Der Kapitän

Seit frühester Kindheit kenne ich einen Marineoffizier, den ich sehr mag. Ich glaube, nur wenige Menschen werden ihn nicht mögen, denn er hat ein jungenhaft fröhliches Wesen und einen wachen Geist. Als ich ihn vor ein paar Jahren in einem Pflegeheim besuchte, schickte man mich auf sein Zimmer, wo er noch schlief. Nach dem Aufwachen war er kurz verwirrt, fragte erschreckt wer ich sei. Mit flatterndem Blick und Angstvoll suchenden Augen, so wie Demenzkranke, die ihrer entgleitenden Persönlichkeit hinterherschauen. Aber es dauerte nur Sekunden, da war er wieder mitten im Leben. Scherzte über die Löcher in seinem Schädel, die sie nach einem Sturz zum Druckausgleich hatten bohren müssen. Er hätte sich im Nachhinein wohl lieber die Kalotte komplett absägen lassen, die dann nach der Operation wieder nahtlos anwächst. Dann, nach den medizintechnischen Fachsimpeleien, aber kam er schnell wieder zu seinem Lieblingsthema. Technik großer Kriegsschiffe, Kavitation und Blasenbildung an Schiffsschrauben. Das ist im Moment das große Ding der marinen Rüstung, wer die Kavitation in den Griff kriegt, reduziert den Verschleiß des teuren Materials. Und kann dann praktisch unsichtbare Torpedos bauen. Torpedos wiederum treffen idealerweise keine Schiffskörper. Sie sollen unter dem Kiel explodieren und eine große Luftblase im Wasser aufreißen. Dem getroffenen Schiff wird der Auftrieb des Wassers genommen und der Kiel kracht in diese Luftblase hinein. Die Welt liebt deutsche Seekriegstechnik. Ich jedenfalls freute mich, daß er so nonchalant die Beklemmung nahm, die mich in der Gesellschaft gebrechlicher Menschen schnell befällt. Ganz der Kapitän als perfekter Gastgeber. Ich glaube, ich hatte wieder ein wenig Lakritze als Geschenk mit. Das war so eine Art Ritual.

Als Kinder spielten wir sommers immer im Vorgarten, einem kleinen Stück Rasen geschützt von Buchenhecke und Jägerzaun vor dem Bungalow im Stil der 80er, irgendwo im rosenkohlwogenden Gemüsemeer zwischen Kölner Bucht und Voreifel. Sonntags um 12 Uhr Mittags heulte der Atomkriegsprobealarm und unter der Woche knallte manchmal ein Düsenjäger durch die Schallmauer. Wir freuten uns immer sehr, wenn der Nachbar, der Kapitän nach Hause kam von der Arbeit in den gefährlichen Untiefen der Hardthöhe. Eine faszinierende Erscheinung war der großgewachsene, fröhliche Mann in dunkelblauer Uniform mit blendend weißer Mütze. Faszinierend das gut einen Meter lange Schiffsmodell in seinem Arbeitszimmer, taubenblau und mit mehr Kanonen, als es sich Brecht in seinen kühnsten Albträumen hätte ausmalen können. Das beste aber, als gebürtiger Hesse hatte er sich berufsbedingt an die Lebensart der seefahrenden Nordlichter assimiliert und liebte herbe Lakritze. Die bittere schwarze Masse war meinem Bruder und mir zuwider. Immer wenn wir welches geschenkt bekamen wog der Kapitän sie uns gegen süße Gummibären auf.

Wir sind dann umgezogen, nicht wirklich weit, aber über den großen Fluß in eine andere Stadt und damit in eine andere Welt. Meine Eltern hielten sporadisch Kontakt, aber ich besuchte ihn und seine Frau erst wieder, als ich zum Studieren nach Bonn zog. Er erzählte nun begeistert über Seefahrt, Kriegsschiffe und den Krieg. Den hatte er mitgemacht, wohl schon mit siebzehn und wahrscheinlich mit Notabitur. 1945 war er noch kaum 20 Jahre alt. Das allgemeine Ende war für ihn ein nahtloser Anfang. Er fuhr schon wieder mit auf dem ersten bewaffneten Schiff, einem Schnellboot des Bundesgrenzschutz, unserer Ersatzarmee als Deutschland noch keine Armee haben durfte. Ein Nazi war er nie. Das hat er sehr logisch erklärt und ich glaube es ihm aufs Wort. Denn nur bei Görings Luftwaffe waren die technikverliebten Flieger glühende Anhänger des Systems. Die konservative Wehrmacht dagegen war eine königlich-preußisch gesinnte Landarmee während die Marine immer altdeutsch nur den Kaiser verehrte. Bis zum gescheiterten Attentat der Verschwörer um Stauffenberg habe es unter deutschen Offizieren zum guten Ton gehört, bei einem gemütlichen Cognac die Absetzung des Regimes zu diskutieren. Danach aber habe niemand mehr gerne persönliche Ansichten besprochen.
Auf einem Schiff konnte er im Krieg auch gar nichts schlimmes erleben. Für einen Seemann, der gern zur See fährt, ist der Krieg nämlich immer schön und angenehm. Seeleute wissen nicht, von Gräueln zu berichten, weil sie die in der Regel nicht überleben. Und selbst im Gefecht sehen sie nie den Feind, weil sie weit hinter die Erdkrümmung schießen. Ich unterhalte mich gern über Waffen, aber der Kapitän kam aus einer anderen, größeren Welt. Wo Handwaffen in Millimeter und Grains rechnen, zählt der Seemann Halbmeter und Zentner und Kilotonnen. Zwei Zentimeter akzeptiert er als Kleinkaliber. Am nächsten kam er der Gewalt, als sie ihn in einen Einmanntorpedo steckten. Irgendwann im Morgengrauen an einem Strand in Frankreich. Ein gutes Dutzend Jungen fuhr los und nur drei oder vier kamen wieder. In seinem privaten Fotoalbum waren die kleinen Maschinen, genannt „Neger“, aus der Nähe zu sehen. Er erinnerte sich gut an die scharf gezeichnete Öse am Bug, mit dem die winzigen Fahrzeuge aus dem Wasser gezogen werden konnten, auch vom Feind. Und er wußte, wie wenig widerstand die Plexiglaskuppel über der Kabine einer wütend geschwungenen englischen Eisenstange leistete. Das erzählte er nicht ganz so fröhlich.
Mit größtem Vergnügen und nicht ohne Stolz aber erzählte der Kapitän von einer Rede des Großadmirals und Nachfolgeführers Dönitz vor hohen Offizieren der Wehrmacht. Der Admiral führte aus, der Krieg sei ein Seekrieg, auf dem Atlantik werde er entschieden. Die Offiziere, denen noch Dreck und Blut aus Rußland an den Stiefeln klebte, reagierten mit hilfloser Wut und dem Kapitän trat wieder das begeisterte Funkeln in die Augen. So muß er auch gegrinst haben, als ihn eine Dänin bei einem freidlichen NATO-Abendessen fragte, ob er nicht fürchterlich Angst vor den dänischen Widerstandskämpfern gehabt hätte. Die haben wohl niemandem besonders viel Angst eingejagt, einmal hörte weit hinter sich eine Handgranate wirkungslos in den Büschen explodieren. Die Angreifer waren entweder unfähig oder unwillig gewesen, einen deutschen Besatzer zu töten. Wie er sich diplomatisch aus dieser Konversation rettete, führte er jedoch nicht weiter aus. Lebhaft schilderte er uns dagegen, wie er sich aus Dänemark gerettet hatte. Da war er am Ende stationiert gewesen. Schließlich bekam er den Befehl einen Zug über die Landstraßen zurück ins Reichsgebiet, in die Gefangenschaft zu führen. Da begegneten ihnen Soldaten. Er wußte nicht, von was für einer Armee, wahrscheinlich Dänen. Er wußte nur, die anderen hatten Waffen, seine Leute aber nicht mehr. Nur einen Lastwagen mit der Lafette einer Vierlingsflak, ehemaliges Kleinkaliber ohne Rohre. In die Halterungen ließ er vier Besenstiele stecken, der Lastwagen fuhr vor und drehte den Geschützturm bedrohlich. Das ist eine beliebte Drohgebärde in Zeiten mechanisierter Kriegsführung. Die Panzerfahrer machen das bis heute gern, nur etwas modifiziert. Der Geschützturm bleibt stabil, das Rohr auf das potentielle Ziel gerichtet, dafür dreht sich das tonnenschwere Fahrgestell darunter spektakulär um sich selbst. Heute wie damals, es funktioniert. Der Kapitän zu Lande konnte unbehelligt weiterziehen, in ein neues Leben in einem neuen Staat mit neuen Bündnispartnern.

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3 Gedanken zu “Der Kapitän

    1. Sie sind unter uns, sie sind nett und ehrenwert und jeder hat sie gern zum Freund. Nur die, welche schon eigenhändig getötet haben, können manchmal etwas nerven, wegen ihres Vegetarismus, dem penetranten Einsatz für Frieden und dem leicht wahnsinnigen Blick des traumatisierten Kindes.

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