Mitten im Trubel

Der letzte Tag im Jahr.

Dichtes Gedränge in der Fußgängerzone. Die letzten Einkäufe werden erledigt, ein vorübereilender Bekannter angehalten, die entgegengestreckte Hand gedrückt und Wünsche für das neue Jahr mit auf den Weg gegeben, bevor die unförmige Masse der Passanten ihn wieder mit sich fortreißt. Unbekannten drückt man ungehalten in den engen Gängen der Geschäfte den Ellbogen in die Seite oder den Einkaufswagen in die Hüfte und gibt ihnen auch noch ein paar leise Verwünschungen mit.

Knallköpfe werfen Knallerbsen, der Lärmpegel steigt stetig, Hektik hier, Anspannung dort, Ungeduld überall. Die einzigen lächelnden Gesichter sind der zunehmenden Promillezahl geschuldet. Und mittendrin ein Gesicht, das Ruhe ausstrahlt, zufriedene Gelassenheit. Es ist von bezaubernder Schönheit, die Haut so zart und fein wie die eines Neugeborenen, die Augen so leuchtend wie jene von Kindern unterm Weihnachtsbaum.

Wenden wir uns diesem Antlitz mit seinem gesunden Teint, seiner entspannten Miene kurz zu:

Ich:“Hallo! Darf ich Sie kurz ansprechen?

Gelassener: „Das haben sie doch schon getan…

Ich: „Ja, da haben Sie recht. Also, wir wollten nur wissen, wie Sie es schaffen, so entspannt zu sein angesichts des Trubels rundherum. Alle anderen schauen ja meist finster drein, wenn sie unterwegs sind, hetzen vorüber, strampeln sich ab, wie in einem Hamsterrad, und kommen doch ihrem Glück nicht näher. Nur Verbitterung in den Augen. Sie hingegen, Sie wirken so, als hätten Sie Ihr Glück schon gefunden.

Gelassener: „Wow! Sie neigen zu Dramatisierung, oder? Und wer ist ‚wir?‘ Ich sehe nur Sie? Aber es stimmt schon. Ich habe es nicht eilig. Ich genieße diese Stunden rund um Silvester. Da lebe ich so richtig auf. Das ist meine Zeit, wissen Sie. Ich lebe einfach völlig im Jetzt. Nur darin kann ich mein Glück finden.

Ich: „Aha. Das klingt ja sehr interessant.

Der Gelassene winkt plötzlich in die Menschenmenge und deutet jemanden, herzukommen. Eine ebenso strahlende Erscheinung wie der Gelassene taucht aus dem Pulk der Vorbeidrängenden auf, schlank, durchtrainiert, trotz fortgeschritteneren Alters die perfekte Verkörperung ewiger Jugend, ganz ohne Botox, Mieder und Toupet. Er gesellt sich zu uns.

Ich: „Hallo. Sie kennen sich?

Gelassener: „Ja , natürlich. Wir treffen uns jedes Jahr um diese Zeit.

Schlanker: „So ist es. Same procedure as every year, nicht wahr!“ [lacht ausgelassen]

Gelassener: „Genau! Haha! Der war gut …“ [lacht mit]

Ich: „Ja, das ist ja wirklich witzig.“ [dem Schlanken zugewendet] Darf ich auch Sie fragen, wie sie es schaffen, solch eine Fröhlichkeit an den Tag zu legen, die den meisten erst abends in den Sinn kommt, wenn die Silvesterfeier in vollem Gange ist?“

Schlanker: „Ich bin eigentlich immer gut gelaunt. Warum sollte ich Trübsal blasen an einem Tag wie heute? Das Leben ist kurz. Reden Sie einmal mit einer Eintagsfliege. Die wird ihnen sofort bestätigen, dass heute der beste Tag ihres Lebens ist.“ [lacht wieder ausgelassen]

Ich: „Äh, ja, da haben Sie vermutlich recht. Fröhlichkeit ist also eine Frage der Perspektive, nicht wahr? Verraten Sie uns bitte noch, wie sie es schaffen, so jung und sportlich auszusehen, obwohl Sie doch sicher schon ein paar Semester auf dem Buckel haben?

Schlanker: „Ein paar Semester – wie charmant. Ja, also wissen Sie, auf meinem Stundenplan steht täglich Sport, auf meinem Speiseplan der Verzicht auf Zucker, zu viel Fettes, einfach alles Ungesunde und auf meinem Lebensplan eine gelungene work-life-balance, die mir gleichzeitig Erfüllung im Job als auch genügend Zeit für Familie und Hobbies bietet.

Ich: „Verstehe. Klingt fast utopisch, aber schon die alten Römer sagten ja ‚mens sana in corpore sano‘. Und Sie, was ist ihr Rezept, um zu einer tiefen Zufriedenheit zu gelangen?

Gelassener: „Ich bin die Gelassenheit in Person, frei von Süchten und Zwängen. Ich bin einfach ich. Ich muss mich nicht mit anderen vergleichen, um zu wissen, was ich kann. Ich brauche keine Social Media Freunde oder Likes, um mich gut zu fühlen. Ich muss nicht ständig irgendwelche Updates checken aus Angst, ich könnte etwas versäumen. Also, fangt mit den Süchten erst gar nicht an – egal, ob es Zigaretten, Alkohol, Spiele, Chats, Blogs, Fleisch oder was auch immer ist!

Ich: „Ein Appell an die Vernunft. Hoffen wir, dass er nicht ganz ungehört verhallt. Dann will ich Sie beide nicht länger aufhalten. Ich danke Ihnen für das Gespräch.

Gelassener: „Kein Problem.

Schlanker: „Gerne

Ich: „Ach, verraten Sie uns doch bitte noch Ihre Namen…

Gelassener und Schlanker im Chor: „Wir sind die Wunschvorstellungen wahr gewordener guter Vorsätze.

Ich: „Oh! Was für ein langer, umständlicher Name! Ich wusste gar nicht, dass es Sie leibhaftig gibt?

Gelassener und Schlanker im Chor: „Ja, aber nur heute, nur für ein paar Stunden. Morgen früh schon sind wir nur noch Schall und Rauch …

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3 Gedanken zu “Mitten im Trubel

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