Manipulationen

Liebe LeserInnen,

ich kann nur schlecht NEIN sagen. Deshalb bin ich seit drei Stunden mit Tabellen beschäftigt. Die Schatzmeisterin unseres Kleingärtnervereins bat mich um Hilfe bei der Erstellung der alljährlichen Mitgliederrechnungen.

Das kann ja nicht so schwer sein, dachte ich und sagte zu.

Mitgliedsbeitrag plus Pacht für die Parzelle und fertig ist die Rechnung, dachte ich.
Hätte ich mir in den vergangenen Jahren besser mal meine eigene Rechnung etwas genauer angesehen, anstatt einfach nur den fett gedruckten Betrag zu überweisen.

Für eine ordnungsgemäße Abrechnung müssen der Elektroenergieverbrauch und der Trinkwasserverbrauch den Parzellen zugeordnet, die sich aus den Rechnungen des Energieversorgers und der Wasserwerke ergebenden Kilowattstunden- und Kubikmeterpreise eingetragen und die Adressen der Kleingärtner geprüft werden.
Ferner sind Listen mit Laubenversicherungen und Gartenzeitungsabonnements zu prüfen.
Außerdem steht in unserer Satzung, dass die Mitglieder Pflichtarbeitsstunden zur Erhaltung der Anlagen unseres Vereins leisten. Wer dies nicht tut, muss die fehlenden Arbeitsstunden in Euro abgelten. Welche Arbeiten von welchen Mitgliedern erbracht wurden und wieviele Stunden jeweils gut geschrieben werden, steht in einer gesonderten Tabelle. Als ich gerade versuche, die mit jeweils zehn Minuten gelisteten Gießeinsätze am Vereinskräutergarten nachzuvollziehen, klingelt mein Telefon.

„Wir hatten doch vereinbart, das Thema ‚Kunst liegt im …‘ zu wählen.“, knarrt die Stimme meines Nachbarn vom Planeten Dings aus dem Hörer.

„Ich wünsche dir auch einen guten Abend.“, entgegne ich.

Mein Nachbar schnauft: „Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu. Die ganze Zeit sah es aus, als würde die Entscheidung zwischen ‚Kunst liegt im …‘ und ‚The show must go on‘ fallen und nun?“

„Kindheitserinnerungen“, sage ich.

„Genau, angeblich waren drei Themen punktgleich.“

„Ich habe es gelesen. Das ist doch das, was ich dir gesagt habe. Meine Wunschthemen sind einfach nicht mehrheitsfähig. Aber du wolltest es ja nicht glauben und unbedingt mitmachen“

„Das ist doch alles manipulierter Mist. Wer weiß, vielleicht haben die Russen den Mitmachblog gehackt. Ich nahm an, wenn wir beide voten, dann würden wir es schon hinkriegen. Ich hab drei mal für ‚Kunst liegt im …‘ abgestimmt.“

„Drei mal? Das ist dann aber auch eine Manipulation. Da brauchst du dich gar nicht aufzuregen.“

„Hast Du welche?“

„Was?“

„Kindheitserinnerungen?

„Natürlich.“

„Nein, ich meine ob du schon welche aufgeschrieben hast?“

„Ich mach hier grad die Jahresrechnung für unseren Kleingärtnerverein.“

„Ich hab schon was geschrieben. Warte, ich schick dir gleich eine Mail.“

Es knackt und die Leitung ist tot.

Wenig später erhalte ich eine Mail mit der Betreffzeile: Tage der deutschsprachigen Literatur Klagenfurt

Ich kann etwas Ablenkung von den Zahlen gebrauchen und lese.

Kindheitserinnerungen – Ein Fragment

Meine Kindheit wurde im Wesentlichen von der Schwerkraft bestimmt. Zunächst wurde mein ganzer Körper sehr oft vom Boden angezogen, später vor allem Gegenstände, die ich von einem Ort zum anderen transportieren wollte.

Mein Vater verließ meine Mutter und mich kurz vor meinem zweiten Geburtstag.

Als ich meinen erstes Fahrrad geschenkt erhielt, bekam mein Verhältnis zur Gravitation eine neue Qualität.

Meine Mutter kaufte mir einen leuchtend gelben Fahrradhelm und schwarze Protektoren für Ellenbogen, Schulter und Knie.

Ich fiel  fuhr mit meinem Fahrrad sehr oft zu meiner Oma, die nur wenige Straßen von der Wohnung meiner Mutter und mir entfernt lebte.

Meine Mutter arbeitete damals in einem Supermarkt und in einer Videothek. Im Supermarkt besuchte ich sie nur selten. Ich war einmal mit einem meiner Protektoren an einem Stapel Knuspermüslikartons hängen geblieben und in den, sich daraus ergebenden, Haufen hineingestürzt.

In den folgenden Monaten gab es bei uns zu Hause sehr oft Knuspermüsli, manchmal auch zum Abendbrot.

In der Videothek durfte ich meine Mutter nicht besuchen. Das wollte meine Oma nicht.

Oma ging statt dessen mit mir in den nahe gelegenen Stadtpark. Dort erklärte sie mir Vögel. Auch zu Eichhörnchen und Hunden konnte meine Oma manche Geschichte erzählen. Aber die Vögel hatten es ihr besonders angetan. Oft lauschten wir andächtig dem vielstimmigen Gezwischer, das aus den Baumkronen zu uns herunter schallte. Ich war berührt, begeistert, beschäftigt.

Vielleicht wäre ich Ornithologe geworden. Doch dann fiel ich in einen kleinen Tümpel. In der Mitte des Tümpels befand sich eine kleine Holzhütte, in der Schwäne brüteten.

Meine Oma ging danach nicht mehr so oft mit mir in den Stadtpark.

… wird fortgesetzt  (Alle Rechte vorbehalten!)

Mein Telefon klingelt erneut.

„Und?“ höre ich die Stimme meines Nachbarn.

„Und was?“

„Und wie ist es? Hast du den Text schon veröffentlicht?“

„Wenn du es noch in Klagenfurt einreichen möchtest, darf es noch nicht veröffentlicht sein, habe ich mal gehört.“

„Ach, da habe ich doch eh keine Chance. Das ist auch so eine manipulierte Veranstaltung. Veröffentliche ruhig.“

Na wenn ich so nett gebeten werde.

Verlegerische Grüße vom Listenschreibtisch

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17 Gedanken zu “Manipulationen

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