Dingsvasion – Genie unterwegs

Genial …

Die besten Einfälle kommen mir gewöhnlich in der Dusche, im Auto oder unmittelbar vor dem Einschlafen im Bett. Also immer dann, wenn ich sie nicht sofort aufschreiben kann. Die logisch scheinbar völlig ineinandergreifenden Ideen, die ich im Halbschlaf im Bett habe, sind am nächsten Morgen genauso wie die Träume nicht mehr konkret abrufbar. Nur noch blasse Bilder von Ideen, schwer greifbar. Schwache Erinnerungen daran, dass sie genial ware. Eingebungen welcher Art genau? Das bleibt der Logik und dem Wissen des Unterbewußtseins vorbehalten.

Die Welt wäre um einige Schlauheiten reicher, hätte ich meine hellen Augenblicke zu anderen Zeiten.

Vermute ich zumindest.

Neulich war ich wieder einmal in Gedanken versunken unterwegs durch die unterirdischen Welten jener Stadt, in der sich schon der dritte Mann zu wohlbekannten Zitherklängen herumtrieb. Natürlich lief ich nicht durch schwarz-weiß gehaltene Abwasserkanäle, sondern ließ mich, halbwegs bequem sitzend, in einer Zuggarnitur durch die U-Bahntunnel schießen. Gedanklich war ich bei „Futurama“ und „Mein Onkel vom Mars“. Vielleicht streifte ich sogar kurz die zuckersüße Mäuse-Dondrinenwelt des roten Planeten.

… unterwegs …

Wie wäre es wohl, bekämen wir Besuch vom Planeten Dings? Oder sind die Besucher womöglich schon da? Mitten unter uns? Der Nachbar von nebenan, ein schräger Vogel wie viele andere auch?

Eine heimliche Alieninvasion – das ist ja wahrlich keine neue Theorie. Statt sprechender Metalldosen (‚Tschuldigung, Bender!) und Antennen am Kopf, wären sie uns womöglich zum Verwechseln ähnlich. Sie sähen aus wie wir und verhielten sich in der Öffentlichkeit wunderbar angepasst.

Auffällig unauffällig, so wie der Typ mit den grün verspiegelten Sonnenbrillen, der mir schräg gegenübersitzt und pinkfarbene Turnschuhe zu gänzlich schwarzem Outfit trägt. In meiner Jugend wäre das undenkbar gewesen.

Oder die Frau mit der Reformhaus-Einkaufstasche, den zum Zopf geflochtenen grauen Haaren und der dicken Strickjacke. Völlig unscheinbar und doch irgendwie anders.

Über eine solch gewichtige Frage grübelnd, stand ich also vor der noch geschlossenen U-Bahntüre als wir in meine Zielstation einfuhren. Kaum öffneten sich die Türen, folgte ich automatisch dem vor mir gehenden Mann. Auch er schlug den Weg hinaus aus den Untiefen der Großstadt, hinauf ins Licht, hinein ins Straßengewusel ein.

Er war nicht der dritte, auch nicht der erste oder zweite Mann in diesem Zug. Er war ein namenloser von den Unzähligen – aus meiner Sicht. Seine wäre da selbstverständlich eine ganz andere.

Auch trug er weder leicht schräg sitzenden Hut noch dunklen Staubmantel wie Orson Welles. Vielmehr war er trotz eisiger Kälte bloßen Hauptes und mit Jacke unterwegs. Nehme ich zumindest an, denn ich achtete nicht wirklich auf ihn. Hätte er ein buntes Kleid und Damenschuhe oder einen schillernden Raumanzug getragen, könnte ich mich sicher an mehr Details erinnern. Aber so war er mein grau/braun/schwarzer (schlecht gewählter) Orientierungspunkt im morgendlichen Gedränge.

Erst als wir beide im Gänsemarsch auf der stillstehenden Rolltreppe gelandet waren, sah ich auf und er kurz zu mir zurück.

Stillgelegte Rolltreppen bremsen das Fortkommen ganz ungemein. Sie erscheinen mir noch starrer als andere Treppen. Man tappt die ersten Schritte über die ungleich hohen Stufen lächerlich unsicher dahin bis man langsam in die Gänge kommt und die Metalltreppe unter lautem „Klonk, klonk, klonk“ hinaufstapft.

Stormtroopers“ dachte ich.

Während all jene, die sehenden Auges durch die Gegend und vor allem von der U-Bahn nach oben liefen, leichtfüßig die normalen Treppen nahmen, plagten wir zwei uns die Rolltreppe hinauf. Wie unerfahrene Großstadt-Neulinge.

Auf dieser antriebslosen Klettertour hatte ich dann einen dieser großartigen Geistesblitze. Wie Reptilienschuppen fiel es mir von den Augen, die ich nach innen gewendet auf den Boden unmittelbar vor mir gerichtet hatte, um meine Gedanken nicht durch die Wahrnehmung der (bekannten) Umgebung zu stören.

…theoretisch

Einer Invasion hochtechnisierter Außerirdischer war viel leichter beizukommen als man allgemein und vor allem in Hollywood bisher vermutet hatte! Keine Superwaffen, keine fast unmöglichen Missionen durch das Weltall.

Die Lösung heißt:

Stellt die Rolltreppen ab! Und dann am besten auch noch die Lifte!

Keine Technik zur Fortbewegung. Punkt.

Dann wollen wir doch einmal sehen, ob die als Menschen verkleideten Drachen, die angeblich schon lange unter uns weilen und nach Weltherrschaft gieren, oder andere Aliens, die uns besser gesinnt sein mögen, nicht völlig abgeschreckt wären von der altmodischen Art des Menschen von A nach B zu kommen: Per pedes. Wer will das schon? Aliens benützen nicht die Füße, um die Welt zu überrennen! Und wie attraktiv ist schon ein rückständiger Planet?

Ein großartiger Plan!

Hm?

Schon als ich die letzten Stufen erklomm, erkannte ich die ersten Lücken in meiner tollen Theorie: Gerade wir Menschen neigen dazu, gehfaul zu sein. Beim Stillstand aller Rolltreppen wären es womöglich die Menschen, die letztlich an den Stiegen scheitern, während die sportlichen Dings-Planetarier die Treppen hinauf springen oder einfach überfliegen.

Was, wenn ihre überlegene Technik, sie nicht bequem gemacht hat, sondern ihnen als Ass im Ärmel dient, wenn unsere Systeme versagen? Was, wenn sie alle heimliche Sportskanonen sind, statt lahme, kaltblütige Reptilienartige?

Treppenabsatz erreicht, Theorie eingestampft.

Der Mann, dem ich blindlings nachgegangen war, war ebenfalls verschwunden.

… oder?

Gerade als ich das Stationsgebäude verlassen wollte, sprach mich eine junge, sehr groß gewachsene Frau mit einem riesigen roten Koffer im Schlepptau an: „Entschuldigung, wissen Sie wie ich zur U-Bahn kommen kann? Die Rolltreppen sind kaputt …“ Ich warf einen Blick auf das Namenschild am Koffer „Dingsleben“ stand da in fetten Lettern. „Das machen wir schon!“ antwortete ich und griff nach dem Koffer. „Sind sie gerade erst angekommen?“ 

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3 Gedanken zu “Dingsvasion – Genie unterwegs

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