Kindheit und der Planet Dings, auf dem ich lebte

Kindheitserinnerungen. Thema der Woche. Ich habe das nicht gewählt und ehrlich gesagt, begeistert es mich immer noch nicht.

Es begeistert mich insofern, dass ich mich gerne durch die anderen Beiträge lese, die teilweise zum Schmunzeln und teils zum Nachdenken sind und einladen. Aber ich?

Es ist nicht so, dass ich eine schlechte oder schwere Kindheit hatte. Aber mein Verhältnis zur Vergangenheit ist ambivalent. Ich lebe lieber im hier und jetzt und versuche nicht in einer dauerhaften Rückblende à la „früher war alles besser“ zu leben.

Als Kind ist manches anders. Man hat andere Dimensionen. Im Prinzip – um auf das vorherige Wochenthema anzuspielen – lebt man auf dem Planeten Dings. Im Laufe der Jahre wird man auf den Planeten Erde geholt. Der ist auch sehr schön, doch gelegentlich ereilt einen die Sehnsucht zurück zum Planeten Dings zu kehren.

Nun aber mal zu den eigentlichen Geschichten von damals, an denen ich euch teilhaben lassen will. Die kurios waren und an die ich mich noch gut erinnere.

Klassenfahrt

In der 5ten oder 6ten Klasse fuhr ich das erste Mal auf Klassenfahrt. In der Grundschule war das bei uns damals noch nicht üblich. Ich war sehr aufgeregt. Früh am Morgen trafen wir uns mit unserem Gepäck an der Schule (und mit Mutti, die mitfuhr – liebe Muttis: das geht gar nicht!). Wir stiegen in den Bus ein, suchten uns einen Platz (neben Mutti – geht gar nicht!) und los ging es. Wir fuhren „stundenlang“ über verschlungene Pfade, die Autobahn, die Landstraße bis wir am Spätnachmittag in der Jugendherberge ankamen.

Jahre später – ich hatte selbst einen Führerschein + Gefährt erworben – fuhr ich an einem sonnigen Wochenende etwas planlos durch die Gegend, als ich an jener Jugendherberge vorbei kam. Aber das konnte doch gar nicht sein. Wir waren damals doch so lange gefahren. Ernsthaft: die Jugendherberge war nur 20 min von zu Hause entfernt. Wir können nicht den ganzen Tag unterwegs gewesen sein! Was ich auch verstehe, denn sicher wollten die Lehrer, dass man die Kinder notfalls abholen könnte, falls das Heimweh Überhand genommen hätte.

Klassenfahrt 2.0

Wie eben schon angedeutet, fuhr meine Mutter mit auf Klassenfahrt. Natürlich gab es dafür Gründe. Erstens war es damals so, dass man selbst kochen musste in der Unterkunft und dafür brauchte man eben Mütter. In den 70er Jahren wurden noch (meistens) die gängigen Klischees bedient, dass die Mütter zu Hause waren und sich um die Brut und den Herrn Gatten kümmerten. Im beschaulichen Nordhessen war das noch sehr lange so. Meine Mutter bot sich also an, uns zu bekochen.

Zweitens hatte ich damals eine gesundheitliche Einschränkung. Dies sollte aber außer dem Lehrer und der Freundin niemand wissen und meine Mutter meinte, es wäre besser, wenn sie sich um mich kümmert. Sie fuhr auf sämtliche Klassenfahrten und Jugendfreizeiten mit, bis ich 15 oder 16 war.

Ende vom Lied war aber, dass man es entsprechend für gut hielt, dass ich mir mit Mama das Zimmer teilte. Alle Mitschüler hatten nächtlichen Spaß und bereiteten Streiche vor, geisterten durch die Gänge, lachten, wurden geschimpft…alles was dazu gehört und ich wurde ausgegrenzt. Ich war nicht dabei. Mama hatte das Zimmer gut abgeschlossen.

Kein Wunder, dass ich der Einzelgänger war und fast keine Freunde hatte. Liebe Mütter, tut das euren Kindern nicht an. Wenn ihr schon mitfahrt (es soll ja auch Kinder geben, die darum betteln und das genießen), dann teilt euch wenigstens nicht das Zimmer mit dem Kinde.

Aktenzeichen XY

Noch eine Kindheitsgeschichte von meinem Planeten Dings. Bei uns wurde nicht viel TV geschaut. Kinderfernsehen? Nicht wirklich vorhanden in den 70er Jahren. Ich hasste es, krank zu sein, weil es so langweilig war. Da durfte ich zwar dann fernsehen, aber vormittags kamen Nachrichtensendungen, dann war Mittagspause in der Glotze, am Nachmittag gab es mal eine Kindersendung (schwarz-weiß natürlich und umschalten ging nur direkt am Gerät) und abends Erwachsenenkram bis zum Sendeschluss.

Worauf Mama aber bestand (ich muss ungefähr so 10 Jahre gewesen sein), dass wir Aktenzeichen XY mit ihr sahen. Das ist ja nun wirklich keine Kindersendung. Sie begründete das immer damit, dass es wichtig wäre zu wissen, wie die „schlechten“ Menschen ticken. Zum Schutz also. Mir ging das nahe. Ich hatte viel Fantasie und nahm mir die nachgestellten Szenen sehr zu Herzen. Nach der Sendung ging ich immer mit Angstschweiß aufs Klo. Ich hatte Angst, die Mörder würden durch die Kanalisation kommen und im Bad auf mich warten. Taten sie glücklicherweise nicht, aber ich hasste es, wenn es wieder soweit war – Aktenzeichen-Abend.

Bis heute hat sich die Aversion gegen die Sendung (die ich durchaus für wichtig halte) gehalten. Ich schaue sie mir nicht an. Auch wenn ich heute die Mörder nicht mehr auf meiner Toilette vermute.

Resümee

Ich könnte noch einige Geschichten erzählen. Leider blieben mir viel mehr „negative“ Geschichten in der Erinnerung. Dadurch würde es so klingen, als hätte ich keine schöne Kindheit gehabt. Stimmt aber nicht. Es gab auch viele schöne Stunden. Wir bauten im Winter Iglus im Garten. Schnee lag meterhoch und oft sogar noch an Ostern. Weihnachten durften wir so lange ausschlafen, wie wir wollten. In den Sommerferien gingen wir ins Schwimmbad. Wir tranken Sunkist aus der pyramidenförmigen Verpackung, holten uns beim Bäcker ein Mohrenkopfbrötchen (political incorrect, aber lecker), mischten uns Tritop und Wasser zu einer Brause zusammen und aßen noch Raider, bevor es zu Twix wurde und nicht mehr schmeckte.

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