ausgeschlossen. Wobei ich nach den Kommentaren wirklich auch Lust die Filme gekriegt hab.

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      3. Apropos Wikipedia, hast du das mouse-over beim Cartoon gesehen? ^^ Probier’s doch mal aus- du kommst wirklich (fast) immer bei Philosophie raus 😀

        Ich denke nicht zwangsläufig, dass alles am Internet schlecht ist. Allerdings habe ich ab und an auch die Befürchtung, dass das Internet die Intelligenten (bis zu einem gewissen Maß) intelligenter macht und die Dummen dümmer. Das Schwierige ist ja nicht, “Informationen“ zu finden, sondern einordnen zu können, ob sie plausibel sind oder nicht. Dafür muss man aber wenigstens viel Wissen (um das abschätzen zu können) und logische Schlüsse ziehen können (irren kann man sich natürlich immer, aber auch der Brockhaus hatte nicht immer recht).

        Die Frage ist aber doch auch, wie sehr sind wir noch wir und wie sehr ein Computer? Ich könnte ohne Probleme chatten und nebenbei ein paar Begriffe nachschauen, um zumindest oberflächlich gebildet oder intelligent oder informiert usw. zu wirken- Dabei ist das nicht mal mein Wissen!

        Ist das nur die Fortsetzung von dem Fall mit den klassischen Büchern, die man sich ins Regal stellt, aber nie liest, aber trotzdem darüber Smalltalken kann (solange dessen Gegnüber es auch nicht gelesen hat), oder ersetzt die Elektronik schon unser Gedächtnis (Stadtpläne, Telefon nummern usw.?)

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      4. Da wirfst Du Fragen auf, denen ich bisher immer ausgewichen bin. Ich bekenne damit also, das Internet nicht für eine substantielle Neuerung zu halten. Eher für eine quantitative, so wie die automatische Druckerpresse nur eine verbesserung der Gutenbergschen war. Technisch. Aber zur Verbreitung des gedruckten Wortes ganz erheblich beigetragen hat. Der Nutzen wiederum ist ein zweischneidiger. Informationen werden einer breiten Masse zugänglich. Aber auch Herrscherwille kann leichter verkündet werden. Absichtlich Lügen und schließlich jede Menge Mist, für den vorher das Papier zu teuer war.

        Wir besitzen da jetzt also eine riesige Weltbibliothek, die theoretisch jedem frei zugänglich ist, getrennt nur noch durch die Grenzen der Weltsprachen. Und die hilft nur dem, der sie zu nutzen weiß. Da beweist sich, daß alle Forschung interessegeleitet ist. Das Ergebnis hängt von der Frage ab. Ich lerne ehr Neues, wenn ich absichtslos, nur mit dem Willen, mich unterhalten zu lassen, herumsurfe. Wenn ich schon einen Artikel im Kopf habe, ist die Suche zielgerichtet, geht schnell und effizient. Aber ich finde nur Belege, die meine vorgefertigte Meinung bestätigen. So funktioniert Wissenschaft – ja, auch und grade die exakt messende. Brachte man uns jedenfalls so bei. Der nächste Artikel wird ein Musiktheoretischer.

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  1. Bitte beim Recherchieren nicht vergessen, dass alle drei verfilmt wurden. „Früchte des Zorns“ hat zwei Oscars bekommen, in „Jenseits von Eden“ glänzt James Dean mehr als beeindruckend und „Tortilla Flat“ kann immerhin mit Spencer Tracy aufwarten …
    Liebe Grüße
    Christiane

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    1. Danke für den Hinweis. Ja, das hab ich wo gelesen. Mich reizt aber merkwürdiger Weise nichts, die Filme zu sehen. Zu Filmen weiß ich nicht so wirklich viel zu sagen. Ich finde, die amerikanischen sind irgendwie auffällig stark zeitgeistgebunden. Ich kann sie nur wirklich in den fünf oder zehn Jahren nach Erscheinen genießen. Danach stimmt das Erzähltempo nicht mehr. Im Gegensatz zu europäischem Kino, das erst oft nach ein oder zwei Jahrzehnten richtig Tiefe bekommt. Aber ich laß mich ja überzeugen und merk‘ die mir mal für den Winter.

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      1. Ich habe „Jenseits von Eden“ und „Früchte des Zorns“ vor sehr, sehr langer Zeit gesehen. Und auch wenn es Zeit brauchte, bis ich reinkam, sie hatten beide eine Wucht, die bewirkte, dass ich mich bis heute an sie erinnere, was bei mir schon was heißt, ich bin kein großer Filmegucker. Dagegen habe ich vergessen, ob ich „Tortilla Flat“ je gesehen habe, aber ich bin sicher, dass ich es gelesen habe … 🙂
        Ich kann dir heute nicht sagen, dass das Filme sind, die du sehen musst, ich dachte nur, die Tatsache, dass zwei von den drei Büchern erfolgreich verfilmt worden sind, sollte nicht unerwähnt bleiben.
        Liebe Grüße
        Christiane

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