Das Vorhaben

Liebe LeserInnen,

mein Nachbar vom Planeten Dings fühlt sich nicht genügend beachtet. Genauer, er findet, dass ich anlässlich des aktuellen Wochenthemas mehr als einen Beitrag auf dem MitMachBlog beisteuern könne.

Nachdem die von den Bauarbeitern unterbrochene Elektroenergieversorgung unseres Hauses wieder hergestellt worden war, klingelte es an meiner Wohnungstür.

„Ich hab das gelesen.“, sagt mein Nachbar, als ich die Tür öffne.

„Ich wünsche dir auch einen schönen, guten Abend.“, entgegne ich.

„Ich hab das gelesen.“, wiederholt mein Nachbar.

„Was?“ frage ich.

„Das was Du über den Stromausfall geschrieben hast.“

„Und?“

„Da gäbe es doch so viel mehr zu erzählen. Über mich, meine ich.“

„Kann schon sein.“

„Vielleicht mache ich auch einen Blog auf.“ Er sieht mich erwartungsvoll an.

Ich schweige.

„Du könntest mir mal ein paar Tipps geben. Wo hast Du zum Beispiel Deine Follower gekauft?“

„Bitte? Ich kaufe doch keine Follower. Ich schreibe Beiträge, like und kommentiere bei anderen Bloggern und ich annonciere meine neuen Beiträge bei Facebook und Twitter.“

„Und so kommst du auf über 500 Follower in weniger als 15 Monaten?“

Ich verdrehe meine Augen. „Was willst Du von mir?“

Mein Nachbar zieht ein Laptop hervor, das er bisher hinter seinem Rücken gehalten hat. Er klappt das Gerät auf und startet ein Programm.

„Hier“, sagt er und tippt auf den Bildschirm. „Das wird vielleicht mein Blog.“

„Worum wird es denn gehen?“, frage ich mäßig interessiert.

„Jedenfalls nichts mit Garten und Essen.“

„Na dann ist es ja gut.“

„Nicht das mir dazu nichts einfallen würde, aber ich glaube die Leser interessieren sich mehr für mich als Person.“

Mein Nachbar klickt auf ein Foto, auf dem er mit einer aufblasbaren Rakete zu sehen ist. Er hat sich inzwischen zu meinen Füßen hingehockt, den Laptop auf seinen Knien.

„Ist das nicht kalt, da unten?“, frage ich fröstelnd, ziehe meine Strickjacke fester um meine Schultern und verkleinere den Türspalt.

„Wir können ja zu mir rüber gehen.“, sagt er und nickt in Richtung seiner Wohnungstür, die sperrangelweit offen steht. „Ich habe gerade eine Kanne Tee gebrüht. Ingwertee trinkst du doch?“

„Ja. Na gut.“ Ich schlüpfe in meine extrawarmen Hausschlappen und wir gehen hinüber.

„Hier zum Beispiel“, beginnt mein Nachbar seine Ausführungen, „werde ich eine Seite mit Tipps für Blogger einrichtet.“

„Wäre es nicht sinnvoll, wenn du erstmal deinen Blog mit einem Impressum versiehst, bevor du anderen Ratschläge gibst?“

„Ja, das mache ich auch noch.“

Er deutet auf eine Schranktür mit zahlreichen Klebezetteln.

Ich lese.

Zwischen den Zetteln mit den Worten Struktur, Fotos, Alltag und Abenteuer hängt auch einer mit der Aufschrift: Impressum. Über allem prangt ein Din-A4-Blatt auf dem steht: IRONIE!

Aaah, denke ich, unverbindliche Distanz.

„Du musst am Ende jedes Beitrages, deine Leser unbedingt noch einmal auf die Verwendung von Ironie hinweisen.“

Mein Nachbar notiert sich: Hinweis Ironie.

„Vielleicht auch gleich noch einen Hinweis auf Selbstironie.“, ergänze ich. „Sonst denken deine Leser womöglich noch, du kommst von einem anderen Planeten.“

Ich zwinkere sicherheitshalber, aber mein Nachbar starrt auf seinen Bildschirm. Nach einer längeren Pause sagt er: „Ich könnte auch was zu Styling machen. Die Art, wie ich meine Haare wachsen lasse, gibt sicher den einen oder anderen Beitrag her.“

„Bestimmt.“ Ich nehme einen kräftigen Schluck Ingwertee.

„Oder ich schreibe darüber, wie wir hier gemeinsam Tee trinken? Das könnte doch auch einen Beitrag … oder schreibst du da was?“

„Abwarten.“, sage ich.

Mein Nachbar lässt seinen Blick durch sein Zimmer schweifen.

„Ich könnte mich auch als Psychologe ausgeben und auf der Grundlage meiner Lebenserfahrung Ratschläge geben. Oder als Psychologin.“ Er strahlt mich an. „Das ist es, ich gebe mich als Psychologin aus.“

„Ich glaube, so etwas gibt es schon.“, wende ich ein. „Würde es fürs erste nicht reichen, aus deinem Leben zu erzählen?“

Mein Nachbar springt auf und hebt eine Hantel auf. „Oder Fitness. Ich könnte was zu Fitness schreiben.“ Er macht ein paar Armbeugen mit der Hantel. Dann fällt sein Blick auf seine Computerspiele. „Das wäre auch was. Hier zum Beispiel“, er hält ein Cover hoch, welches ich nicht kenne, „da gibt es sogar Bücher dazu.“

Ich trinke aus.

„So!“, sage ich, „Ich muss dann mal wieder.“

„Aber wenn ich Fragen habe, dann kann ich doch?“ Mein Nachbar geleitet mich zur Tür.

„Natürlich!“, sage ich und bin erleichtert, als seine Tür hinter mir ins Schloss fällt.

Ob es wohl bald einen Blogger vom Planeten Dings geben wird?

Wir dürfen gespannt sein.

Geheimnisvolle Grüße vom Schreibtisch

PS: Die Tasse auf dem Titelbild stammt von der Keramikerin Ulrike Böhm.

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9 Gedanken zu “Das Vorhaben

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