Der Táin und andere Rindviehchereien

way-to-peace

Ich habe beschlossen, den Táin zu lesen. Wen? Den Táin Bó Cuailnge natürlich, zu Deutsch den Rinderraub von Cooley. Auf Englisch und ohne ein Wort Irisch zu können. Irisch oder Gälisch ist meines Erachtens eine der seltsamsten Sprachen Europas. Immerhin hat mir eine Gälischlehrerin mal gesagt, Táin spricht man wie Toon aus, ein o wie in ‚Horn‘. Das paßt ja dann zu den Rindviehchern. Wie kommt man dazu? Zum ersten Mal davon erzählt hat mir mein Kumpel Seán. Da ist auch wieder das a mit dem Strich obendrauf, daß wie ein Deutsches ooa gesprochen wird. Seán heißt wirklich Seán, aber er wird mir sicherlich zustimmen, daß ich ihn als Iren hinreichend anonymisiert habe, wenn ich ihn hier einfach Seán nenne. Jedenfalls verbindet uns der ähnliche Geschmack für merkwürdige Literatur, gerne mit Gewaltdarstellungen. Irgendwo hörte ich mal den Namen des Helden Cúchulainn, ich meine mich zu erinnern, er wird wie „Kucholin“ mit geräuspertem ch wie in Kuchen ausgesprochen. Auf Nachfrage jedenfalls gab mir Seán die bisher schlüssigste und einleuchtendste Zusammenfassung der altirischen Sage vom Rinderraub, die ging so:

Die Männer von Ulster besaßen den großartigsten Bullen der Welt. Den hätten die Männer von Connacht auch gerne gehabt. Also beschlossen die Connachter, sich zusammenzurotten und den Bullen von Ulster rauben zu gehen. Das wäre ihnen auch beinahe gelungen, denn als sie auf die Männer von Ulster trafen, lagen die alle in den Wehen. Richtig, das mit dem Kinderkriegen. Natürlich war auch im alten Irland das Kinderkriegen ausschließlich Frauen vorbehalten. Aber der König von Ulster hatte sich mal bei einem Verunglückten Dummejungenstreich einen bösen Fluch eingefangen. Aus Spaß nämlich hatte er eine schwangere Frau gezwungen, an einem anstrengenden Wettlauf teilzunehmen. Dabei verlor die Frau ihr Kind und verfluchte den König. In der Stunde größter Not werden er und alle seine Männer in den Wehen liegen, damit die mal sehen, wie das so ist. Und die allergrößte Not für ein Keltenvolk ist offensichtlich genau dann gekommen, wenn sie ihren Lieblingsbullen verlieren. Zum Glück kam da Cúchulainn, der Held und hat alle bösen Männer von Connacht im Alleingang übel verdroschen. Und wenn er nicht gestorben wäre, würd er noch heute Leute verdreschen.

Ich hab schon mal gespickt. In meiner Version kommt kein ungeborenes zu Schaden. Es gibt sogar Zwillinge. Aber der Fluch gilt trotzdem. Cúchulainn nun begegnete mir später wieder in dem Buch „What it’s like to go to war“ von Karl Marlantes. Dieses lesenswerte Selbstzeugnis hat mir wiederum Seán empfohlen. Keine Weltliteratur, mitunter etwas pathetisch, aber immer unterhaltsam geschrieben und mit höchst bedenkenswerter Botschaft. Marlantes verarbeitet da seine Erfahrung als Soldat einer Spezialeinheit in Vietnam. Es liest sich ein wenig so, als würde man sich an einer Bar mit einem charismatischen Mann unterhalten, der bei sämtlichen Kriegsfilmen, von Full Metal Jacket über Platoon und Apocalypse Now bis hin zum ersten Rambo persönlich dabei war. Das willkürliche Abschlachten einer Herde Wildelefanten verursacht mehr Beklemmungen als die Anekdote mit den abgeschnittenen Ohren der Feinde. Marlantes strotzt vor Selbstbewußtsein und bereut nichts. Aber trotzdem wir er zu keinem Zeitpunkt gewaltverherrlichend. Sein Thema ist das Kriegstrauma, das der oft minderjährigen Soldaten, aber auch das der Zivilgesellschaft, welche die Soldaten aussendet und anschließend nicht mehr aufnehmen kann und will. Auch die Tabus spricht er an, erzählt davon, was für Spaß das Soldatsein machen kann. Denn es gibt, neben den verletzten, die nicht mehr im Frieden leben können, auch die ‚Warjunkies‘, die keine Zivilisten mehr sein wollen, weil ihnen das permanente Adrenalin fehlt. Die schwierige Beziehung zwischen Krieger und friedlicher Gesellschaft sieht Marlantes nun im Cúchulainn-Mythos gut abgebildet: Nach der Schlacht lenkt der Held seinen Streitwagen wieder vor die Tore seiner Burg. Aber er darf nicht hinein, denn immer noch vom Kampfrausch erhitzt würde er alle Menschen dort wahllos abschlachten. Sie schicken ihm nackte Mädchen entgegen, in jugendlicher Unerfahrenheit blickt der Held verschämt zu Boden. So abgelenkt können ihn die Männer schnell von hinten packen und in ein bereitgestelltes Fass mit kaltem Wasser werfen. Das erste Fass zerspringt in einer Explosion, das zweite bringt der Held zum Kochen und erst nach dem dritten Kühlbad darf er wieder unter die Menschen. Marlantes sieht darin ein Wiedereingliederungsritual, das modernen, demokratischen Gesellschaften fehlt.

Daß Demokratien nicht ganz so gut im Kriegführen sind wußte schon Thukydides vor mehr als 2000 Jahren zu berichten. Aber in seiner politischen Schrift gibt es nicht so viel Sex. Der scheint dafür bei den alten Iren eine umso größere Rolle zu spielen. Nur ein Grund, mich mal an das Taschenbüchlein mit der Übersetzung eines Herrn Thomas Kinsella zu wagen, daß seit einem Irlandurlaub in meinem Regal schlummert. Der Text ist sehr dicht und merkwürdig. Wenn ich versuche, mir Notizen zu machen, weiß ich nicht, was ich weglassen soll und es wird eine Art Übersetzung daraus. So habe ich mir die ersten paar Seiten zusammengereimt:

Wie Conchobor gezeugt wurde und wie er König von Ulster wurde
Nes, die Tochter von Eochaid Salbuide Gelbferse, König von Ulster, saß mit ihren Hofdamen vor ihrem Haus in Emain. Da kam der Druide Cathbad. Sie fragte ihn nach einer Prophezeiung. Der Druide Cathbad antwortete, in genau dieser Stunde ist es günstig, ein Kind zu zeugen. Denn dieses Kind wird mit Sicherheit ein berühmter König werden. Da grade kein anderer Mann in der Nähe war, nahm Nes sogleich den Druiden Cathbad mit in ihr Bett.
Sie wurde schwanger und trug das Kind drei Jahre und drei Monate. Zum Fest des Othar wurde das Kind geboren.
Das Kind Conchobor wuchs bei seinem Vater, dem Druiden Cathbad auf und galt als dessen Sohn. Mit sieben Jahren sollte ihm eine große Würde zufallen, denn er wurde König von Ulster. Das passierte so:
Fergus mac Roich, der derzeitige König von Ulster, wollte Nes heiraten. Die aber stellte eine Bedingung. Fergus sollte ihrem Sohn Conchobor für ein Jahr die Königswürde überlassen. Nicht etwa um der Macht willen, sondern nur damit Conchobors Söhne einmal sagen können, sie seien die Söhne eines Königs. Die Berater des Fergus rieten ihm, auf diesen Handel einzugehen.
In dem Jahr von Conchobors Regentschaft aber schmiedete Nes einen Plan und verbündete sich mit Conchobor, seinen Zieheltern und der Gefolgschaft. Zusammen stahlen sie der einen Hälfte der Bevölkerung ihr Eigentum und gaben alles der anderen Hälfte. Auch ihr persönliches Gold gab Nes den Kriegern von Ulster.
Nach dem Jahr wollte Fergus mac Roich seine Herrschaft zurückhaben. Aber bei den Leuten von Ulster war sein Ansehen gesunken. Die Krieger fühlten sich beleidigt, daß er sie verhandelt hatte wie eine Ware. Die Leute sagten, was Fergus verkauft hat, soll verkauft bleiben und was Conchobor kaufte, soll gekauft bleiben. So verlor Fergus die Herrschaft und Conchobor, Cathbads Sohn, wurde Hochkönig von Ulster.
Conchobor wurde der angesehenste König von Ulster. Die Leute verehrten in so sehr, daß ihm jeder Mann, der heiratete, freiwillig seine Braut in der ersten Nacht überließ, damit er sagen konnte, seine Familie sei mit Conchobor verwandt. Es gab keinen weiseren Mann als Conchobor, denn er urteilte niemals vorschnell. Er war der stärkste Krieger in seinem Reich. Aber er kam nicht zum Kämpfen. Denn solange er noch keinen Erben gezeugt hatte, eilten in jedem Kampf alle Helden und Veteranen herbei, drängten sich um ihn und schützten ihn so vor jeder Gefahr. Jeder Mann, der Conchobor als Gast beherbergte, legte ihm selbstverständlich die eigene Frau zur Nacht ins Bett.

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9 Gedanken zu “Der Táin und andere Rindviehchereien

  1. Machte Spaß zu lesen. Das mit den schwangeren Kriegern gefiel mir am besten. Bei dem Ritual zur Rückgliederung in die Zivilgesellschaft kamen mir zwei Assoziationen: eine sehr aktuelle, nämlich das Blutbad, das ein junger Irak-Veteran in Florida anrichtete – , und eine antike, nämlich die Odyssee. Odysseus muss zehn Jahre herumirren, um sich allmählich wieder an das Weibliche gewöhnen (Zirze, Kalypso, Nausikaa), bevor er heim zu Penelope darf. Allerdings ist er immer noch voll überschüssiger Wildheit (er hängt zB die Dienstmädchen wie Hühner an der Leine auf) und muss deshalb noch mal auf Reisen gehen, bis er in Gegenden kommt, „wo die Leute das Ruder für einen Dreschflegel halten“, m.a.W., wo sich das wilde wüste Poseidon-Element in ihm beruhigt hat. LG

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