Die Liste und der eine Euro

Menschen, aber vermutlich Lebewesen im Allgemeinen, neigen dazu sich eher Negatives als Positives zu merken. Das böse Wort oder die kritische Äußerung im Streit vor einem Tag, einer Woche, einem Monat, einem Jahr und so weiter, sitzt tiefer als zahlreiche Zeichen und Worte der Zuneigung oder positiven Bestärkung davor und danach.

Somit scheint es kaum verwunderlich das es leichter fällt sich auch nur den negativen Aspekten seines Lebens zu widmen, auch ich kann mich in Probleme herrlich hineinsteigern, egal wie schön der Tag davor oder danach ist.

Allerdings verbiete ich mir mit dem voranschreiten der Jahre immer mehr und mehr das Selbstmitleid, die Klogen, wie ich meine Eltern nenne, hatten anno dazumal, als ich unter Neurodermitis litt und durch diese Hautkrankheit Repressalien in der Schule ausgesetzt war schon recht, irgendwo geht es jemanden noch schlimmer.

Das meine Neurodermitis tatsächlich noch vor dem 18 Lebensjahr beinahe gänzlich verschwand und ausgenommen von einer kleinen Stelle am rechten Knöchel und Schienbein keine Probleme mehr macht, zeigt die Wahrheit in ihren Worten.

Mir geht es gut.

In stillen Momenten, besonders dann, wenn ich mich wieder beginne wo hineinzusteigern, sage ich mir diese Worte im Geiste vor. Ich darf einem Broterwerb nachgehen, in dem es nicht immer rosig läuft, aber die Rahmenbedingungen mir viele Freiheiten lassen, relativ freie Zeiteinteilung dank Gleitzeit zum Beispiel. Der Galan ist an meiner Seite, wir verfügen beide über einen fahrbaren Untersatz, haben uneingeschränkt Zugang zu den Informationen im Internet und auch die hündischen Damen des Haues können wir adäquat versorgen.

Natürlich müssen aber auch wir in manchen Monaten gegen Ende des Monats jeden Cent ein- zweimal umdrehen und etwas mehr qualitative Freizeit wäre, oder mal eine Reise wofür wir ein Flugzeug benützen müssen und die länger als fast eine Woche dauert … Aber mir und uns geht es gut.

Wir haben ein Dach über den Kopf, können unsere vier Wände nach unseren Vorlieben warmhalten und aus den Wasserhähnen sprudelt frisches sauberes Wasser, heiß, warm oder kalt, ganz nach Belieben … Herz was willst Du mehr?

Als Kind wollte ich wohl alles, ein Geschwisterchen, einen Hund, ein Pony und was weiß das Christkind noch alles. Die Bank gibt das Geld ja einfach her und ein Gameboy, ein Computer oder ein Dach über den Kopf kostet doch nichts und alle anderen haben es ja auch … Ja, ja und wenn alle anderen von der Brücke springen, springe ich auch …

Die Klogen, wich ich meine Eltern nenne, vermittelten mir, wohl zum Glück, bald was es bedeutete Geld zu verdienen, kam ich mit meinem Taschengeld nicht aus und wollte mehr, half kein bitten und betteln … Nun gut manchmal schon … In der Regel hieß es Allerdings dann im Gegenzug dafür Aufgaben im Haushalt zu übernehmen, welche sonst nicht auf meiner Liste standen … Auf welcher Zugegebenermaßen, neben dem eigenen Zimmer und dem Kinderbadezimmer, nicht viel draufstand …

Dies und Gespräche mit meinen Eltern, zum Beispiel, wenn ich aus dem „Vorort“ nicht kapierte das nicht jeder ein Haus hat, sondern in manchen „Häusern“ mehrere Familien in „Zimmern“ lebten, zeigte mir immer deutlicher das ihr Spruch … Irgendwo geht es jemanden Schlimmer … nicht nur auf meine Haut anzuwenden war.

Neid und Geiz fanden so wohl nie wirklich ihren Einzug in mein Leben, natürlich ist Neid auch mir nicht fremd, irgendwo geht es irgendjemanden deutlich besser als mir und es scheint als wäre denjenigen alles in den Schoß gefallen … aber … irgendwo, vermutlich sogar in der gleichen Ortschaft, geht es jemanden schlechter als mir, der eventuell gar härter an sich arbeitet als ich an mir und härter für seine Lieben schuftet … und irgendwo kann es sich jemand trotz aller Mühen niemals verbessern, wegen den Umständen in seinem Land zum Beispiel.

Ewig könnte ich so nun vor mich hin philosophieren, aber jenseits der 600 Wörter wäre es wohl Zeit auf den Punkt zu kommen.

Weihnachten gibt es viele Listen, vermeintlich „verzogene“ mit dem Wunsch nach einem Pony oder Pferd, traurige wie der Wunsch danach, dass der kranke Vater doch wieder Gesunden möge, oder einfach jene wo es im Endeffekt doch nur heißt … Nix da Klingeling …

Auf meinen Streifen durch das Internet oder die sozialen Medien finde ich schnell Organisationen verschiedenster Arten, welche verschiedene Wunschlisten erfüllen möchten, da ist zum Beispiel die kleine sehbehinderte Gloria, welche es liebt Bilder am Computer zu bearbeiten und Grafiken zu erstellen, dies in einem zarten Alter, sie könnte die Künstlerin von morgen sein, die mich mit ihren Bildern fesselt … Sie wünscht sich einen speziellen Computer, der ihr das Arbeiten mit ihrer Behinderung, nicht nur Privat sondern auch für eine gute Schulbildung erleichtert …

Auf einmal ist die neue Couch, welche ich mir für unseren Umzug gewünscht habe, überhaupt nicht mehr wichtig … Ich habe ja schon eine Couch und eine größere kann ich mir „immer“ kaufen …

Dann trifft mich ein Gedanke, über acht Millionen Menschen leben in meinem Land, sicher geht es nicht allen gut … Aber wenn jeder dieser acht Millionen Menschen nur einen Euro für eine bestimmte Person hätte, der es noch schlechter geht …

 

Das tragische daran ist, dass unter diesen acht Millionen Menschen genug sind die ihn nicht hätten, weil nicht sie der Empfänger davon sind, weil sie nicht sehen können oder wollen das es jemand anderem noch schlechter geht …

Für das Beitragsbild danken wir übrigens Pixabay: jill 111

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