Kindheitserinnerungen -jetzt Wirklich?

Kindheitserinnerungen ist ein Thema, welches ich mir als aller letztes ausgesucht hätte. Das liegt besonders daran, dass ich an meine Kindheit nicht gerne zurückdenke.
Ich war als Kind eine Mischung aus Brillenschlange, Klugscheißer und hoffnungsloser Versager, was sich durch das fehlende Talent in der Rechtschreibung äußerte (ich habe Legasthenie, obwohl das nie bewiesen wurde). Dazu kam noch ein starker Hang zur Religion – ich rannt mit »Jesus lebt«-Broschen herum – was mich zum Außenseiter einer jeden Gemeinschaft titulierte.
Die echten Streber hatten ein Problem mit mir, weil ich nicht gut in der Schule war, die Anderen, weil ich redete und aussah wie ein Steber und Alle, weil ich ihnen mit Gott auf den Geist ging. Meine Fantasy in der Rechtschreibung führte schließlich sogar zu meiner frühzeitigen Entlassung aus dem Gymnasium und dem Gang zur Realschule in der Bronx meiner Heimatstadt.
Das Ding hatte einen sehr schlechten Ruf, dem alle Schüler gerne gerecht wurden. Die Klassen bestanden aus Rowdys und Kleinlauten, einer von den letzteren wurde später ein sehr bekannter Sterne- und Fernsehkoch, was damals keiner wusste. Der Arme hatte unter den Rowdys stark zu leiden.
Ich hatte es weniger schwer, denn ich hatte meinen persönlichen Rowdy. Einer der besten der Schule und definitiv der stärkste. Wir hatten auch außerhalb der Klasse viel miteinander zu tun. Franko besuchte mich am Nachmittag in großer Regelmäßigkeit zum C64 spielen. Wir gingen durch die Felder und spielten sehr viel, waren allerdings immer auf der Hut, dass man uns nicht miteinander sah.
Franko war nämlich am Vormittag derjenige, von dem ich die meisten Prügel einsteckte. Sobald die Pausenglocke läutete und wir uns auf dem Schulhof sahen, steckte ich einen Satz ein, dass mir Höhren und Sehen verging.
Ich sprach ihn einmal, während unserer C64 Spiele darauf an und er sagte: »Das muss so sein. Ich habe schließlich einen Ruf zu verlieren.«
Das leuchtete mir damals, wie auch heute ein. Ich hätte mich heute als Erwachsener schließlich als Kind damals auch geschlagen. Dieser kleine Besserwisser war ein absoluter Versager und hatte seine Strafe verdient. Jeder von uns spielt seine Rolle im großen Tanz des Lebens. Aus dieser Rolle zu fallen, würde das Gefüge der Welt aus den Anker reißen und das will doch keiner, oder?
Einer der weniger kräftigen Rowdys der Schule bot mir an einem Tag seine Hilfe an, die ich dankend ablehnte. Ich sagte: »Ich komm schon klar.«
Vielleicht hätte ich sogar andere Freunde gefunden, hätte ich diese Hilfe damals nicht abgeschlagen. So war ich weiter Außenseiter und nachmittags guter Freund von Franko.
Leider musste uns Franko, wie auch der Sternekoch frühzeitig verlassen (der Eine ging eine Schulform nach unten – der andere in eine bessere Realschule) und ich war in der Not, mir neue Freunde zu suchen. Ich fand ihn in einem Menschen, die mir intellektuell hoch überlegen war.
Im Rückblick auf das folgende Leben fällt mir auf, dass ich einen Hang zu Hochstaplern habe. Einige davon waren Leute, die ein anderes Leben erträumten und von diesem erzählten, weil sie sich für ihr reales schämten. Andere hingegen erzählten mir von einem anderen Leben, nur weil ich ihnen glaubte.
Einer der Letzteren war Boris. Er hat mir gezeigt, wie leichtgläubig ich war.
Er erzählte mir von Ufos und komplizierten physikalischen Gesetzten und ich war fest davon überzeugt, dass er eins dieser fliegenden Objekte gebaut hat und mich irgendwann einmal mitnehmen würde. Ich wollte mit ihm bis an den Rand des Universums fliehen.
Als ich von der Endlichkeit des Universums einmal in meiner Klasse erzählte, lachten alle Kinder und auch die Lehrerin. Sie hatten noch nie davon gehört. Dass ihre Welt »endlich« war, wollte keiner akzeptieren.
Nur, um das klar zu stellen: Das Universum entstand durch den Urknall, dehnt sich aus und da es sich ausdehnt, hat es auch ein Ende, d.h. einen räumlichen Rand. (Ich hatte also damals doch recht! Ha! Und ihr habt gelacht ihr Versager!) Dies aber nur am Rande…
Boris erzählte mir von fremden und fernen Welten, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat und ich glaubte ihm jedes Wort. Er war sehr gut und hochgradig intelligent. Das zeigte sich auch darin, dass er ›Jugend-Forscht‹ gewann. Er war kein Spinner, sondern nur jemand, der manipulierte und das verdammt gut konnte. Jeder glaubte ihm (er schaffte es sogar mal bei einer Jugendfreizeit mit allen minderjährigen Zuhörern, die ihm Nachts auf ein Feld folgten) und ich hoffe, dass er diese Fähigkeit nicht verloren hat. Sie ist wirklich ein Talent, welches man schützen sollte, wenn es auch keine Tugend ist.
Menschen die einen so manipulieren können, sind in meinen Augen echte Genies.
Es gibt noch viel mehr zu erzählen, allerdings müsste ich mich für den Rest nicht minder schämen. Ich war einfach viel zu naiv und viel zu dumm für viele Zusammenhänge. Diese Begebenheiten haben mich allerdings zu dem Menschen gemacht, der ich jetzt bin. Vielleicht war es deshalb auch gut, dass es so passiert ist.

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10 Gedanken zu “Kindheitserinnerungen -jetzt Wirklich?

    1. Ach quatsch, so schwer war die auch nicht – war ja keine Gewalt oder Misshandlung dabei. Ich war nur sonderbar und naiv in der Schule. In der Bibelgruppe war ich total angesagt!
      Alles halb so wild.
      Allerdings hab ich eine sehr differenzierte Sicht auf Mobbing – mich hat es stark werden lassen – also kann es nicht immer schlecht sein. Ich lernte daraus, wir man sich wehrt und wie man einfach so lebt, wir man es selbst will. 😉

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    1. Dank Dir.
      Sobald ich meinen Humor verliere, würde ich wahrscheinlich direkt zu Staub verfallen.
      Wenn jemand über sich selbst jammert, kann ich das nicht immer nachvollziehen.
      Ende letztes Jahr haben sie einen doppelten Bandscheibenvorfall diagnostiziert und seit vier Tagen bin ich in den Fängen des Noro-Virus. Die Krankheiten werden eher mehr als weniger. Trotzdem bleibt das Motto immer: Halb so schlimm – manchen geht es schlechter und andere sind schon tot.
      Also Daumen hoch und lächeln.

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  1. Genau auch meine Einstellung!
    Das Leben an sich ist oftmals auch so schon schwer genug. Wozu sich dann noch mehr belasten, selbst quälen und was, wem würde es was nützen!?
    Wünsche dir gute Besserung🍀 Kopf hoch… und alles wird gut!☺

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    1. Na ja, die letzten Tage waren zum Kotzen. Ich musste mir einiges durch den Kopf gehen lassen. Noro-Virus ist echt für den Arsch – voll beschissen. 😜😎
      Dank Dir – ist aber jetzt endlich gegessen. Fühle mich, als wäre ich entschlackt.

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    1. Und ich lächelte und war froh und es kam schlimmer – wenn dann das ganze Zitat. 😉
      Ich kann von den halbe Glas kaum noch hören. Wenn man einigermaßen realistisch ist, gibt es immer Mittel und Wege, dass es noch schlimmer wird (siehe auch die heutige Weltpolitik) – es bleibt nur: lieber eine Liege auf der Titanic und laut mitsingen während das Schiff sinkt, als rumrennen und Panik schieben.

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