Fremdartig

Was aber ist fremdartig?

Ich erinnere mich, als ich das erste Mal das Matthäuspassion von Bach gehört hatte- Nichts war mir länger im Sinn geblieben als das י אֵלִ֣י אֵ֭לִי לָמָ֣ה עֲזַבְתָּ֑נִ ’eli, ’eli, lama ‘asawtani aus dem 22. Psalm (Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?) oder auf griechisch nach Matthäus : ηλι ηλι λαμα σαβαχθανι eli eli lama sabachthani [bzw. eigentlich אֵלִי אֵלִי לְמָה שְׁבַקְתָּנִי ’eli, ’eli, lema schewaktani (hebr.) oder ܐܹܝܠ ܐܹܝܠ ܠܡܵܢܵܐ ܫܒܲܩܬܵܢܝ ’il, ’il, lmana schwaktan (aram.)] das Jesus am Kreuz gesprochen haben soll und das einzige hebräische im ganzen Werk. Das war für mich der Inbegriff von fremd: Nicht nur anders, sondern völlig unverständlich, unbegreifbar- einer ganz anderen Art des Denken, des Lebens zugehörig.

So ähnlich muss es wechselseitig auch gewesen sein, als der grandiose Pianist Glenn Gould im Herzen der damaligen UdSSR ankam: https://www.youtube.com/watch?v=e9KnOcG51LM Es ist auch bezeichnend für die Art des Umgangs mit Fremdartigkeit: Letzten Endes zeigt Fremdartigkeit doch nur, wie fremd wir uns selbst eigentlich sind und wie wenig unsere Wünsche nach einem einfachem Verständnis der Welt realisierbar ist. Nun gibt es zwei Möglichkeiten darauf zu reagieren: Die Welt offen anzunehmen, sich seiner Schwäche bewusst sein und sich auf ein Wagnis einlassen, das zwar vielleicht schief gehen kann, aber einem auch so beeindrucken kann, dass drei Generationen später davon noch die Rede ist. Ach, was rede ich von drei! Gould, der sich auf Bach eingelassen hat:

Glenn Gould talks about J. S. Bach: https://www.youtube.com/watch?v=crQ8YEUkUjg

Eine Allianz der Fremdartigen, der Außenseiter: Der zu Lebzeiten außerhalb seiner Zeit lebende Bach ist wohl gar nicht so weit von seinem Bewunderer Gould entfernt gewesen, der doch ihm in dieser Hinsicht auf bemerkenswerte Weise nachfolgen.

Was war noch mal die zweite Möglichkeit? Das fremdartige zu verbieten oder zu zerstören. Leider ist es oft, und es zeigt sich auch in der heutigen Zeit, einfacher fremdartige- die einfach ohne dubio pro reo und als pars pro toto als “Feinde“ deklariert werden zu zerstören als die Feindbilder dahinter. Dabei zeugen die Feindbilder doch nur vom Selbsthass; oder, kurz und griffig, wie es nur der Volksmund zu formulieren mag: Getroffene Hunde bellen. Und wenn so ein Chruschtschow sich auf das Fremdartige nicht einlassen kann, dann ist das seine Angst vorm Zusammenbram uch des Realsozialismus (den Ochs in seinem Lauf…)*, nicht der vor deren Abgründen die sich offenbart in dieser Fremd- Art: der Kunst, die er nicht erfassen und begreifen kann.

* kann nun ersetzt werden durch “gelenkte Demokratie“

Angst und Hass vor dem Fremdartigen ist weder politisch extrem rechts noch links- es ist einfach engstirnig. Fremdartigem zu Begegnen ist der wohl einzige Art, seiner eigenen Fremdartigkeit bewusst zu werden, birgt aber auch Risiken. Manche verkraften das Ausmaß ihrer Anders-Heit schlicht nicht. Insofern ist der Hass und das Unverständnis über das Fremde auch immer auf die eine oder andere Weise ein Selbstschutz: Keiner will so enden wie Trakl.

Ein weiterer Fremder, bloß ein weiterer Fremder. Sich selbst fremd zu sein, ist wohl eine der grauenhaftesten Vorstellungen überhaupt: “Γνῶθι σεαυτόν“ (Erkenne dich selbst) stand am Apollotempel in Delphi, wer sich selbst nicht “erkannte“, seine Stellung in der Welt, zu den Göttern, zu der Philosophie, worauf sollte er aufbauen?

Unsere Zeit ist auf Erden begrenzt: Für uns wird alles fremd bleiben (Mathematikersprech: Bekanntes geht gg. 0 im Vgl. zu Gesamtheit des Wissens, Erfahrung, Wahrnehmung; ergo: vernachlässigbar). Lasst uns noch ein bisschen von dieser Fremdartigkeit mitnehmen, zelebrieren!

Abschlussbemerkung:

Eine Sache ist mir am allermeisten Fremd
Es ist nicht die Frage, wieso man Lil’Wayne kennt
Nicht die Frage: Warum ist Dummheit unbegrenzt?
Fremd-artig ist mir nur eines: Der Mensch.

 

 

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3 Gedanken zu “Fremdartig

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