Die Rückkehr zum Planeten Dings (Teil 7)

Angewidert schaue ich in den Spiegel. Meine Augen sind noch ganz verquollen von gestern. Die Tränensäcke wölben sich vor, sodass ich Derrick Konkurrenz machen kann. Mein Kopf dröhnt. Und dann fällt es mir wieder ein. Siglas Zettel, dass er zurück muss nach Yügöwämiß-Q9*. Nein, das darf nicht sein. Warum?

Ich ziehe mir schnell meinen ausgeleierten Jogginganzug a la Cindy aus Marzahn an. Wann kam ich eigentlich auf die Idee, mir einen rosa Plüschanzug zuzulegen? Aber das ist jetzt zweitrangig. Ich muss rüber zu Sigla und schauen was da los ist.

„Warum musst du zurück?“, überfalle ich Sigla, nachdem er die Türe geöffnet hat. Da steht er in einem goldenen Raumanzug mit Kapuze vor mir. In der Hand hält er das Agendenkosmoskop, welches hektisch blinkt. „Willst du nicht drangehen? Da blinkts“, werfe ich ihm entgegen. „Das ist nur eine eingehende Schriftdepesche. Kann warten. Komm doch rein, Miri. Möchtest du ein Heißgetränk?“

Ein Kaffee geht immer, aber ich will jetzt endlich wissen, was los ist. Während Sigla Kaffeepulver in die Bodumkanne gibt und der Wasserkocher vor sich herbrummt sagt er: „Das wir Dihydrogenmonoxidmangel haben, weißt du ja schon. Leider komme ich nicht mehr dazu noch mehr Titan abzubauen. Aber mit den 5 Waben können wir eine Weile arbeiten. Das Parlament beruft mich zurück, weil den Astrophysikchemikern im Stellarneutronenmikroskop eine seltsame Wolkenformation aufgefallen ist, die mit 15 Quasarmetern auf uns zukommt. Bisher wissen wir nicht, woraus sie besteht und ob sie gefährlich für unseren Planeten werden kann. Deshalb muss ich heim. Ich bin der einzige Universumsforscher im Umkreis von 8 Auszeiten mit Zusatz Nephologie. Meine Dissertation habe ich über den Tyndall-Effekt am Beispiel des Planeten Gilongu geschrieben.“

Obwohl Sigla sich in den letzten sechs Tagen sprachlich unsereins ziemlich angenähert hat, verstehe ich ob der Fachtermini nur die Hälfte. Ich muss wohl die gute, alte Tante google bemühen, um Licht ins Dunkel zu bringen.

Die Wolke hat angeblich die Form einer Waffel. Herzförmige „Blätter“, die miteinander verwoben sind. Aber das aller ungewöhnlichste ist, dass in der Mitte ein Loch das Licht der Spektrosphäre durchlasse. Eine Hole Punch Cloud. Die Farbe, meinen die Forscher auf Yügödings, changiere hellblau-hellgrau bis zu einem Touch von türkis. Man wisse noch nicht, ob es eine Mutter- oder Tochterwolke sei.

„Sigla, ich werde dich vermissen. Musst du wirklich gehen? Kommst du wieder? Wirst du uns vergessen? Ich hoffe, du wirst nur gutes über uns erzählen. Meine Türe steht die für immer offen. Ich hoffe, das weißt du“, und schon breche ich wieder in Tränen aus. Das Kerlchen ist mir so ans Herz gewachsen. Oh man.

„Meine Wohnung hier ist für zwölf Monate im Voraus bezahlt. Im Moment kann ich nicht absehen, wie lange ich auf Yügöwämiß-Q9* gebraucht werde. Wenn uns für das Dihydrogenmonoxidproblem keine zeitnahe Lösung einfällt, muss einer von uns auf jeden Fall nochmal herkommen und Titan synthetisieren. Ob ich das sein werde, ist allerdings nicht zwingend so. Wenn nicht, werde ich aber dafür sorgen, dass meine Schwippschwägerin Zarizabase Zinazinsa Zehweh entsendet wird. Mit der wirst du dich gut verstehen. Außerdem ist sie eine Schönheit, auch ohne Oberweitenoperation. Vielleicht könnten wir sogar verwandt werden…“, sinniert Sigla vor sich hin – oder heißt es her?

Ernsthaft? Oha. Was wird jetzt aus dem Angebot, dass er uns alle mitnimmt zum Planeten Dings? Ich heule und heule und heule. Ein Wasserhahn ohne Abstellknopf. Blöder Ernst des Lebens. Ich will den Typ nicht mehr. Also Ernst. Nicht Sigla. Den will ich schon.

„Schau mal, da kommt Phil-Luc-Camus. Der wird meine Wohnung für die nächsten Wochen hüten, bis ich näheres weiß. Wir haben das Agendenkosmoskop mit dem Laptop synchronisieren können. Das heißt, du kannst mir jederzeit schreiben. Wir können auch skypen. Hat PLC in ein komprimiertes Dateiformat umgewandelt, sodass ich nun – wie heißt das bei euch? App? – ein Programm aufrufen kann. Ist ein bissel kompliziert gewesen, da eure Satelliten und das GPS nicht bis in die Tiefen des Weltraums vordringen. Der letzte Satellit senden nun ein Signal, welches auf dem Einhornglitzer der stellaren Schnellstrasse von Diamant zu Diamant weitergeleitet wird. Schau nicht so ungläubig. Es wird funktionieren“, doziert KSL.

Ich schaue aus der Dachluke, damit er nicht sieht, dass ich immer noch weine. Ich sehe meinen Vorgarten von hier aus. Die Ywisstäbe, die Transpontermikronenapparatur und die selbstgebastelte Schutzhaube – alles schon entfernt. Rasen wächst noch nicht wieder, aber er hat alles begradigt. Nichts weist mehr auf die aufregendste Woche meines Lebens hin.

„Ich muss los, Miri Mies bzw. Miri Klifitter-zu-Jawyn. Nun konnte ich das mit dem Namenswechsel nicht mehr eruieren. Ich werde dich von meinem Planeten aus davon in Kenntnis setzen. Ich kenne da einen Onomastiker. Den werde ich bitten, Klarheit zu bringen. Sei nicht traurig. Wir werden uns wiedersehen.“ Sigla schnappt sich alle seine Sachen und gemeinsam steigen wir die Treppen herunter. Er parkt den Lucantus aus der Garage aus. Dann nimmt er mich fest in den Arm, schwingt nochmal seine Hüfte an meine und steigt endgültig ein. Bevor er die Türe schließt, reicht er mir noch einen Briefumschlag. „Erst öffnen, wenn ich weg bin.“ Dann startet er den leisen Motor. Während ich noch denke, dass bestimmt gleich die ganze Straße bevölkert wird, wenn er mit dem abgespacten Fahrzeug loszuckelt, löst sich dieses auf, wie ein Nebelschleier, und wird unsichtbar.

Jetzt ist er weg. Scheisse. Ehrlich. Ich winke ins Leere, in der Hoffnung, dass er mich noch sieht. Da kommt PLC um die Ecke. „Ist er schon weg?“ „Ja, gerade eben. Noch keine 20 Sekunden her. Du hast ihn verpaßt“, sage ich. „Was hast du da in der Hand?“, fragt mein Neffe. Der Briefumschlag! Ich öffne ihn mit zittrigen Händen und ziehe die Karte heraus. Und obwohl mir die Tränen nun in doppelt schneller Anzahl die Wangen runter laufen, muss ich schmunzeln.

der-ernst-des-lebens

 

Alle autobiografischen Zufälligkeiten aus dem Leben der Autorin sind mit voller Unabsichtlichkeit beabsichtigt gewesen und dürfen sinnfrei im Kontext interpretiert werden. Auch Gerüchte haben immer ein Körnchen wahren Migrationshintergrunds. Ich danke allen, die an der Reise zum Planeten Dings teilgenommen haben. Sollte ich per Kommentar, Email, Telefon, persönlicher Beratung oder sonstwie angebettelt werden, Sigla und Konsorten nicht im Dunkel des Universums verschwinden zu lassen, könnte es sein, dass die Geschichte eines Tages auf dem Ursprungsblog ventilierpartikel.wordpress.com weiter gesponnen wird. Gehabt euch wohl!

Copyright, Vervielfältigung und Veröffentlichung – auch nur auszugsweise – bedarf für alle Teile der schriftlichen Zustimmung der Autorin. Verlage, die mir ein Buchprojekt anbieten wollen sind gerne eingeladen, dies zu tun. 🙂

© Ventilierpartikel 2017

 

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6 Gedanken zu “Die Rückkehr zum Planeten Dings (Teil 7)

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