Gefangen auf der Straße

Das grelle LED-Licht der Laternen hob den sowieso schon kräftigen Regen nochmals hervor, der, wie ein Künstler im Bühnenlicht, seine Vorstellung präsentierte. Vom Wind angetrieben, trafen die dicken Regentropfen auf die wartenden Menschen und peitschten krachend gegen die Wände und auf das Dach des Haltestellenhäuschens. So laut, dass ich die Musik in meinen Ohren kaum noch hören konnte. Die Reifen des herannahenden Busses drängten das Wasser, welches bereits einige Zentimeter hoch auf der Straße stand, zu den Seiten. Kleine Wellen bildeten sich, die den Bordstein überspülten und die Schuhe der Menschen verschluckten, die sich in Erwartung der besten Sitzplätze an die Stellen quetschten, an denen sie die Türen des Busses erwarteten.

Wie immer, hielt ich mich aus dem Gedränge raus. Sitzplätze sind, sobald eine Belegung von etwa 50% in die Nähe rückt, eine höchst unangenehme Angelegenheit und stets mit dem großen Risiko verbunden, den winzigen Raum zwischen Fenster und Gang mit einem anderen Menschen teilen zu müssen. Zwar trifft dies auch auf Stehplätze zu, allerdings bieten diese bessere Fluchtmöglichkeiten, die sich deutlich von der Nutzung des Nothammers und dem beherzten Sprung auf die Straße abheben. Auf Sitzplätzen fühle ich mich gefangen und sehe in dem Bus nur noch einen Gefangenentransport auf den Straßen zwischen Alltag und Träumen. Umgeben von Glas, Gittern und Menschen mit autoreifengroßen Kopfhören auf den Ohren, die meine Bitte, den Weg in die Freiheit zu räumen, erst nach Anwendung dezenter physischer Gewalt wahrnehmen.

Die beschlagenen Fenster und die dicken Wassertropfen, die an den Scheiben herunterliefen, ließen bereits erahnen, dass dieser Bus weniger an ein Nahverkehrsmittel, sondern viel mehr an einen Tiertransport erinnern sollte. Der Anblick der Menschen, die beim Öffnen der Türen beinahe aus dem Bus herausgeschleudert wurden, weil Überdruck eben entweicht, sobald sich eine Möglichkeit dazu bietet, bestätigte den ersten Eindruck. Dies sollte die wartenden Menschen jedoch nicht davon abhalten, sich ebenfalls in diesen Bus hineinzuquetschen. Tetris 4.0 – Menschen als lebendige Klötze, die sich ohne einen winzigen Freiraum zuzulassen, aneinander drängen und ineinander verkeilen. Die geschlossenen Reihen lösen sich allerdings nicht auf und schaffen somit keinen Platz für den Nachschub. Dieses Spiel kann man also nur verlieren.

Sowas spiele ich nicht mit. Mir werden sowieso gelegentlich klaustrophobische Eigenschaften unterstellt – daher nutzte ich diese Gelegenheit, blieb an der Haltestelle stehen und beobachtete den Bus, der sich auf der Straße in einen schrumpfenden Punkt verwandelte und hinter der nächsten Kurve verschwand. Nun stand ich allein an der Haltestelle, lauschte der Mischung aus einem George Kollias – Drumsolo und dem Trommeln des Regens, als lieferten sich beide einen Wettkampf auf Augenhöhe. Nur noch etwa 90 Sekunden, dann sollte die Ankunft einer weiteren U-Bahn die Einsamkeit wieder beenden. Irgendwo auf der Straße war bereits der nächste Bus unterwegs zur Haltestelle. Mit großer Wahrscheinlichkeit ebenso „gut gefüllt“, wie der vorherige. Wie heißt es doch so schön: Ideales Wetter, um den Öffentlichen Nahverkehr zu nutzen.

Oder das ideale Wetter, um die Stecker aus dem Ohr zu nehmen, sie gemeinsam mit dem Smartphone in der trockenen Innentasche meiner Jacke zu verstauen, die Kapuze über den Kopf zu ziehen und nach Hause zu laufen. Vier Kilometer sind schließlich eine lächerlich kurze Strecke und wer glaubt, dass eher blauer Himmel und Sonnenschein dazu einladen, diese zu Fuß zurückzulegen, der irrt. Ich bin schließlich nicht verrückt und laufe 4000 Meter an einer glühend heißen Straße entlang, während ich der gnadenlosen Folter der Sonne ausgesetzt bin.

Auf der Straße war einiges los. Offenbar hatte neben mir niemand die Idee, den umweltfreundlichsten Heimweg anzutreten. Lediglich ein paar Hundehalter waren unterwegs, deren Blicken ich die Frage entnahm, wieso sich bei diesem Wetter jemand ohne seinen „besten Freund“ hinaus wagt. Zurück zur Straße, auf der sich immer mehr Wasser sammelte, weil die Kanalisation inzwischen ihren Dienst verweigerte. Sicherlich sind es nicht die angenehmsten Bedingungen gewesen. Ein wenig mehr Sicherheit hätte ich von wasserfesten, norddeutschen Autofaher’innen jedoch erwartet. Stattdessen überholte ich zu Fuß den überfüllten Bus, der auf der wasserbedeckten Straße herumstand und kaum voran kam. Einen herzlichen Glückwunsch an die Fahrgäste, deren Aufenthalt in dieser feucht-warmen Konserve auf unbestimmte Zeit verlängert wurde.

Nachdem ich den ersten Kilometer der Strecke zurückgelegt hatte, nahm ich die Kapuze wieder ab. Zu sehr nervte das aufdringliche Hämmern des Regens, das sich mit den Geräuschen der Straße verband und durch die Kapuze verstärkt zu einem nervigen Rauschen wurde. Ich mag Kapuzen nicht. Sie schränken die Sicht ein und erschaffen eine grauenhafte Geräuschkulisse. Nasse Haare sind das geringere Übel. Und sie waren sehr schnell nass. Aber was soll’s, so konnte ich den chaotischen Geschehnissen auf der Straße konzentriert folgen und nahm die auf der Rechtsabbiegerspur am Stau vorbei heizenden Fahrzeuge rechtzeitig wahr, um den Wellen ausweichen zu können. Lediglich eine Begleiterscheinung wasserfester Jacken ließ geringfügige Verärgerung aufkommen. Da solche Jacken das Wasser nicht aufsaugen, wie ein Schwamm, folgt dieses der Schwerkraft und tropft schließlich auf die Hose, vorzugsweise auf den Bereich ein paar Zentimeter über den Knien. Angesichts der Entscheidung für einen Spaziergang im Hamburger Monsunregen war zwar absehbar, dass die nicht wasserfesten Kleidungsstücke an die Grenze ihrer Aufnahmekapazität gebracht werden, dennoch sorgten die besonders nassen Flecken an den Oberschenkeln für eine besonders eng anliegende Jeans, die den beim Laufen unvermeidbaren Bewegungen der Beine ein ganz besonderes „Gefühl“ verlieh.

Ich richtete meinen Blick wieder auf die Straße, drehte mich um und sah den Bus, der sich mühselig durch den Verkehr kämpfte und weiterhin kaum voran kam. Da saßen sie. Gefangen in einem Bus. Gefangen auf der Straße, so wie all die anderen in ihren Autos. Gefangen im Alltag, in den gewohnten Abläufen. Eingefercht wie Tiere in einem Mastbetrieb. Plötzlich nervte die nasse und klebrige Jeans nicht mehr. Ganz im Gegenteil. Es fühlte sich gut an. Die durchnässten Haare, das Wasser, das an meinem Gesicht herunterlief. Es bedeutete Freiheit. Ich war der Maschinerie entkommen, war nicht mehr bloß einer unter vielen, sondern einfach nur ich selbst. Ich spürte keinen Frust über die im Stau verlorene Zeit und konnte mich aus dem festen Griff des Alltags lösen. Vielleicht nur für einen Moment. Aber für einen wertvollen Moment.

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