Die Bildhauerin

Eigentlich wollte ich nur ein paar Schritte gehen, einfach in den nächsten Busch pinkeln. Aber um halb drei Uhr morgens war es taghell. Auf dem Fluß mit dem rostroten Wasser, das ein wenig nach Blut schmeckte, lagen ein paar Boote mit Anglern. Ich fühlte mich ertappt und beobachtet in der unwirklichen Mitternachtssonne. Also ging ich doch den weiten Weg zu den Toilettenanlagen des Campingplatzes und dann wieder ins Zelt zu ihr.

Die Bildhauerin hatte mich gefragt, ob wir nicht zusammen nach Finnland fahren wollen. Ich hatte nichts besseres zu tun, also sagte ich zu. Da saßen wir also in Rovaniemi am Polarkreis und die Mitternachtssonne schien. Der Weihnachtsmann wohnt da. Ich glaube, den Rest des Jahres, wenn kein Weihnachten ist, säuft er. Nie sah ich diszipliniertere Trinker als in Finnland. Die lebensrettenden Meter zwischen Geldautomat und staatlichem Schnapsladen legten sie nicht etwa torkelnd zurück. Nein, sie humpelten, als hätte man ihnen ins Knie geschossen, aber hielten ihre Oberkörper dabei aufrecht und steif, wie preußische Gardisten. Wir derweil erwarteten jeder vom anderen irgendeine Form der Entscheidung. Dafür haben wir uns eigentlich ganz gut vertragen. Immerhin fast drei Wochen lang. Obwohl wir uns gegenseitig nervten mit unserer Ungeduld auf das Leben.

Ich glaubte, die Bildhauerin sammelte Jungs wie niedliche Stofftiere. Oder eben ein Stück Rohmaterial, das zur Skulptur geformt werden soll. Sie hatte mir ein Buch über das Enneagramm geliehen. Es bereitete ihr diebische Freude, Menschen nach diesem Muster einzuordnen. Ich hatte den Teil mit den Anleitungen nur überflogen und fast ausschließlich die theoretischen Kapitel gelesen. Mich faszinierte, daß es eben nicht feste Charaktereigenschaften der Menschen beschreibt, sondern ihr Verhalten zueinander in Gruppen, das sich in neuen Konstellationen auch immer wieder neu anordnet.

Die öffentlichen Gebäude in Finnland schienen im selben Jahr aus einem Guss erbaut. So wie die wilhelminische roten Klinker in Berlin. Nur daß es sich in Finnland um häßlichen Waschbeton des 20. Jahrhunderts handelte, der Angst vor den Russen ausschwitzte. Sie sagte, ich hätte eine erstaunlich Fähigkeit, Dinge im Zusammenhang zu Betrachten. Das war nicht als Kompliment gemeint.

Ihre Begeisterung für Finnland hatte sich wohl an irgendeiner finnischen Zufallsbekanntschaft entzündet. Hätte ich mich nur ein wenig geschmeidiger verhalten, hätte sie mich wohl gern auf einen bequemen Platz in ihrer Stofftiervitrine eingeordnet. Immerhin, so erfuhr ich später, war sie zum Zeitpunkt unserer Reise schon auf irgendeine Art und Weise fest mit dem späteren Vater ihres Kindes zusammen. Das hielt nicht lange. Ich habe sie Jahre später mal besucht, die Tochter vier oder fünf Jahre alt. Sie war sehr unzufrieden mit der Situation, alleinerziehend, immer noch von den Eltern abhängig, mit Mühe ihren Beruf meisternd. Ich schwieg und beneidete sie um das Kind. Ich glaube, es ist am gesündesten, wenn man Kinder bis spätestens Mitte zwanzig bekommt.

Einer der Mitbewohner hatte die Bildhauerin und eine Freundin nach einem Musikfestival am Bahnhof aufgelesen. Irgendwie hatten sie wohl ihren Zug verpaßt oder wollten noch nicht nach Hause. Wir schauten uns in die Augen bis die Realität verschwamm. In den Wolken sah ich um ihre grauen Augen ein Wolfsgesicht. Sie küsste mich gerne. Nein, sie ließ sich gerne küssen. Aber sie wollte dabei nicht den Mund öffnen. Wir dachten wohl beide, das könnte irgendwann noch kommen.

Einmal besuchte ich sie bei ihren Eltern. Die waren es durchaus gewohnt, daß ihre Tochter ihnen ihre Freunde vorstellte. Aber schon bei der Begrüßung irritierten wir uns mit völlig gegensätzlichen Selbstverständlichkeiten. Die Eltern fragten mich freundlich, ob ich gut hergefunden hätte. Ich antwortete, ihr Wohnort sei mir bestens bekannt aus den Staumeldungen im Radio. Sie schauten mich verständnislos an. Für meinen Vater als überangepaßten Ausländer ist das Auto ein Sakralgegenstand und ein umfahrener Stau das letzte große Abenteuer in einer durchgeplanten Welt, der Verkehrsfunk wird geehrt wie ein Orakel. Die Eltern der Bildhauerin betrieben Carsharing, bevor das so hieß.

In Finnland sah ich zum ersten Mal Urwald, völlig unberührte Natur. Die ist absolut fürchterlich eroberungswürdig. Niemand will da hin. Hier bei uns in Deutschland ist die Gegend nur deshalb so schön, weil sie hauptsächlich eben keine Natur ist, sondern über Jahrhunderte entwickelte Kulturlandschaft. Ja, klar, es ist langweilig immer nur ebene, bestellte Felder zu sehen. Das Auge freut sich wenn ein Baumbestand mit frei wucherndem Unterholz auftaucht. Die Fahrt durch nördlichen Urwald aber ist deprimierend. Man freut sich, ein gerodetes Stück Land, vielleicht drei Fußballfelder groß, zu sehen.

Der Vater der Bildhauerin ist Musiklehrer. Ich verstand mich gut mit ihm. Für mich ist menschliches Miteinander wie das Zusammenspiel in einem Ensemble. Man hört aufeinander, versucht einen angenehmen Gesamtklang zu erstellen und läßt sich genügend Raum. Irgendwie konnten wir ganz gut miteinander. Aber ich folgte ihm nicht in seine Abgründe. Er wuße, daß ich gern kiffe und zeigte mir voller Stolz die Pflanzen des Nachbarn. Dann erinnerte er an die Psychose seines Sohnes, wir haben da ja nicht so gute Erfahrungen mit gemacht, sagte er traurig.

Auch mit seiner Kirchenkritik konnte ich nichts anfangen. Klar habe ich die evangelische Kirche als tödlich langweilig erlebt. Aber wir gingen nicht oft hin und gegen Langeweile besitze ich gesunde Resilienz. Die alleinseligmachende habe ich als folkloristische Skurrilität wahrgenommen. Die immerhin ihre Gastmusiker ordentlich bezahlt. Aber dem Vater der Bildhauerin schien die katholische Kirche irgendwie das Herz gebrochen zu haben.

Ist es für das Kind eines progressiven Musikers also die höchste Form des Protests, eine bildende Kunst zu lernen, mit der man nur überleben kann, wenn man für die großen Amtskirchen Skulpturen herstellt? Die Bildhauerin legte manchmal eine gewisse, geradezu protestantische Sittenstrenge an den Tag. Wir stießen uns etwas an nüchterner Diskussionsfreudigkeit. Sicher, so manche gute Ehe beruht darauf, daß man sich tags herzhaft streitet und nachts wieder versöhnt. Aber für mich sind Diskussionen Spaß und Spiegelfechterei. Auch halte ich es für sinnlos, ernste Dinge ohne ein gutes Essen und ein paar Bier zu besprechen. Beim Thema Essen kam noch ihr Vegetarismus ins Spiel. Als ob sie sich freute über Regeln, an die sie sich halten konnte. Ich interessiere mich sehr für Essen, aber mir ist es ein reines Vergnügen.

Selbstverständlich kam ich mit, wenn sie den einzigen vegetarischen Imbiß von Helsinki findet. Von einem Araber betrieben. In der Hauptstadt konnte er gut davon leben. Sehr viele Schwule würden bei ihm essen. Und immer mehr Finnen, die sich eine Fleischallergie angefressen hatten. Danach ging ich selbstverständlich noch eine Hackfleischpirogge beim Bäcker kaufen, der einzig bezahlbare herzhafte Snack in Finnland. Sie sagte nichts, was gegen ihr Toleranzverdikt verstoßen hätte. Aber ich glaube, sie hätte mich gerne bekehrt.

Sie wohnten in einem liebevoll ausgebauten Bauernhaus. Über drei Etagen konnte jedes Familienmitglied sich in eine gemütliche Hobbithöhle zurückziehen. Meine Eltern ließen ihr Haus von einem Architekten bauen. Hell, hoch, irgendwie freundlich, es fügt sich mühsam in das Bergische Dorf, obwohl, oder grade weil der Architekt genau das beabsichtigte. Sie wissen bis heute nicht, welcher Lichtschalter welche Deckenstrahler bedient. Sie benutzen Stehlampen.

Einmal, als sie mich besuchte, gingen wir am Fluß spazieren. Sie fand ein merkwürdiges Stück Holz im Treibgut. Wie ein Schiffsteil, vielleicht 30 Zentimeter hoch, geformt wie eine Tür, in der Mitte ein runde Öffnung mit einem Messingstutzen. Wenn es Scharniere hätte, es könnte die Tür zu einem Zwergenhort sein. Wir trugen es abwechselnd wieder zu mir nach Hause. Ich glaube, es widersetzt sich noch heute im Gartenteich meiner Eltern dem Verrotten.

Von Rovaniemi machten wir eine Nachtwanderung gradewegs in den Wald hinein. Da wohnen keine Tiere mehr, außer den Mücken. Die Rentiere flüchten im Sommer alle in die Baumlose Tundra, weil da leichter Wind die lästigen Insekten ablenkt. Ich habe vier verschiedene Mückenarten identifizieren können. Bei jedem 20. Stich gab es eine allergische Reaktion in Form einer ellenlangen Beule. Wir gerieten auch in einen Sumpf und wateten munter durch hüfttiefes Wasser. Immer der Straße nach, die auf der Karte dort eingezeichnet war. Bei genauem Hinsehen stellten wir fest, die gestrichelte Linie bezeichnete eine Piste für Schneemobile. Im Winter sieht es dort bestimmt ganz anders aus.

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2 Gedanken zu “Die Bildhauerin

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