Irgendwo entlang des Weges

Die ist nicht von unserem Planeten.“

Hämisches Lachen.

Lass die, die ist immer so komisch. Komm jetzt!

Ich kann euch hören, wisst ihr – denkt sie und senkt beschämt den Kopf. Menschen sprechen manchmal über sie statt mit ihr, obwohl sie im Raum ist. Es ist nie etwas Gutes, was sie dann sagen.

Sie bekommt das alles mit. Natürlich, aber sie wehrt sich nicht. Sie schweigt nur. Ihr ist es sogar peinlich, anwesend zu sein, wenn böse über sie geredet wird, aber einfach weggehen geht nicht. Also bleibt sie wie angewurzelt sitzen oder stehen, schweigt. Jedes Wort hinterlässt Narben in ihr und doch ist ihr, als wäre sie selbst die, die sich unhöflich verhält. Man belauscht andere nicht, insbesondere wenn sie das sagen, was man gewöhnlich nur hinter dem Rücken der Leute redet.

Seltsam sei sie, anders, würde nicht dazu passen.

Meistens taugt sie aber sowieso nicht als Gesprächsthema. Viel zu uninteressant, viel zu häßlich, viel zu unmodisch. Für ihre Häßlichkeit kann sie nichts, damit wurde sie geboren. Ihr Gesicht, ihre Figur entsprechen nicht dem, was andere als hübsch und sympathisch empfinden.

Als sie ins Teenageralter kam, betrachtete sie sich stundenlang im Spiegel. Sie sah, dass sie nicht so attraktiv war wie die anderen Mädchen ihrer Klasse. Das hässliche Entlein, während alle anderen schon Schwäne waren. Aber es ließ sich nicht ändern. So viele Grimassen sie auch schnitt, Frisuren sie probierte, es wurde nicht besser, nur immer noch fremdartiger. Erst, wenn sie die Gesichtszüge wieder entspannte, sah ihr ein vertrauter Mensch entgegen.

Das Gesicht, die Visitenkarte mit der wir unter die Menschen treten, ob wir wollen oder nicht. Eine Fassade.

Erst spät hatte sie angefangen, über sich und ihr Erscheinungsbild nachzudenken. Als Kind war sie einfach sie selbst und beim Spielen sehr oft alleine. Sie war glücklich damit.

Dafür, dass sie keinen Sinn für Mode hatte, daran war sie wohl selbst schuld. Ist man schuld daran, wofür man sich interessiert?

Selbst mit den neuesten Klamotten schaute sie niemand an.

Einmal, nach den Sommerferien, hatte sie es ausprobiert. Sie kam von Kopf bis Fuß neu eingekleidet und mit einem zarten Hoffnungsschimmer ganz tief drinnen in die Schule. Ihr Sonderlingstatus, ihr Mauerblümchendasein würde nun vorbei sein.

In jeder Pause wartete sie. Sie rührte sich gar nicht weg von ihrem Platz vor Aufregung. Niemand sprach sie an. Niemand sah sie an. Niemand bemerkte überhaupt ihre Anwesenheit. Sie blieb sogar noch sitzen als alle längst heim gegangen waren. Am nächsten Tag trug sie wieder ihre alten Sachen und ihr Herz hatte einen Sprung mehr.

Und dann war da noch ihre Stimme. Irgendetwas mit ihrer Stimme stimmte nicht. Wenn sie etwas sagte, hörte es niemand. Es war, als gäbe es eine Wand zwischen ihr und ihren Klassenkameraden. Sie war nicht nur unsichtbar, sie war auch nicht hörbar für andere Menschen.

Ende der Grundschule hatte sie eine Schulfreundin, oder zumindest meinte sie, eine zu haben – getroffen in der Freizeit haben sie sich nie. Sie war auch nicht auf die Geburtstagsfeiern des Mädchens eingeladen, aber sie saßen nebeneinander und manchmal redete die andere mit ihr. Dafür sagte sie ihr die Antworten auf die Fragen der Lehrer und ihre Freundin rief sie dann laut hinaus und alle konnten ihre Gedanken hören. Und es fühlte sich gut an, gehört zu werden. Ende des Semesers bekam die Freundin gute Noten für ihren Fleiß und nach den Sommerferien war sie nicht mehr da. Sie hatte auf eine andere weiterführende Schule gewechselt.

Als sie auf die Welt kam, teilten ihre Eltern der halben Welt mit, dass sie da war. Zufrieden verschlief sie die ganze Aufregung, die Glückwünsche, die Freude. Der Rest der Welt wusste nichts vor ihr.

Jetzt, wo sie groß war, hatte auch die erste Hälfte auf sie, die Seltsame, die mit dem fremdartigen Benehmen vergessen.

 

 

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