Probezeit

Was hat er gesagt? Ich kann gar nichts verstehen …“ flüsterte sie ihrem Sitznachbarn ins Ohr und strich sich eine ihrer langen, blonden Strähnen aus dem Gesicht. Selbst wenn sie sich vom Sessel ein wenig erhob, konnte sie den Mann ganz vorne kaum noch erkennen. Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt.

Ha-lle-lu-ja“ flüsterte der neben ihr sitzende junge Mann sichtlich genervt zurück und legte den Finger quer über seine Lippen, um ihr klar zu machen, sie müsse nun aber wirklich still sein.

Warum sagt er das denn dauernd? Halleluja hier, Halleluja dort! Und dazwischen noch ein Hosanna! Wie soll ich mir das alles merken?“ flüsterte sie unbeeindruckt von seinem Widerwillen, mit ihr zu sprechen, weiter. Ihr Mund war ganz nahe an seinem Ohr. Er beugte seinen Kopf noch weiter zur Seite, um Abstand zu gewinnen.

Nimm es halt auf. Dann kannst du es dir später noch einmal anhören“ zischte er zurück. Ihre Nachfragerei und das Gejammere waren nicht zu ertragen. Warum nur hatte ausgerechnet er so eine Sitznachbarin bekommen? Damit hatte man ja wirklich nicht rechnen können. Würden das die ganze Zeit bis zum 24. so bleiben?

Ach, darf ich das denn? Sind Handies hier nicht verboten?“ fragte sie erstaunt und gar nicht leise. Ihr Bemühen, nicht aufzufallen, hatte sie offenbar gänzlich über Bord geworfen. Ein paar andere Leute vor ihr drehten sich nun auch um und warfen ihr vorwurfsvolle Blicke zu. Sie kramte geräuschvoll in ihrer Handtasche, die die Größe eines Campingrucksacks zu haben schien. Endlich hatte sie gefunden, was sie suchte. Doch statt eines Smartphones zog sie eine Zeitung heraus.

Er verdrehte die Augen. Das war doch nicht zu fassen. Sie hatte überhaupt keinen Respekt vor dieser Probe. Dabei war es eine Ehre, dabei sein zu dürfen. Er schüttelte kurz den Kopf und starrte dann verbissen nach vorne zum Chorleiter. „Haaalleluja, Halleluuuja, Halle-e-luja„. Er würde sie einfach ignorieren. Singen und ignorieren.

Sie blätterte in der Zeitung, die sie sich auf den Schoß gelegt hatte, da es keine Tische gab. Auf der Seite mit den Annoncen fuhr sie mit dem Zeigefinger von Anzeige zu Anzeige. Gab es wirklich nichts Besseres? Zumindest etwas, das ihr mehr liegen würde?

Da stand es: Chorengel – Proben in der Vorweihnachtszeit täglich von 7 bis 20 Uhr. Gesangserfahrung nicht unbedingt erforderlich. Anmeldungen werden jederzeit entgegen genommen. Dann gab es noch die Ausschreibung für Schutzengel. Die werden ständig gesucht, aber sie scheute die große Verantwortung und das Fehlen fixer Arbeitszeiten. Schutzengel müssen stets bereit sein, einzuspringen und ein Unheil abzuwenden. Da gab es keine Wochenenden, keine Feiertage, keinen Urlaub. Nein, das klang gar nicht verlockend.

Der Job als Verkündigungsengel war längst vergeben. Ein für allemal. Seither konnte man sich nur noch auf die Warteliste setzen lassen, für den unwahrscheinlichen Fall, dass noch einmal ein Engel für eine derartige frohe Botschaft gebraucht würde. Aber ob das heute noch so reibungslos abliefe? Einer Frau mitzuteilen, dass sie ein Kind bekommen wird, ohne dass dem eigenen Mann dabei eine Rolle zugedacht wird, und auch keinem anderen Mann (oder Labor), das könnte einen als Engel in Teufels Küche bringen! Immerhin würde es der Mann ja irgendwann herausfinden, und dann stünde die Aussage des Engels gegen eine lange Tradition der Biologiegläubigkeit. Und erst das Selbstbestimmungsrecht der Frau! Nein, ohne Bodyguard und einer Riege an Rechtsantwälten wäre das heute gar nicht mehr zu machen.

Anwärter auf Erzengel wurden auch noch gesucht. Auch so eine Wartelisten-Geschichte. Das schien ihr aber ohnedies mehr eine Aufgabe für Männer zu sein. So was mit Schwert und Flammen sagte ihr gar nicht zu. Wären es Laserschwerter, dann wäre es allerdings ziemlich cool, aber davon stand nichts in der Anzeige. Und war es Zeit, mit der Tradition zu brechen? Endlich weibliche Engel in den Vorstandsetagen zu haben? Natürlich! Das war längst überfällig, aber es musste ja nicht heute geschehen. Sie steckte die Zeitung wieder weg und sang müde mit:

… hoch oben schwebt jubelnd der Engelein Chor …

Also, irgendwann sollte man den Kindern auf der Erde erzählen, dass die Engel beim Singen gar nicht schweben, sondern einfach nur herumsitzen, auf harten Holzbänken, dicht gedrängt in brechend vollen Hallen. So dachte sie bei sich. Und dass die „Engelein“ oft schon älteren Semesters sind, die diesen himmlischen Job nur deshalb ausführen, weil der Arbeitsmarkt hier oben eben nur eine eingeschränkte Vielfalt zu bieten hat: Engel oder Pförtnersgehilfe. Letzteres war ihr definitiv zu zugig. Immer die halb geöffnete Tür! Und davor die murrenden Warteschlangen, schlimmer als beim billigen Diskonter am Samstag.

Vielleicht könnte sie bis nächste Weihnachten ja Harfeunterricht nehmen? Das wäre doch etwas, schoss es ihr durch den Lockenkopf. Der Gedanke gefiel ihr und sie fügte ein inbrünstiges „Zupf, zupf“ in die Pause zwischen der stillen Nacht und der heiligen Nacht ein. Ihr Sitznachbar gab ihr einen sanften Stoß in die Rippen, aber er lächelte dabei.

Vielleicht würde die Sache mit dem Chor ja doch noch ganz lustig werden.

Advertisements

5 Gedanken zu “Probezeit

  1. Raphael kommt ja eher als Wandersmann mit Pilgerstab daher, während Gabriel ohnehin ja ein Job auch für Frauen ist, nicht nur wegen der Lilie, aber, kleiner Engel, nicht verzagen: Ich an deiner Stelle würde lernen, die Engels-Trompete zu spielen. 😉

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s