Kindheit und einige Erinnerungen

Da war doch was, neulich. Dieses Thema mit Budenbauen und „vorm Dunkelsein nach Hause kommen“.
Eigentlich ein schönes Thema, das wir möglicherweise mit angeschubst haben. Aber dann kommt „man“ doch ins Grübeln, WAS man preisgibt, WAS man erzählen möchte, WAS andere vielleicht interessiert.
WAS ist eigentlich damals…alles…passiert?

Psychologisch gesehen teile ich meine Kindheit in vier Teile auf.
Teil eins: Bis zum Kindergarten, da weiß ich kaum was von. Es gab Menschen, Tiere, Igitt-Krabbeltiere, Süß-Felltiere, Schokolade (meistens Schlagersüßtafel), Messegäste und Oma´s, Opa, Tanten, Onkel und sowas alles.

Teil zwei: Kindergarten/die ersten Schuljahre.
Wir wohnten in der Mitte des langen Straßenweges, auf dem die Kinder alle nach und nach „eingesammelt“ wurden und hüpfend-spielend gemeinsam weiter zum Kindergarten „gingen“. Man kannte sich, Eltern wie Kinder wie Nachbarn wie Großeltern und Kindergartentanten. Püppi Langstrumpf war Kult. Ich war wie Püppi aber mit einfachen Socken und nicht ganz so aufgedrehten Lockenzöppen. Mami hat morgens oft gemeckert wegen diesen Haaren. Aber sie waren so schön golden und lockig und alle beneideten SIE darum. SIE??? Ich war eben ganz „doll“ Püppi Langstrumpf und mein einer Nachbarsjunge war „Tommy“ und „Annika“ suchten wir gelegentlich neu aus. Das Pferd war eine Metallstange, die ich mühelos kraftzehrend hochheben konnte. Herr Nilsson war mein Plüschaffe.
Meine Geburtstage waren immer auch Faschingsfeiern. Alle meine Gäste durften sich auch kostümieren.
Das Leben war unbeschwert, ehrlich und ich war KIND. Mein Papa war zwar einige Jahre weg, aber es konnte von Mami und allen anderen gut „umgangen“ werden. Kam in die Schule. Papi war irgendwann wieder „da“.

Teil drei: plötzlicher Umzug in ein anderes Leben.
Woanders. Die Unbeschwertheit hörte urplötzlich auf. Ein Mann wurde „Stiefvater“ von mir und meiner älteren Schwester. Der Mann mochte mich nicht. Die jüngere Schwester wurde als seine Tochter geboren als ich zehneinhalb war. Ich musste dieses süße, nervig dauerschreiende Etwas im Kinderwagen schieben, immer nach der Schule. „So ein junges Mädchen und schon ein Baby! Wie furchtbar!“ Verstand ich nicht. Das hier war doch ein Dorf. Mussten doch alle wissen wie es richtig war. Als die Kleine Süße älter und etwas stiller wurde, kam ihr Erzeuger in Fahrt. Ohne Alkohol schon aggressiv, mit Alkohol enthemmt. Ich hatte selten blauen Flecke. Auf dem „Hinterkopf“ sieht man das ja nicht. In den Kniekehlen auch nicht.
Im Sport schämte ich mich eh, der Sportlehrer war sadistisch und freute sich über missglückte Sportversuche. Die Partei war stark. ER war darin Parteisekretär und andere Wichtige saßen auch drin. ER war der Beste in den Vereinen und Stärkste. Meine Hilferufe wurden nicht erhört. Von keinem. Ich wurde noch bestraft weil ich „lügte“.
Ich suchte Trost bei Tieren und im Wald. Davon gab es genug ringsherum.

Teil vier: Danach bis zur Jugendlichkeit… habe ich alles überlebt. Was uns nicht umbringt macht uns stark. Trifft tatsächlich zu.
Meine ältere Schwester und ich haben unserer Mutti am „Tag X“ sozusagen das Leben gerettet. ER hatte das erste Mal auch unsre Mutti angegriffen. Sowas bleibt im Gedächtnis, manchmal merke ich wie sehr in bestimmten Situationen das Ganze wieder „hochkommt“. Manchmal hilfreich, manchmal zermürbend und manchmal falle ich in eine Schockstarre.

ostern_76Es gab aber auch viele schöne und lustige Begebenheiten an die ich mich ERINNERE. Mein erster Regenwurm. Bäh der hat nicht geschmeckt. Ich schäme mich heute noch dafür. Tipizeltbau und Indianer-Cowboy-Spiele. Mein erster und einziger Ritt auf Nachbars Bernhardiner. Das zweite Ostern (an das ich mich erinnere!) weil ich ALLE Körbchen fand und meine ältere Schwester keins. Und sie wochenlang mit mir schmollte.
Das Meerschweinchen was ich mir selbst aussuchen durfte. Schwarzweißgefleckt. Kuschlig war es und große dunkle Augen hatte es. Etwas zum Liebhaben. Nicht zum Spielen. Fasziniert beobachtete ich es, zum Beispiel wie es fraß. Wie es die Möhre anknabberte und seine Zähnchen daran nagten. Unvergesslich.

Weil ich so niedliche Locken – wie mich das nervte!!! – hatte (Teil 2) durfte ich bei Hochzeiten manchmal die Blümchen streuen. Doch dieses „Artigsein rumsitzen stillsitzen stillsein lächeln geradesitzen nichtkleckern“ fand ich sehr anstrengend. Einmal bin ich auf der ersten Stufe vom Standesamt nach draußen ausgerutscht und hab das Körbchen in hohem Bogen fallen lassen. Alle ringsrum bekamen Blümchen ab. Es war sehr schön bunt. Die Braut lachte herzlichst, der Bräutigam war sehr bemüht die „Contenance“ zu wahren und meine Mutti sah hochrot aus als ob sie gleich platzen würde.

Kindheitserinnerungen sind immer einzigartig. An manches erinnert man sich gern, an anderes weniger, einiges verdrängt man. Aber mein Fazit ist: Was auch immer „passiert“ ist – auf manches hätte ich gern verzichtet – aber es macht(e) mich zu dem, was ich heute bin. Fünfunvierzig und einen Tag.

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4 Gedanken zu “Kindheit und einige Erinnerungen

  1. Anfangs und zum Schluss liest es sich so schön und konnte anfangs auch alles richtig schön mit empfinden.
    Dann wieder ab Teil vier „bäh Regenwurm“ irgendwie etwas erleichterter erinnernd.
    Was dazwischen lag solltest du irgendwie vergessen, denn wirklich nicht gut und schön fürs Leben…
    LG

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    1. da hast du recht Hanne 😉
      Es ist eben sehr „gemischt“ und diese Erinenrungen verfolgen mich ja im normalen Alltag auch nicht (mehr). Damit zu leben habe ich gelernt und ich freue mich umso mehr über schöne und fröhliche Erlebnisse… Mehr nach vorn schauen… bringt auch weniger Nackensteife als sich ständig zürückzudrehen 😉

      Gefällt 1 Person

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