Frau Hölle-Bau hat mir gerade noch gefehlt (Teil 5)

Während ich gerade meine Zeitschrift „Die schicke Mitte“ lese und durchblättere fällt mir auf, dass sich Sigla heute noch gar nicht gemeldet hat. Nachdem er gestern mit Phil-Luc-Camus in der Garage verschwunden ist, herrscht Funkstille. Wir kennen uns erst vier Tage und schon habe ich mich so sehr an ihn gewöhnt, dass ich ihn glatt vermisse. Etwas anderes vermisse ich allerdings gar nicht und das ist das personifizierte Grauen in Person meiner Vermieterin Frau Hölle-Bau, deren schrille Stimme ich sogar durch die geschlossenen Fenster vernehmen kann.

„Die wird mir den Schaden bezahlen! Mein florales Designerbeet ist zerstört. Komm, Wernfried. Du musst der mal den Kopf zurecht rücken“, schreit sie ihren Herrn Gatten (oder heißt es Begatter?) an. Ich ahne bereits, was da auf mich zukommt. Apropos florales Designerbeet. Sowas gab es hier seit meinem Einzug vor 11 Jahren nicht. Anfangs konnte man wenigstens noch Rasen erahnen, inzwischen ist das nur noch ein Feldforschungsgebiet für Bryophytologen.

Die Klingel schrillt und gleichzeitig versucht die Hölle-Bau meine Haustür zu Kleinholz zu verarbeiten. Vermutlich gelingt ihr das sogar, wenn ich schnell genug bin, denn auch die Türe hat schon bessere Zeiten gesehen. „Herzlich Willkommen. Wie schön sie mal wiederzusehen“, heuchle ich. „Treten sie doch ein.“ Mit einem gekonnten Schupser werde ich zur Seite geschoben und Familie Hölle stürmt in mein Wohnzimmer. Sie, also die Frau Hölle, schaut sich um und zieht die Nase kraus, als sie meinen Bücherstapel auf dem Tisch entdeckt. „Mein Mann hat ihnen etwas mitzuteilen“, sagt sie und rammt dem armen Pantoffelheld den linken Ellenbogen in die Rippen. Wenn sie wenigstens das Rückgrat hätte, selbst rumzumosern, aber da schickt sie lieber ihn – Herrn Hölle – vor. Er sinkt peinlich berührt in sich zusammen, räuspert sich und sagt dann mit zittriger Stimme: “ Liebe Frau Mies. Wir waren gerade auf der Durchreise und dachten, wir schauen mal wieder nach dem Rechten. Schön haben sie es hier. Ich hoffe, sie fühlen sich weiterhin wohl hier oder haben sie ein Anliegen?“

Frau Hölle-Bau läuft langsam rot-livide an. Ihr Blutdruck ist bestimmt schon über die 180 drüber und der Puls bei mindestens 120. Das sehe ich an den Adern, die sich durch den speckigen Hals pressen und kurz vor dem Bersten sind. „Wernfried! Komm auf den Punkt!“ Wernfried fügt sich in sein Schicksal. „Der Vorgarten, Frau Mies. Sie haben den umgestaltet und meine Frau wollte sagen, dass es schön gewesen wäre, wenn sie das mit uns abgesprochen hätten. Sieht spannend aus, was ist das für eine Skulptur?“, interessiert ihn. Ich glaube, ich suche Deckung. Lange halten die Venen dem Druck nicht mehr Stand. „Sie haben unseren Garten zerstört. Sie werden für den entstandenen Schaden aufkommen und eine Fachfirma wird sich darum kümmern, den alten Zustand wieder herzustellen. Betrachten sie dies als Abmahnung. Bei einem nochmaligen Verstoß gegen die Hausordnung droht die Kündigung“, blökt die Hölle-Bau mich an.

Die Fachfirma, die es schafft, DEN Zustand mit dem Moos wieder herzustellen will ich sehen. Die machen sich doch nicht freiwillig das Geschäft kaputt. Die Situation ist so absurd. Ich muss mir den Lachanfall verkneifen. Sie, die Furie in Menschengestalt und er, das Weichei. Wobei mir Herr Weichei lieber ist. Was den bei ihr hält, frage ich mich.

Mit ernstem Gesichtsausdruck und vollkommenem Unschuldsbewußtsein rede ich mich um Kopf und Kragen (ich werde Sigla jedenfalls nicht der Hölle freigeben): „Geehrte Frau Hölle-Bau, lieber Herr Hölle. Ich bin selber entsetzt über das Ausmaß der Zerstörung und wollte sie noch heute davon unterrichten. Gestern morgen war hier noch alles in bester Ordnung. Als ich am Nachmittag aus der Türe trat, um die Wege zu fegen und die Treppen zu putzen, damit ich meiner wöchentlichen Kehrwochenpflicht nachkomme und dabei war meine Intention gleich noch die gelben Tonnen rauszustellen, da heute die Müllabfuhr kommt bzw. heute morgen kam und die graue Tonne wollte ich auch mal wieder mit dem Gartenschlauch säubern, damit bei zunehmender Wärmeentwicklung sich keine Maden entwickeln, da traf ich Herrn Maier von gegenüber. Sie wissen, der Herr Maier mit A I nicht der mit E Y, der lässt sich zum Glück nicht mehr blicken, seit die Polizei ihn wegen Ruhestörung in Gewahrsam genommen hatte. Herr Maier, der mit A I, ging gerade mit seinem Hund Taxi spazieren. Finden sie den Namen nicht auch sehr lustig? Ich habe mich anfangs gewundert, warum in unserer ruhigen Nebenstrasse so häufig nach einem Taxi gerufen wird, zumal Taxen selten freiwillig vorbei fahren. Die kommen eigentlich nur, wenn man sie vorher bestellt. Wissen sie, als ich im Dezember in den Urlaub fliegen wollte, da rief ich in der Taxizentrale an, um ein Gefährt zu ordern, aber da sagte man mir, dass ich das mindestens 24 Stunden vorher machen muss, weil sie nur noch auf Vorbestellung vorbei kommen, sonst verdienen sie ihr Geld besser am Busbahnhof. Da steigt immer jemand ein. Jedenfalls schaffte ich es noch rechtzeitig zum Flieger, weil meine Freundin Gerlinde bereit war mich zu fahren, obwohl sie sich nach der Nachtschicht gerade erst hingelegt hatte. Man kann sowas ja nicht ahnen. Niemals hätte ich sonst….“

„Wir freuen uns das sie sich so wohl fühlen, Frau Mies und wünschen ihnen noch einen schönen Tag. Sollte es in den nächsten zwei Wochen Probleme geben, wenden sie sich bitte an Hubers, die fungieren während unserer Abwesenheit als Hausmeister. Aber das wissen sie ja“, meint Herr Hölle. “ Komm Häschen, wir müssen los.“ Häschen? Wenn die Hölle-Bau ein Häschen ist bin ich eine gezähmte Stubenfliege. Mein Plan ist jedenfalls aufgegangen. Solange reden, bis die vergessen haben, was sie wollten. Leider müssen sie nochmals durch den Vorgarten, um ihren Fiat Panda zu erreichen. „Denken sie an meine Worte. Abmahnung! So geht das nicht“, kreischt sie noch beim Einsteigen.

Sigla. Wo ist der nur? Ich glaube, ich gehe mal rüber und schaue nach ihm. Als ich an der geöffneten Garage vorbei komme höre ich ein summendes Geräusch und es riecht nach… ja, nach was? Süßlich, mit einer scharfen Note. Ich schaue in die Garage und sehe – keine fliegende Untertasse.  Ein unglaubliches Gefährt parkt darin. Räder hat es keine. Zumindest kann ich keine sehen. Das Ding schwebt 10 cm über dem Boden. Es ist golden. Am ehesten kann man es mit einem VW Beetle vergleichen. Das Design ähnelt sich. Nur das auf dem Dach drei Haifischflossen nebeneinander montiert sind. Insgesamt wirkt es, als sei es aus Chiffon und nicht aus Blech oder Stahl gefertigt. Darin sitzen PLC und Sigla. Die bemerken mich nicht mal. PLC hat sein Laptop auf den Knien und tippt irgendwas ein. Sigla dreht an verschiedenen Knöpfen. Mal steigert sich dadurch das Summen, mal verstummt es. Ich schlussfolgere, dass Sigla mit diesem Auto – oder wie nennt sich das? – auf die Erde kam. Da hebt er sein Haupt und entdeckt mich.

„Miri. Welch atemberaubender Anblick deiner Physis. Sei gegrüßt. Phil-Luc-Camus und ich versuchen soeben den Antrieb zu drosseln und tauglich für die hiesigen Pfade zu machen, damit ich mich frei und unauffällig bewegen kann“, erklärt KLS. Unauffällig. Klappt bestimmt. Nee, ist klar, ein goldenes Auto ohne Räder, dafür aus Chiffon gefertigt und mit Haifischflossen auf dem Dach fährt hier ja haufenweise rum. „Warum riecht es hier eigentlich nach einem Joint? Raucht ihr etwa Gras?“, will ich wissen. „Das ist der innovative Naturalienantrieb“, sagt nun PLC, um auch mal was zur Diskussion beizutragen. „Auf Yügöwämiß-Q9* gleiten sie mit einer Mischung aus Beifusskraut und Capsaicinextrakt durch die Luftwege. Als Benzinersatz. Sehr nachhaltig und Ressourcen schonend. Wusstest du, dass der Boden des Lucanus – so heißt das Modell – aus Eis besteht? Damit verhindert man Reibungswärme. Die würde entstehen, wenn man ungeschützt über den Einhornglitzer gleitet, der die Milchstrasse mit den anderen Galaxien verbindet.“

Ich will auf jeden Fall auch mal in dem Ding drin sitzen. Cooles Teil. Tatsächlich öffnet Sigla den Reißverschluss und lässt mich auf der Rückbank einsteigen. Wobei Rückbank nicht ganz richtig ist, denn das Auto/Raumfahrzeug/wieauchimmer sieht aus wie gespiegelt. Zwei gleiche Hälften aneinander. Vier Sitze. Je zwei vorne und hinten, aber die Sitze jeweils zu ihrem vorne gerichtet. „Wenn du jetzt losfliegst und ich hier gegen die Richtung unterwegs bin wird mir schlecht“, doziere ich. „Musst du gar nicht. Sollte ich losfliegen, dann kannst du den Sitz in der unteren Etage haben“, unterrichtet mich Sigla. Schwups, fährt der Lucanus hoch und stößt fast an die Garagendecke. Eine Stiege führt in die untere Etage, die ebenso angeordnet ist wie oben. Nur ohne die Knöpfe. „Wir finden es praktischer, wenn man nicht nachdenken muss beim Einsteigen.“

Logo. Die spinnen, die Yügöwämißen. „Wegen deines Aufbaus im Garten hatte ich eben mächtig Ärger. Meine Vermieter wollen, dass alles wieder in den ursprünglichen Zustand versetzt wird. Ich konnte dich gerade noch raushalten. Wenn die was von Außerirdischen gehört hätten, dann hätte ich sicher die fristlose Kündigung auf dem Tisch gehabt. Wann gedenkst du genug Titan abgebaut zu haben?“, frage ich Sigla. Der meint, er sei innerhalb von drei Tagen fertig. Mehr Titan sei da nicht rauszuholen. „Ich habe eine andere Entdeckung gemacht, der ich nachzugehen gedenke, liebe Miri. PLC hat mich auf die Idee gebracht. Bei uns gibt es deutlich zu wenig Nachwuchs. Wir sterben langsam aus. Woran das liegt, weiß ich noch nicht, aber ich werde kompetente Erdbewohner studieren, wie sie ihren Nachwuchs zeugen, austragen und auf die Welt werfen. Das Hauptproblem bei uns ist, dass die Frauen zwar schwanger werden, aber die Winzlinge schlüpfen nicht. Sie bleiben einfach in den Leibern drin.“ Ei, will der beim Sex zuschauen? Oder einer Entbindung beiwohnen? Ich habe Kopfkino und das ist keine romantische Komödie, sondern eher ein Horrorfilm.

Verabschieden wir Miri, Sigla, PLC, die Hubers und die Hölle-Baus in den wohlverdienten Feierabend und harren der Dinge, die sich entwickeln. Es ist nicht aller Abend Tag.

 

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