Von Wagenrennen und Geburtsschmerzen

streitwagen

Solange wir noch über Fremdartigkeiten schreiben dürfen, fahre ich einfach mal mit dem altirischen Sagen aus dem Ulster-Zyklus fort. Allein schon, um meine Lesemotivation zu Erhalten. Außerdem ist es für den geschichtenausdenkenden Geist relativ unanstrengend, eine alte Sage nachzuerzählen. Und ich tue das mit dem guten Gefühl, anderen Schreib- und Leseinteressierten damit sogar einen nützlichen Gefallen zu erweisen. Denn die uralten Geschichten sind eigentlich immer bekömmliches und nahrhaftes Futter für die Phantasie.
Wir befinden uns immer noch in den Vorerzählungen zum eigentlichen Rinderraub. In der ersten Folge lernten wir Conchobor kennen. Aus gut informierter Quelle erfuhr ich inzwischen, daß man ihn auch Conn nennen darf, ohne daß er einem gleich den Kopf abschlägt. Er ist nämlich eine Sagengestalt und tot, da sind wir außer Gefahr. Wir erfuhren, wie Conn durch Vetternwirtschaft, Korruption und Stimmenkauf Hochkönig von Ulster und begehrtester Junggeselle seines Reiches wird. Ich hoffe, ich verfehle nicht das Wochenthema, denn so fremdartig kommt mir die altirische Politik grade nicht vor. Aber weiter im Táin:
In der Übersetzung von Thomas Kinsella wird nun die besondere Attraktivität von König Conn näher ausgeführt. Wesentlich sind ein bescheidenes 150-Zimmer-Anwesen mit getrenntem Lager für abgeschlagene Köpfe und einer Waffenkammer, wo mindestens 20 namentlich bekannte, prominente Schwerter lagern. Für eine keltische Hausfrau waren solche Hobbyräume scheinbar eine große Erleichterung, dann liegen die ganzen Schädel und Schwerter nämlich nicht immer im Wohnbereich herum.  Im rot gestrichenen Thronsaal allerdings saßen Tag und Nacht mindestens 30 Helden herum und tranken aus dem Faß mit Namen Ol nguala, das vormals einem gewissen Gerg gehört hatte. Gerg selbst machte sich derweil als Einrichtungsgegenstand des Schädelhauses nützlich. Ich vermute, er hatte König Conn verärgert, weil er dessen Namen falsch ausgesprochen  hatte.

Es folgt die Erzählung von der großen Schwäche der Männer von Ulster, nämlich den ominösen Geburtswehen für Männer.
Einsam in den Bergen lebte der reiche Großbauer Crunniuc mag Agnomain. Eines Tages kam eine schöne Frau daher und zog bei ihm ein. Soweit nichts ungewöhnliches für einen reichen Witwer. Er hätte sich vielleicht wundern sollen, daß sie nicht nur bereitwillig mit ihm schlief, sondern sich höchst verantwortungsbewußt um seinen Besitz kümmerte. Anstatt alles auszugeben, mehrte sie seinen Wohlstand und hielt sein Haus in Ordnung. Falls Crunniuc überhaupt etwas gedacht hat, dann wohl, daß es besser sei, den Mund zu halten, so lange alles gut läuft. Das hätte er auch weiterhin tun sollen. Aber dann hat er sich fatalerweise verplappert. Es gab nämlich einen großen Jahrmarkt, wo alle Leute von Ulster hingingen. Auch Crunnuic machte sich auf, die Frau blieb zu Hause, aber sagte ihm noch extra, daß er ja keinen Blödsinn erzählen solle.
Crunniuc geht zum Fest und hat Spaß. Die großen Jungs führen ihre schnellen Streitwagen vor, der König hat natürlich den besten Wagen mit den schnellsten Pferden und gewinnt jedes Rennen. Alle sind begeistert, nur Crunniuc stellt sich hin und verkündet: Meine Frau würde zu Fuß noch schneller rennen! Das ist ne Ansage, der König läßt ihn sofort festnehmen und die Frau soll geholt werden, das zu beweisen. Für die Frau, hochschwanger, ist schon der Weg zum Fest eine Zumutung. Aber was tut man nicht alles, damit der Mann nicht wegen seiner eigenen Dummheit auf einem Schädelregal landet. Vor dem König gibt es den nächsten Skandal. Der will erst mal, daß die Frau ihren bisher geheim gehaltenen Namen verrät. Erfahrene Märchenleser und Rumpelstilzchenexperten ahnen da schon böses. Die Frau, oder Fee, sagt ihren Namen, nämlich Macha. Und weist noch einmal darauf hin, daß ein Rennen ihrem derzeitigen Zustand in keiner Weise zuträglich ist. Es wäre höchst unanständig, sie dazu zu zwingen und wird üble Folgen für alle Beteiligten zeitigen. Dem König und dem Publikum ist das egal, auf irischen Volksfesten muß es einfach viele Pferderennen geben. Punkt aus und das Rennen Startet. Macha gewinnt und kommt noch auf dem Feld nieder. Die Geburt wird unglaublich schmerzhaft, denn sie kriegt auch noch Zwillinge. Die Kinder überleben, Macha stirbt. Und alle Leute, die ihre Schreie gehört haben und deren Nachkommen, neun Generationen lang, werden im Moment ihrer größten Not in den Wehen liegen, und zwar fünf Tage und vier Nächte lang. Ausgenommen Frauen, Kinder und der Held Cuchulainn. Der Festort heißt seit diesem Tag Emain Macha, die Zwillinge der Macha, Hauptstadt und Königssitz von Ulster.

In der nächsten Folge erfahren wir, wie der Druide Cathbad, anerkannter Experte für Fortpflanzungsmedizin, eine höchst unangenehme Pränataldiagnostik erstellen muß. Vielleicht paßt ja das nächste Wochenthema irgendwie ansonsten werde ich die Geschichte der schönen Deirdre auf dem geheimen Tagebuch schreiben.

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