Jenseits – die Story dahinter

Jenseits von“ lese ich vor und höre ein kurzes Jubeln.

Super!“

„Darüber kann man viel schreiben!“

„Mir fällt sicher sofort etwas dazu ein …

Alle rufen durcheinander.

Gleich hab‘ ich’s“ sagt mein Gegenüber und tippt sich mit dem Zeigefinger mehrfach an die Nasenspitze. Die Augen zusammengekniffen, gesenkter Blick, der ins Leere geht. Das Zeichen voller Konzentration. Gleich wird sie darauf los hämmern. Die Gedanken wollen heraus. Sie jetzt aufzuhalten, könnte die Geburt eines Meisterwerks behindern. Auf jeden Fall aber zu schlechter Laune führen. Also halte ich ehrfürchtig den Mund und wir starren alle gemeinsam schweigend über ihre Schulter auf den noch leeren Bildschirm.

Endlich …tarat tarat tarat … Die ersten Worte sind geschrieben.

Jenseits aller Planbarkeit liegt das Chaos. Und manchmal einfach das Leben“ steht da.

Mhm“ murmle ich und lasse die Worte sickern.

Aha“ murmelt die neben mir.

Jenseits – Planbarkeit – Chaos – Leben. Also, Leben ist Chaos, oder so ähnlich resümiere ich für mich selbst.

Mhm“ sage ich nochmals und öffne den Mund. Einen Augenblick lang zögere ich bevor ich laut ausspreche, was mir auf den Lippen brennt: „Mütteralltag. Jenseits aller Planbarkeit. Genau!

Ach, die Mütterkeule …“ erwidert sie auf mein breites Grinsen und macht eine Handbewegung, als wolle sie eine Fliege verscheuchen. „Mama-Blog-Wissen-101? Nein. Ich sehe das viel allgemeiner. Auch bei Nicht-Mütter-Menschen läuft nicht immer alles nach Plan. Erinnere dich doch einmal an früher.

Was fällt dir denn dazu ein?“ fragt die eine ganz hinten, ohne mich anzuschauen. Sie spielt die ganze Zeit nur mit ihrem Smartphone. Lästig ist das und unhöflich, finde ich.

Ich überlege kurz. „Also, eine Standardfloskel wie jenseits von Gut und Böse sollte es wohl nicht sein.  Daher müsste es eher so etwas werden wie jenseits von jenseits von Gut und Böse. Das wäre dann wohl diesseits, mitten im Guten und Bösen sozusagen.“ Gespannt warte ich auf eine Reaktion. Solch gewitzte Wortspielereien, die uns über das Jenseitige in diese, unsere allgegenwärtige Mitte führen (jenes vs. dieses, Seite vs. Mitte), haben sich wohl etwas Achtung verdient. Zumindest Beachtung. Aber der Handyjunky hat schon vergessen, dass er mich etwas gefragt hat und die am Schreibtisch vor dem PC schnaubt nur gelangweilt.

Wie wäre es mit: Jenseits der Gitterstäbe …“ schlägt die Veganerin vor.

Rilke, wunderbar!“ rufe ich und fange an, „Der Panther“ aufzusagen. Rezitieren klänge besser, aber dafür sitzt der Text nicht mehr fest genug. „Ich klaue doch nicht“ empört sich die Veganerin und sorgt mit ihrer Unterbrechung meines Vortrages dafür, dass nicht auffällt, dass ich das Gedicht nur noch zur Hälfte kann. „Bitte lass mich zu Ende sprechen: Jenseits der Gitterstäbe steht die Zeit still. Jenseits der Mauern tut der Mensch was er will. Jenseits der Menschlichkeit leidet das Tier. Jenseits unserer Vorstellung – sind das noch wir?“

Keiner sagt etwas.

Ich glaube, wir sollten es lustiger anlegen.“ wirft der Handyjunky ein. „Es muss sich ja nicht reimen“

Gerade als ich den Pumuckl-Spruch „Alles was sich reimt ist gut“ los lassen will, hören wir das Klappern der Tastatur. Man würde ja meinen, in Zeiten der Computer geschähe so etwas völlig lautlos, aber auf einer PC-Tastatur kann man noch ordentlich Lärm machen, fast so wie früher auf der Schreibmaschine. Nur das nette „Kling!“ am Ende der Zeile fehlt. Auf den Tablets geht es eigentlich immer stumm zu, und auf dem Handy schalten nur boshafte Menschen die Tastentöne ein.

…tarat…tarat…tarat….

Wir rücken wieder enger zusammen, um auf den Bildschirm sehen zu können.

Jenseits des Humors kennt der Ernst keinen Spaß. Aber der Spaß macht Ernst mit seinem Humor im Jenseits

Nicht lustig“ sage ich etwas zu laut in die Stille. „Ich verstehe gar nicht, was das heißen soll: Spaß im Jenseits? Gibt es den? Hat man den dann, wenn man …

Dann mach es doch selbst besser„, keift sie mich an und schiebt die Tastatur an den Rand des Schreibtisches zu mir herüber.

Ich trommle mit den Fingern erst auf den Tisch, alsbald auf der Tastatur.

Jenseits von Allem ist Nichts, jenseits von Bekanntem das Unbekannte. Also ist jenseits von allem Bekannten nichts Unbekanntes. Und jenseits des Schachs liegt nur noch matt ein Remis. Aber jenseits der Remise verläuft sich der Weg ans Ziel.

Auch nicht wirklich lustig“ sagt die neben mir.

Jenseits des Horizonts gehen die Träume auf Reise und die Gedanken segeln hinaus, bis sie nichts mehr hält“ sagt die mit dem Handy und schaut zum ersten Mal an diesem Abend auf. Und zu uns.

Haha! Das ist lustig. Esoterisches Gelaber fast aus dem Jenseits“ platzt es aus mir heraus.

Also ich gehe jetzt schlafen“ sagt die, die am PC sitzt, steht auf und geht hinaus.

Mir reicht es auch“ stimmt die, der Esoterik bezichtigte zu, steckt das Handy weg und geht ebenfalls ohne Gute Nacht zu sagen. Nur die Veganerin und die, die neben mir steht, sind noch da. Und ich natürlich.

Jenseits der Bemühung liegt das Talent“ sagt die, die neben mir steht, ganz unvermittelt, nickt der Veganerin zu und verlässt mit ihr gemeinsam das Zimmer.

Dann schreibe ich es halt ohne Euch!“ rufe ich ihnen hinterher und setze mich etwas verärgert an den Schreibtisch. Beleidigt sein, das kann ich auch. Vielleicht sollte ich mir neue Alter-Egos zulegen, denke ich trotzig. Meine Ghostreiterinnenversammlungen sind nicht mehr so effizient wie früher, eher nur jenseitig.

Über diesen kleinen thematisch-passenden Wortwitz schmunzle ich noch einige Zeit, dann öffne ich ein neues, leeres Dokument und beginne zu schreiben:

Jenseits des Friedhofs stand ein alter verfallener Bauernhof. Es war die Nacht vor dem 6. Dezember“

Ja, dieser Anfang klang vielversprechend.

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9 Gedanken zu “Jenseits – die Story dahinter

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