Mit Fremden leben

Beim Stammtisch der Deutschen, die mit Fremden zusammenleben, findet man schnell Gemeinsamkeiten. Zu jammern gibt es nichts, auch wenn wir das alle gerne tun. Aber zu reden und zu lachen.

Da ist zum Beispiel die deutsche Familie, die nach Frankreich zu Besuch kommt. Die Gastgeber haben eine kleine Baustelle in der Wohnung, ein Zimmer ist im Begriff, tapeziert zu werden. Den deutschen Gästen ist tatkräftige Hilfsbereitschaft anerzogen. Sie krempeln die Ärmel hoch und machen sich mit Spaß und Eifer ans Werk. Die französischen Wohnungsbesitzer realisieren ungläubig, daß die Arbeit, die für mehrere Tage angesetzt war, im Laufe des Nachmittags fertig wird. Schnell rufen sie Freunde und Nachbarn zusammen und bestaunen bei Wein und Häppchen die lebenden Klischees der strebsamen Alemannen.

Ein guter Freund war mit einem Mädchen aus Osteuropa zusammen. Eine angenehme Person und immer perfekt angezogen. Sie kopierte Schnittmuster und ließ sie auf ihre persönlichen Maße nachschneidern. Ihre Umgangsformen wirkten auf uns vertraut, aber altmodisch. Als Frau ging sie in Begleitung eines Mannes selbstverständlich untergehakt. Das war keinesfalls als unziemliche Annäherung zu verstehen, der Körperkontakt erlaubte vertraute Nähe, beide können den Blick schweifen lassen und sich in ernsthafte Gespräche vertiefen. Manchmal dachte ich, sie sei sehr mutig, wenn sie in Seelenruhe zu Fuß eine sechsspurige Schnellstraße querte. Einmal aber ergriff sie die nackte Panik, sie zwang mich, sofort und äußerst hektisch mit ihr die Straßenseite zu wechseln. Denn es kamen uns zwei Zigeuner entgegen. Das erstaunte mich sehr, denn ich bin ohne Rassismus aufgewachsen. Wir verkehrten einfach nicht mit Menschen aus anderen Schichten, arme Ausländer gab es am Gymnasium nicht, man konnte sich gut der Illusion, einer einheitlich friedlichen Gesellschaft hingeben.

Menschen aus den Tropen dagegen können gut mit verschiedenen Menschen auf unvorstellbar engem Raum zusammenleben. Die Individualität scheint zu verschwinden, Selbstverwirklichung hat keinen Stellenwert. Arbeit ist notwendig, sie ernährt und soll nicht erfüllen. Auch scheint es unbekannt, die Freizeit selbstbestimmt zu verbringen. Hauptsache man ist zusammen, die Bereitschaft, Abstriche zu machen, ist unendlich, niemand macht etwas für sich. Wenn der Gast krank darniederliegt, wird die Tür offen gelassen und extra laut geredet, damit sich keiner einsam fühlt. Ausflüge führen an Orte, die für alle angenehm sind. Ein klimatisiertes Einkaufszentrum mit bezahlbaren Restaurants ist ein gelungener Feiertag. Eine Zumutung dagegen sind Stätten, wo man im Freien zu Fuß gehen muß. Zufußgehen können wohl auch viele Deutsche nicht mehr. Aber die meisten wissen zumindest, daß man bei Frost etwas strammer laufen muß, um die Beine zu durchbluten und nicht etwa verzagt immer langsamer wird. Generell ist Kälte für tropische Menschen eine Naturkatastrophe. Bei kühlen Außentemperaturen unter 20 Grad die Wohnung zu lüften, ist versuchte Körperverletzung.

Dafür braucht man sich um Essen keine Gedanken zu machen. Das ist immer gut und reichlich vorhanden. Die Speisung der 5000 ist kein Wunder, sondern Normalzustand und eher ein zivilisatorischer Minimalstandard. Ostasiaten verschiedener Nationen können sich köstlich darüber amüsieren, wenn Deutsche für eine Betriebsfeier im Vorfeld genauestens erarbeiten, wer was ißt und die Speisen anschließend genau bemessen. Egal wo man hingeht, man bringt Essen und nimmt mit nach Hause, was übrig bleibt. Die Küche ist leicht, soll auf keinen Fall satt machen, sondern im Gegenteil den Appetit anregen für die vielen kleinen Mahlzeiten, die der Tag noch bringt. Gegessen wird vor und während der Unternehmung, nicht hinterher. Das wiederum macht strukturierte Planung, wie Deutsche es gewohnt sind, völlig unmöglich. Das stört aber keinen. Sonntagsruhe ist kein Grund, Geschäfte geschlossen zu halten. Ein Einkaufszettel ist demzufolge unnötig. Denn immer findet sich jemand, der schnell zu einem der stets offenen Geschäfte laufen kann. Oder man entscheidet sich einfach spontan, gleich gemeinsam auszugehen. Zeit und Koordination des Privatlebens spielen keine Rolle, wenn unbegrenzt Hilfskräfte da sind. Das merken auch Helfer schnell, wenn man beispielsweise versucht, in einer Gemeinschaftsunterkunft für afrikanische Flüchtlinge das Leben nach deutschen Gewohnheiten zu organisieren. Also über Zettel, Aushänge, Verlautbarungen und selbständig zu führende Teilnehmerverzeichnisse. Organisieren ist für sich schon ein schwer zu erklärendes Fremdwort. Man sitzt zusammen und diskutiert einfach solange, bis ein für die Gemeinschaft akzeptabler Kompromiß erzielt wurde. Deshalb wissen viele einfach nicht, was eine Liste ist, denn sie brauchen nie eine.

Von Herzen.jpg

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3 Gedanken zu “Mit Fremden leben

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