Hallo! Hallo?

Vor vielen Jahren ereilte mich der Ruf der Großstadt. Pflichtbewusst und abenteuerlustig folgte ich der Stimme. Und Stimmen waren es auch, die ich sodann in meiner ersten eigenen Wohnung hörte. Nein, nicht solche, die zur völlig irrigen Meinung über mich führen könnten („Die spinnt, ich hab’s ja immer gewußt!„), sondern gedämpfte, undeutliche, die besonders frühmorgens oder nachts durch die Wände drangen, wenn kein Fernseher oder CD-Player lief (Pre-Streaming-Zeiten, genau).

So wusste ich auch, dass die Nachbarin von der Stiege daneben trotz ihres nicht mehr ganz taufrischen Alters noch immer ziemlichen Spaß am Leben hatte, sie und ihr oder ihre abendlichen Besucher. Unsere Betten standen direkt nebeneinander, nur durch eine Ziegelmauer getrennt. Wenn die gute Dame hustete oder nieste, hätte ich ihr höflichkeitshalber ein „Gesundheit!“ hinüber rufen können, tat ich aber nicht, da ich mir noch nicht einmal sicher war, ob ich die Frau auf der Straße wiedererkannt hätte. Und Fremden muss man nichts wünschen. Ihr Liebesleben kannte ich, ihr Gesicht eher nicht.

Die Klavierspielerin aus dem dritten Stock ersparte mir an so manchem frühen Abend die Qual der Wahl, selbst Musik aussuchen zu müssen. Im Sommer setzte ich mich mit einem Buch auf den Balkon und hatte dazu noch klassische Audio-Untermalung. Und wenn ich der Pianistin vom Einkaufen kommend über den Weg lief, grüßten wir uns freundlich und sie versuchte mich in den Kleinkrieg gegen eine Nachbarpartei hineinzuziehen. Genauso wie ihr Widerpart, das Ehepaar direkt über mir, das sich durch das Klavierspiel gestört fühlte und sich deshalb eine Pendeluhr zulegte, um im wahrsten Sinne des Wortes zum Gegenschlag auszuholen: Jede Viertelstunde zwei bis sechzehn Gongs – bei Tag und bei Nacht. Subtile Kriegsführung unter guten Nachbarn.

Und dann war da jener Sonntag, an dem es mitten am Nachmittag plötzlich an meiner Türe klingelte. Die Post konnte es am Wochenende nicht sein und ich hatte auch niemanden ins Haus kommen gehört. Aufgeschreckt vom schrillen Klingelton, den der frühere Bewohner meiner Wohnung wohl um Geld zu sparen ausgewählt hatte (billigste Variante Türglocke, Marke „Mark und Bein erschütternd“) und den ich, um Geld zu sparen, beibehalten hatte (den Ton, nicht den Vorbewohner), ging ich etwas zittrig und angespannt, da ich niemanden erwartete, an die Türe. Davor stand meine schräg gegenüber wohnende Nachbarin, ihres Zeichen eine Frau mittleren Alters, in der gleichen Branche tätig wie ich. Sie pflegte mich zu duzen, seit ich mich ihr bei meinem Einzug kurz vorgestellt hatte und überhaupt hatte sie diese überfreundlich kollegiale Art, obwohl man sich nicht wirklich kannte, die mich eher abschreckt als anzieht.

Die Waschmaschine ist zu laut. Ich kann meine Zeitung nicht in Ruhe lesen!

Verdutzt stand ich da und hörte jetzt ebenfalls auf das Rumpeln und Schrummen der laufenden Waschmaschine aus meinem Badezimmer. Natürlich war mir aufgefallen, dass das Haus sehr hellhörig war. Selbst bei geschlossener Wohnungstür konnte ich die Gespräche im Stiegenhaus mitverfolgen. Aber dass andere auch an meinem Leben akustisch Teil nahmen, war mir noch nicht wirklich in den Sinn gekommen. Ich war doch leise, freundlich, unauffällig – die perfekte Nachbarin. So meine Annahme.

Ähm …

Was sollte ich antworten?

Das tut mir leid“ kam mir spontan über die Lippen, obwohl ich gerade dachte „Erstens heißt es erst einmal ‚Hallo!‘  Und zweitens habe ich auch gerne meine Ruhe. Also bitte, drücke unter gar keinen Umständen auf meine Türklingel!“ Das sagte ich aber vorsichtshalber nicht. Gute Nachbarschaft ist ein sanftes Ruhekissen. Da gibt es die bösen Worte nur hinterrücks oder per Anwalt über die Hausverwaltung.

Vielleicht musst du eine Matte unterlegen oder einen Teppich, damit es nicht so laut ist

Öhm …

Sie machte Anstalten, sich in meine Wohnung zu drängen, um das Corpus Delicti persönlich in Augenschein zu nehmen. Ich gab der Badezimmertür mit dem Fuß einen Schubs, woraufhin das Geräusch leiser wurde, und nickte zustimmend.

Ja, mal sehen. Danke für den Hinweis

Rumms, die Wohnungstür war wieder zu.

Genervt ging ich ins Schlafzimmer, schloß im Vorbeigehen die Badezimmertüre ganz, um dem Schleudergang der Waschmaschine zu besänftigen, und öffnete das Fenster.

Außen war es tatsächlich schön ruhig. Ein paar Vögel zwitscherten, in der Entfernung hörte man gelegentlich Motorradfahrer Gas geben, um noch schwungvoller den Hügel herauf zu brausen. Während ich so am Fenster lehnte, versuchte ich die Tatsache zu  verarbeiten, dass ich soeben die wunderbare Anonymität einer Großstadtbewohnerin verloren hatte. Stattdessen war ich also eine mit Argusaugen und Luchsohren überwachte Mitbewohnerin einer kaum schallisolierten Wohnhausanlage.

Napoleon! … Krieg! … Mussolini …“  so tönte es mitten in die Stille. Eine aufgebrachte Stimme schimpfte laut beim Fenster hinaus. Einem Gewebe aus wirren Drohungen und wortreicher Wut auf alles und jeden wurden die Namen großer, schrecklicher Feldherren aufgestickt und natürlich mit einem nahenden Ende für die ganze Welt sinnbefreit verwoben. 2017 würde wohl ein Einsatzkommando gerufen – sicherheitshalber. Damals, um die Jahrtausendwende, schloss ich einfach wieder das Fenster und hoffte, dass der Verrückte, der ein paar Türen weiter wohnte, nicht auf die Idee kam, sich an der Gasleitung zu schaffen zu machen, um seine Untergangsszenarien anzuheizen.

Manche Nachbarn schienen tatsächlich nicht von dieser Welt.

Es war Zeit, wieder einmal nach Hause zu telefonieren.

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3 Gedanken zu “Hallo! Hallo?

  1. „Einem Gewebe aus wirren Drohungen und wortreicher Wut auf alles und jeden wurden die Namen großer, schrecklicher Feldherren aufgestickt und natürlich mit einem nahenden Ende für die ganze Welt sinnbefreit verwoben.“

    Das ist pure Poesie! 🙂

    Gefällt 4 Personen

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