Die Sommer am Meer

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Früher, als ich noch Kind war, war es so gewesen: Weit im Landesinneren helle Aufregung, weil man bereits das Meer riechen konnte. Köpfe reckten sich über Leitplanken in der Hoffnung, einen Blick auf die schimmernde Verheißung werfen zu können, auf die geheimnisvolle Schönheit unverbauter Fläche. Das Meer, das Tor zur Freiheit, Siegel der Unendlichkeit, Spiegel der eigenen, unverstellten Seele. Das Meer ließ die Gedanken tanzen, das Herz hüpfen vor Freude und vor Aufregung lutschten himbeerrote Münder harte Bonbons ein wenig schneller.

Und wenn man dann da war, angekommen war, und auch das Zelt nach langem Überlegen und wortreichen Diskussionen endlich an seinem Platz stand, waren die Eltern plötzlich ganz entspannt. Mit einem Mal gab’s jeden Tag ein Eis, manchmal sogar zwei, abends dann Gegrilltes und Tomatensalat, mit oder ohne Zwiebeln. Der Vater mit jedem Tag mehr von Abenteuerlust getrieben, während die Mutter ängstlich hinterherlinste. Man schwamm und schnorchelte, bis man schier jeden Fels kannte. Man eroberte das Meer, machte es zu seinem eigenen Wohnraum. Wie man sich plötzlich auskannte! Man wusste, dass dort drüben der kantige Felsen ist, auf der anderen Seite das leuchtende Seegras, dort hinten die ekligen Aale. Wie man sich plötzlich auskannte, auch mit sich selber. Wie man auf einmal Raum in sich entdeckte, die Möglichkeit eines Lebens voller Abenteuer. Nie war man freier. Nie war man glücklicher. Man war eins geworden mit dem Meer. Das Leben zuhause weit weg und unvorstellbar.

Und dann, nach zwei Wochen: Wie das Zelt plötzlich wie ausgehaucht am Boden lag, wo man doch sein ganzes Leben darin hätte verbringen können!

Als Kind hatte ich gedacht, selber so wie das Meer zu sein. Wild und unbezähmbar, von unergründlicher Tiefe, noch unerforschtes Phänomen. Was waren wir lebendig gewesen, mein Vater und ich. Das Meer hatte ihn lebendig gemacht. Wie waren wir uns nahe gewesen, in jenen Sommern am Meer.

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5 Gedanken zu “Die Sommer am Meer

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