Das Agendenkosmoskop – Sigla in Not (Teil 2)

„Miri Mies, ich habe ein ungalantes Causa.“ (?) Mein neuer Nachbar Sigla vom Planeten Dings – Yüksük oder so – steht ratlos vor meiner Haustür. Sigla nenne nur ich ihn. Naja und die Nachbarn. Sein richtiger Name ist lang und kompliziert. Königmann Sigfried Lapislazuli oder so ähnlich. Das muss ich echt noch üben, bis ich es drauf habe. Er behauptet, er käme von einem weit entfernten Planeten unterhalb der Milchstrasse und so langsam glaube ich ihm das auch. Obwohl das total abgefahren klingt. Oder habt ihr etwa einen außerirdischen Nachbarn?

Sei es drum. Scheinbar benötigt Sigla meine Hilfe. Leider drückt er sich oft so komisch aus. Alt und neu gemischt und manchmal auch Wörter, die ich noch nie bzw. noch nie in dem Zusammenhang gehört habe. Da muss ich meine Gehirnwindungen zu Höchstleistungen auffordern. „Komm doch rein. Was brennt dir auf der Seele?“, will ich von ihm wissen. „Nun ja, brennen tut nichts, Miri Mies. Offenes Feuer ist bei uns vor 93 Auszeiten verboten wurden. Es wurde durch die ionencrystallenen Nanolichtpartikelgläser ersetzt. Was ist Seele? Den Ausdruck kenne ich nicht. Oder doch! Ich erinnere mich, dass mal im Zusammenhang mit der Morgenspeise gehört zu haben. Meines Erinnerungsvermögens nach soll das hier auf Mytricäm in einem Kommunalbezirk  – ich glaube, man nennt es Schwaben – der Viktualienaufnahme dienen.“ „Hä?“, unterbreche ich ihn. Mir stehen die Fragezeichen auf die Stirn geschrieben, ganz bestimmt. Schade, dass ich nicht sofort in den Spiegel schauen kann. „Was? Viktualienaufnahme? Morgenspeise? Und überhaupt redest du immer von Mytricäm und ich zermatere mir seit gestern das Hirn, was du damit meinst“, sage ich und führe ihn in die Küche, wo er sich umständlich auf den Barhocker setzt.

Sigla erklärt mir, dass Mytricäm die Bezeichnung für unsere Erde ist. Der blaue Planet oder, wie er es gestern nannte, der bolufe Planet. Boluf=blau. Dann kommt er auf den Grund seines Besuches zu sprechen: „Mein Agendenkosmoskop benötigt Energie. Aber meine Konverter sind nicht interoperabel mit den hiesigen Systemen. Hast du eine Idee?“

Phantasie habe ich, aber mit der Technik ist das so eine Sache. Da bin ich nicht wirklich bewandert drin, zumal ich nicht mal weiß, was dieses Kosmoskop ist. Ein außerirdischer I-Pod, vermute ich mal. Ich hake nach und Sigla erklärt mir, dass das so ein multisuperduper Dings ist. Dictonary, Handy, Uhr, Laptop, E-Book-Reader, Chronikaufzeichnungsgerät und Gedankensammler zugleich. Hoffentlich sind die Teile nicht so teuer und gehen bald in Serie. Das will ich auch haben. Müssen wir bis dahin nur noch das Aufladeproblem lösen. Dabei sind die da auf dem Planeten Yügöwämiß augenscheinlich viel weiter mit ihren Erfindungen.

„Laß mal sehen“, fordere ich Sigla auf und greife mir das Kosmoskop. Das Gerät hat eine ovale Form, die an einem Ende in einem geschwungenen Dreieck ausläuft. Erinnert mich irgendwie an einen Fisch ohne Flossen. Das Display, ich nehme jedenfalls an das es sich um ein solches handelt, ist wabenförmig schwarz-silbern. Die Rückseite ist im gleichen Neongrün, wie Siglas Augenfarbe. Leicht ist das Gerät. Es hat maximal das Gewicht einer großen Vogelfeder. Ich frage mich, wie das geht. Die haben bestimmt andere Materialien da unten. Am „Bauch“ sehe ich ein kleines, rundes Loch. Das muss wohl für den Stecker sein mit dem man sonst das Ding auflädt. „Womit lädst du das zu Hause, Sigla? Gibts ein Kabel dafür?“ Sigla zieht eine Minikugel mit einem Dorn – so nenne ich das mal – aus der Hosentasche. Die Kugel hat ein pulsierendes, ebenfalls neongrünes Licht.

„Äh. Damit lädst du das Kosmoskop auf? Ist das sowas wie ein Akku?“, möchte ich erfahren. „Kein Akkumulator in eurem Sinne, Miri. Das sind die Kieselsteine unserer Stadtwege, damit wir immer Energie haben. Wenn das Licht ausgeht, legst du die Vervekugel einfach wieder hin und nimmst dir die nächste. Die lädt automatisch wieder auf. Ich habe nach Vervekugeln gesucht, bisher aber keine finden können. Noch ist ein Rest Energie da, aber der wird nur noch bis heute Abend oder morgen halten. Ich möchte doch alles von euch lernen, euch auditieren und das Archiv auf den neuesten Pegel bringen. Die Direktübertragung kostet viel mehr Energie, wie wir berechnet hatten.“, teilt mir Sigla mit.

Ich suche in meiner Kruschtbox nach den alten Handykabeln. Früher hatte ich doch mal ein Nokia – oder war es ein Alcatel? ich weiß es nicht mehr – das noch nicht die neuen Universalstecker hatte. Ich bin mir sicher, da gabs mal eins mit so einem schmalen, runden Stecker. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob die 230 Volt Spannung dem Gerät schaden wird. Wer ahnt schon, was die da für Spannungen haben. Endlich finde ich das Kabel, aber leider ist der Stecker trotzdem zu dick. Hm. Wir müssen wohl improvisieren. Ich überlege: Kenne ich einen Physiker, einen Elektriker oder einen Ingenieur, die besser mit der Materie vertraut sind? Oleg ist Elektriker. Leider ist der gerade auf Kreuzfahrt im indischen Ozean, irgendwo zwischen den Philippinen und Indonesien unterwegs. Janine ist Ingenieurin, allerdings wird die uns nicht helfen können, denn sie ist Dipl-Ing für Brauwesen. In der Sparte ist sie, muss ich zugeben, eine Koryphäe. Ihre Erfindung ist ein dunkles Dinkelbier, welches nicht nur eine malzige, sondern auch eine erdige Note hat. Einzigartig lecker. Ich bezweifele, dass ein Bierantrieb dem Agendenkosmoskop gut täte. Innovativ wäre es zweifellos.

Forsch ergreife ich Siglas Hand und ziehe ihn hinter mir her in den Keller. In der Werkzeugschublade wird sich was finden, meint ihr nicht? Gemeinsam werden wir das doch schaffen. Vielleicht nicht bis heute Abend oder morgen früh, aber im Laufe der Woche oder eines Monats oder so. In drei Wochen ist Oleg notfalls wieder da. So schnell bin ich nicht entmutigt. „Schaut her, ein Rollgabelschlüssel. Wofür hebt ihr Antiquitäten auf?“ Sigla reckt das Werkzeug in die Höhe. Er könnte glatt die Freiheitsstatue doublen. Hihi. „Hey, das ist nicht antik. Den Engländer brauche ich für mein Fahrrad. Außerdem kannst du ruhig weiter du zu mir sagen und musst nicht wieder in diese aufgeblähte Sprache abrutschen“, belle ich Sigla unfreundlicher an, als ich es meine. „Entschuldige. Ich übe noch. Unsere Chronik gab mir die Wortwahl vor, doch möglicherweise änderte sich die Tonität bei euch in den letzten Jahren grundlegend. Genau deshalb brauche ich Energie für mein Agendenkosmoskop, um es auf den neoterischen Verlauf zu bringen.“

Weia. Ganz schön anstrengend dessen Gerede zu folgen. Ich glaube, langsam kann ich mir zusammen reimen, was er mir sagt – und ehrlicherweise finde ich das auch ganz süß in dem veralteten und doch neumodischen Stil. Aber anstrengend ist es dennoch.  Oh man Miri, streng deinen Geist an. Woraus kann man einen Stromleiter basteln? Ich entdecke eine Feder aus einem nicht mehr vorhandenen Kugelschreiber. Der Draht hat die richtige Dicke bzw. eigentlich eher Dünne, für das schmale Loch. Aber ich kann die Feder nicht in die Steckdose schieben, sonst kriege ich einen Stromschlag. Der hätte mir gerade noch zu meinem Glück gefehlt. Kringellocken hab ich schon, mehr brauche ich nicht.

KLS – so Siglas Initialen – findet eine Rolle Blumenkreppband, das Grüne. Ihr wisst schon. Damit umwickelt man Blumendraht, damit Gerbera und andere Blüten besser halten und damit es nicht so auffällt. Zusammen tüfteln wir den ganzen Nachmittag. Dann haben wir es geschafft, die Feder mit dem alten Handykabel semiprofessionell zu verbinden. Zurück in der Küche wagen wir den Versuch. Daumen drücken, dass uns nicht gleich alle Sicherungen um die Ohren fliegen. Feder ins Agendenkosmoskop, Stecker in die Steckdose. Unwillkürlich ziehe ich den Kopf ein. Als ob das was nützen würde. Hurra. Das Gerät wechselt die Farbe auf neongelb (warum ist eigentlich alles neon?). „Miri Mies. Du bist gar nicht mies. Du bist ein brillantes Caput. Meine Erkenntlichkeit ist dir sicher.“

Ich fühle mich geschmeichelt und bin megastolz auf mich. Da sage noch jemand, ich hätte technisch nichts drauf. Ich lass mir das diplomieren. Jetzt fange ich schon genauso geschwollen zu reden an wie Sigla. Aber nur gedanklich. Ich glaube, meine Gehirnwindungen haben intern einen Zopf geflochten. Den muss ich erst mal entwirren. Ich verstehe mich selbst fast nimmer.

Bin mal gespannt, welche Abenteuer ich mit Sigla noch erleben werde. Ich habe das im Instinkt, dass das noch nicht das Ende der Fahnenstange war. Was sagt ihr dazu?

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4 Gedanken zu “Das Agendenkosmoskop – Sigla in Not (Teil 2)

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