Nachbarn

haus

In der Nachbarwohnung schimpft der Mann, ich höre ihn brüllen. Die Türklingel läutete mehrmals, dann hat es laut geknallt, wohl eine sehr herzhaft zugeschlagene Tür. Dann brüllte er. Ich brauchte eine Weile, um das zu realisieren. Erst schaute ich aus den Fenstern. Aber draußen war keiner, im Flur auch nicht. Ich weiß nicht, was bei den Nachbarn vorgeht. Sie sind Polen und sprechen kaum Deutsch. Zudem ist unser Verhältnis nicht das beste. Sie haben sich schon ein paar mal beschwert, wenn ich Instrumente übe. Mein Zimmer liegt neben ihrem Schlafzimmer, die Wände sind dünn. Ein älteres Ehepaar, ich schätze sie sind über fünfzig. Aber bei blonden Menschen kann ich das Alter immer schwer einschätzen. Der Mann ist Maler und Lackierer. Die Frau hat ständig ein verkniffenes Gesicht. Wenn sie mir auf der Straße begegnet, schaut sie mich nicht an. Manchmal glaube ich, sie ist krank. Oder sie hat Kummer. Vielleicht ist ihr Kind gestorben. Als wir einzogen, haben wir ab und zu ein junges Mädchen dort gesehen. Sie spielte Gitarre. Irgendwann kam sie nicht mehr. Als wir unser Baby den Nachbarn vorstellten, sagte sie „Ich hatte auch mal ein Kind.“ Da kann auch ein Mißverständnis gewesen sein, wegen der Sprache. Es findet kaum Kommunikation zwischen uns statt. Manchmal, Nachmittags, wenn ich Geige übe, brüllt die Frau von ihrem Balkon „RRRuhe!“ In der Regel ignoriere ich sie. Manchmal brüllt sie auch, wenn ich nicht übe. Es wohnen auch andere Musiker im Haus. Ob die dann spielen, kann ich nicht genau sagen. Vielleicht sind die Nachbarn auch einfach übermüdet. Im Sommer sitzen sie bis Mitternacht auf ihrem Balkon und unterhalten sich lebhaft. Ich weiß nicht, was mit ihnen ist.

Heute erlaube ich mir ausnahmsweise, gegen die Exklusivitätsregeln des Mitmachblogs zu verstoßen. Denn dieser Text ist schon eine Weile öffentlich, aber weitgehend unbeachtet geblieben in der Notizensammlung des zugemüllten Schreibtisches. Deshalb kein Reblog sondern nur dieser Link. Aber etwas passenderes zum Wochenthema wäre mir nie gelungen, denn mit den anderen Nachbarn vertragen wir uns ganz gut. Da kriege ich nichts interessantes zu geschrieben, mit Nachbarschaftlichen Beziehungen ist es nämlich ganz ähnlich wie mit den glücklichen Menschen, die gleichförmig glücklich sind und den unglücklichen, die jeder ein einzigartiges und deshalb hochinteressantes Schicksal erleiden. 

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