Wo – zum Teufel – ist Yügöwämiß-Q9*?

Miri. Miri Mies ist mein Name. Der Brüller, ich weiß. Miese Scherze werden gerne darüber gemacht. Manchmal fühle ich mich mies. Oder auf Krawall gebürstet, so wie heute. Morgens mies, abends mieser. Haha. Das Schicksal spart mich nicht aus. Mist, es klingelt. Um die Uhrzeit klingeln eigentlich nur Zeitungsverkäufer oder sämtliche, ortsansässige Sektenmitglieder.

„Gegrüßet aus dem fernen Tal der molekularen Stellare und Quasare seiet ihr, Lebewesen des bolufen Planeten Mytricäm“. Verwirrt und sprachlos schaue ich die mir gegenüberstehende Person mittlerer Größe mit kleinem Bauchumfang an. Die mandelförmigen Augen strahlen mich in einem unnatürlichen Neongrün an. Ich kann keine einzelne Pupille ausmachen, sondern sehe drei nebeneinander liegende dunkle Punkte dort, wo die Pupille sein müsste. „Ich kaufe nix“, rutscht es mir als erstes raus. „Sinnlos mich von einem grünen Kobold oder einem Pralinenabo zu überzeugen. Sie wissen doch sicher, dass Haustürgeschäfte verboten sind.“

Ein kritischer Blick trifft mich. „Meine Königlichkeit ist ihrer Sprache nur unzulänglich mächtig, aber ich bemühe mich ihrem geschickten Satzgefüge zu folgen. Kobolde sind vor siebzig Jahren ausgestorben und grün waren derer nur im Fabelkontestkatalog. Nachzulesen in der Schrift der Grimmixs vom Jahre 27 nach der schlammmioten Firmamentsphärenexplosion. Pralinenabo kenne ich noch nicht, aber es klingt nach Feierabend. Somit werde ich es im Agendenkosmoskop notieren. Derweil ich sinniere über das Gewalle, möge ich euch meine Aufwartschaft und Ehre entbieten und auf ein orgiastisches Willkommensbankett im Bettstattheim laden. Man entsandte mich aus den Breiten des Universums, um Kontaktschaltungen zu den Einwohnern des imposanten, culloten Planeten aufzugrillen. Darf ich mich vorstellen? Königmann Sigurjos Lapyszulati vom Planeten Yügöwämiß-Q9*.“ Sprachs und knickste nieder.

Also echt. Ich komme mir total verarscht vor. Was will der Wicht? Ich hatte ja schon einige, seltsame Gestalten an meiner Tür stehen, aber die waren eindeutig besoffen, bekifft oder man sah die Drückerkolonne am Straßenende stehen. Dieser Sigbumms oder wie auch immer der heißt ist anders. Meine Gedanken spielen pingpong. Tür zuknallen oder versuchen, dem Wirrwarr gesprochener Worte einen Sinn zu entnehmen? Ich entscheide mich für letzteres. Irgendwas hat das Kerlchen. „Hallo Sigla oder wie dein Name sei. Wo auch immer du herkommst. Kann ich das mal ins Deutsche übersetzen, was ich meine verstanden zu haben und du sagst mir, ob ich das richtig interpretiert habe?“, frage ich ihn. „Du willst mich einladen. Zum Umtrunk. Nach…nach…ja also, da bin ich mir nicht so sicher wohin. Kannst du das nochmal sagen?“, fordere ich Sigla auf.

„In meiner Welt würde man sich dem Gegenüber mit der linken Hüfte nähern, aneinander schwingen und namentlich bekannt machen, aber ich füge mich dem Reglement derer von Mytricäm. Mit Tempus werde ich euch hoffentlich den Namen entlocken, damit ich den Höhenstand ermitteln kann. Eine Einladung sollte es sein. Wie nennt ihr das, wo ihr, wie sie jetzt soeben, das Haupte weilen lasset? Scheinbar nicht Bettstattheim, dawohl das Ding zum Niederlassen für Dunkelzeiten doch wohl Bett heißt, oder sind meine Agendeneintragungen falsch? Entschuldigt, es war lange kein Legat von unsereins mehr hier, um die Notizbilder zu aktualisieren.“

Mir wird klar, dass Sigla seine Wohnung meint. „Ja, supi. Ich heiße Miri. Und das da“, ich weise auf meine Katze, die gerade um die Ecke schleicht, „ist Kurkuma, meine Katze. Bist du hier rechts ins Haus Nr. 13 gezogen oder wo steigt die Fete? Und wann? Und was soll ich mitbringen?“, löchere ich. Siglas Gerede entnehme ich, dass die Party noch heute Abend steigen wird. Ich verspreche einen Nachtisch beizusteuern. Sigla ist nebenan in die Wohnung von Hennes eingezogen. Hennes, der bunte Hund. Ich mochte ihn, weil er immer lustige Ideen hatte und so schön unangepasst war. Aber wie das in so einer Kleinstadt ist, fällt man einfach nur „unangenehm“ auf, wenn man nicht ins Schema passt, aber Blumentöpfe oder Messersets sind damit nicht zu gewinnen. Sein Vermieter Herr Huber, der bayerische Sturkopf, kündigte Hennes mit der fadenscheinigen Begründung, den Hausfrieden gestört zu haben. Hennes hatte die Faxen dicke und zog vor zwei Wochen nach Frankfurt, wo er sich in eine anti-vegane dafür fleischliebende WG einmietete. Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört.

Aber warum sucht sich der Huber dann als Nachfolger wieder einen so komischen Vogel aus? Nennt man wohl Konfrontationstherapie Marke Eigentherapie oder so. Ich bewege mich in die Küche und öffne meine Schubladen, den Kühlschrank und die Vorratsboxen und suche nach Zutaten für das Dessert. Ich entscheide mich für die unangebrochene Packung Knoppers, Sahne, Mascarpone, Vanille, Gehackte Mandeln und aus dem Eisfach noch die Himbeeren. Daraus lässt sich was machen. Brauche nur noch einen Namen für die Kreation. Himbeertraum ist zu abgelutscht. Na, ich fange erst mal an und wenn es fertig ist, wird mir schon was einfallen. Die Knoppers zerbrösele ich, bedeckte den Boden der Glasform und rühre mir Kakao an. Die Dinger müssen weicher werden. Also ertränke ich sie mit dem Kakao. Dann Sahne steif schlagen, Mascarpone, Vanillemark, Zitronensaft und eine Prise Kurkuma dazu.

Nicht was ihr jetzt denkt. Ich schlachte doch nicht meine Katze! Banausen! Diesmal meine ich natürlich das gelbe Gewürz. Das macht so ’ne schöne Farbe. Die Himbeeren müssen auftauen. Das wird eine Weile dauern. Gut, dann mixe ich noch schnell ein Getränk zusammen. Vielleicht hat Sigla ja nur Wasser da. Ich habe gar nicht gefragt, ob der Veganer oder so ist. Bin aufgeregt, welche Nachbarn noch kommen. Der Huber garantiert mit seiner Schnäärrsch. Wie? Den Ausdruck Schnäärrsch kennt ihr nicht? Seid ihr auch vom Planeten Dings? Sein ange(t)rau(h)tes Eheweib. Das, des Hubers. Die Schnäärrsch. Tratschweib. Wenn was im Dorf passiert, weiß sie es, zehn Minuten bevor es passiert. Giftnudel. Ich kann die nicht leiden. Sie mich auch nicht, weil ich ihr nichts erzähle. Nur über meine Kleidung zerreißt sie sich immer das Maul. Meine Vorliebe für Hüte ist Gesprächsthema, vor allem wenn sie sich mit der ollen Fischerin aus Nummer 4 am Gartenzaun trifft.

Ich schweife ab. Hubers werden da sein. Hoffentlich kommen auch Steffi und Lars und Marion von oben drüber. Drüber über mir, meine ich. Dann habe ich wenigstens vernünftige Leute, mit denen ich mich unterhalten kann.

So, Weißwein, Limettensaft mit einem Schuss Whiskey mischen, brauner Zucker und Vanille dazu. Ein paar Eiswürfel in die Karaffe und fertig ist der Nelly Sling. Inzwischen sind die Himbeeren aufgetaut, die ich püriere, die Mandeln, Vanillezucker und ein bisschen Chili dazu. Alles über die Sahne-Mascarpone-Masse verteilen und ab in den Kühlschrank. Ach herrje, was ziehe ich denn an? Na, das überlege ich mir später.

18.30 Uhr. Mit meinen hellen Highheels stöckele ich durch Hubers Vorgarten. Auf der Klingel steht nur KSL. Der Name war ja auch ganz schön lang und kompliziert. Während mein Zeigefinger den Knopf drückt, versuche ich mir den Namen in Erinnerung zu rufen. Königirgendwas. Sigurd? Sigmund? Siglinde? Nee. Und wofür stand nochmal das L? Mir schwirrt dieser blaue Stein durch den Kopf. War es Lapislazuli? Ach wurscht, ich nenne ihn einfach weiter Sigla, den Rest kann ich mir eh nicht merken. Sigla öffnet mir die Türe und ein ehrliches Strahlen läuft über sein Gesicht. Er spricht: „Es freut mich, Miri vom Planeten Mytricäm, dass du Tempus für mich opferst und mir die Ehre deiner sphärischen Erscheinung erweisest. Tritt ein in mein Bettstattheim – oh, entschuldige, Wohnung nanntest du das vorhin. Ich lerne noch und weise dich darauf hin, mich darauf hinzuweisen, wenn ich mich spiralig auszudrücken pflege und das nicht eurem Termini entsprechen sollte.“ „Ja, schon gut Sigla. Ich verstehe nur die Hälfte, aber das kriegen wir auf Dauer bestimmt hin. Kann ich jetzt reinkommen oder muss ich noch die Hüfte mit dir dittschen?“, frage ich.

Im Wohnzimmer warten schon Steffi, Lars, Marion und Herr Huber. Seine Frau hatte sich mit Migräne entschuldigt. Die Wohnung ist seit Hennes‘ Auszug frisch gestrichen worden. Nun strahlten die Wände in einem zarten Karamellton statt der bunten Farben, die sie zuvor hatten. Außer einem abgefahrenen Sofa in Donutform weist nichts auf einen Außerirdischen hin. Eher auf bayerische Rustikalität, denn der Wandschrank in Eiche antik muss wohl von Hubers sein.

„Mytricämbewohner, ich freue mich, dass ich den weiten Weg vom Planeten Yügöwämiß-Q9* auf mich genommen habe, um Verschwisterungen zu schließen. Nach einer Weile, wenn wir uns kennengelernt haben, werde ich euch alle bitten, mich dort zu besuchen. So weit ist der Flug dorthin auch gar nicht. Maximal vier Auszeiten. Hinter der Milchstrasse biegt ihr nach dorsal ab und dann mit wenig Geschwindigkeit zwischen Quasar 16 10 und Stellar 05-P durch und dann winke ich euch ein. Die Abfahrt übersieht man leicht mal, aber ich werde ein Pulsarlicht anweisen, euch entgegen zu eilen.“, orakelte Sigla. „Und nun lasset die Orgie beginnen.“

Damit bin ich sofort einverstanden. Ein Prost auf unseren neuen Mitbewohner vom Planeten Dings. Ich glaube, wir werden noch viel Spaß mit ihm haben.

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6 Gedanken zu “Wo – zum Teufel – ist Yügöwämiß-Q9*?

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